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Ausstellung im Schloss BellevueDas meiste ging für die Sicherheit drauf

Wo sonst der Bundespräsident waltet, wandeln aktuell Be­su­che­r:in­nen auf den Pfaden der Kunst: Die Akademie der Künste nutzt das Schloss Bellevue in Berlin für eine Ausstellung.

Die Zwischennutzung ist eine Berliner Erfindung – genau wie die Currywurst oder der Döner. Zwischennutzung, das bedeutet, Kulturtreibende nutzen Immobilien-Leerstand und beziehen diesen kurzfristig, was zu einer klassischen Win-win-Situation führt, weil die Mieter wenig oder nichts bezahlen und der Besitzer die Immobilie hinterher oft für mehr Geld vermieten oder verkaufen kann. Das nennt man dann Aufwertung und weil ein großer Teil Berlins nach diesem Muster verscherbelt wurde, gab es eine Zeit lang nicht mehr so viele Zwischennutzungen.

Derzeit kommt es aber zu einer besonders spektakulären Zwischennutzung. Denn nicht weniger als das Schloss Bellevue, Amtssitz des Bundespräsidenten, wird gerade von der Akademie der Künste für eine Ausstellung zeitgenössischer Kunst zwischen genutzt. Zwei Wochen lang, bevor das Haus seiner etwa achtjährigen Sanierung zugeführt wird. Und nach der ersten Woche lässt sich sicher sagen, es war eine gute Idee, denn das Ganze ist ein Besuchermagnet. Nur, wer hier genau gewinnt, das ist bei dieser Zwischennutzung zunächst nicht ganz genau zu bestimmen.

Ein Besuch am vergangenen Freitagvormittag zeigt, dass sich – das muss man so beschreiben – eher ältere Menschen in leicht sedierter Stimmung, ob der über 30 Grad, in Schlangen vor den immensen Sicherheitsvorkehrungen sammeln. Geduldig warten sie bis ihre Taschen durchleuchtet werden, um dann mit Handys in Hüllen sogleich querformatige Bilder des Schlosses aufzunehmen. Denn dort prangt auf dem Dach der Schriftzug des Ausstellungstitels. Freiraum Kunst steht da. Das sieht zwar aus wie eine fetzig gemeinte Sparkassen-Werbung, doch hat man es an diesem Werk und der Streetart im Eingang vorbei geschafft, dann sieht man durchaus tolle Kunst.

Die Ausstellung

„Freiraum Kunst. Akademie der Künste goes Bellevue.“ Schloss Bellevue, Berlin, bis 28. Juni

Da ist die Arbeit von Jochen Gerz, die die Ausstellung rahmt. Eine Videoarbeit, für die der Künstler 1972 bis zur Erschöpfung „Hallo“ rief. Als präzise Diagnose unserer Zeit wird die Arbeit von Co-Kurator Anh-Linh Ngo beschrieben. Die Möglichkeit, sich ständig digital zu äußern, suggeriere Selbstwirksamkeit, so schreibt er im Begleitheft und das untergrabe Vertrauen in demokratische Prozesse. Und auch, wenn der Künstler das 1972 wohl eher noch nicht diagnostizieren wollte, so ist das doch eine brauchbare Arbeitsthese.

Sexpuppe im Schloss

Eine weitere Arbeit ist von Gregor Schneider, der 2013 das Geburtshaus des NS-Propagandaministers Goebbels kaufte und es scannte und dokumentierte, bevor er es entkernte. Weniger politisch, aber politisiert wurde die Arbeit von Alexandra Bircken, für die sie ein, dem Frauenunterleib ähnliches Sexwerkzeug in Bronze gießen ließ und den Besuchern damit den Weg verstellt – das Penetrationsloch in Augenhöhe. Eine Spiegel-Autorin titelte „Der Bundespräsident holt sich eine Sexpuppe ins Schloss. Muss das sein?“ und das rechtskonservative Portal Nius sprang auf den Empörungszug auf.

Das hat zwar nicht die nötige Begabung für eine ähnlich skandalisierende Überschrift, vielleicht fehlt ihm aber auch das Material, denn schließlich beantwortet man den Mitarbeitern dort die Anfrage nicht, was diese skandalöse Künstlerin an Honorar erhalten habe – so erzählte Anh-Linh Ngo bei einer Führung. Bei der er auch verrät, dass das Honorar für die Ausstellenden beschämend gering sei, ginge das meiste des Budgets doch für die Sicherheit drauf. Weit über 600 Millionen soll die Sanierung des Staatsschlosses kosten und da könnte man natürlich etwas populistisch fragen, ob das nicht frivol erscheint, in Anbetracht der massiven Kürzungen in Kultur und Bildung. Aber alles in allem auch eine präzise Diagnose unserer Zeit, die die Künstlerin vermutlich genauso wenig im Sinn hatte wie Gerz, ging es ihr vor allem um den „male gaze“.

Und dieses Werk lässt sich auch wunderbar benutzen, um zu beteuern, wie frei die Kunst doch ist, so frei, dass sich der Träger des höchsten Staatsamtes sogar eine Arbeit mit Sex-Bezug ins Haus holen darf, hossa! Und da ist die Kunstschau dann wirklich politisch: Schon der Titel, schon die Sparkassen-Werbung auf dem Dach – Freiraum Kunst – kann auch schmerzend zynisch gelesen werden. Ist die Kunst doch gerade nicht sehr frei, wenn Künstlerinnen oder Kuratorinnen wegen eines falschen Likes in den sozialen Medien in die Bredouille geraten, Filmfestivalleiterinnen wegen politischer Äußerungen von Regisseuren ihren Job verlieren sollen.

Aber zurück zur guten Kunst, die hier in nur wenigen Wochen zusammen kuratiert wurde, dem Video von Jürgen Böttcher, das ins Treppenhaus projiziert wird, und das den Abriss der Mauer dokumentiert zum Beispiel. Das zeige, wie Veränderung gelingen kann, kommentierte der Kurator bei seiner Führung, und so viel Zuversicht stimmt zuversichtlich. So wie das Interesse der Besucher, die natürlich auch mal die Chance ergreifen wollten, ins architektonische Innere der Macht zu blicken.

Doch die holt diese Ausstellung mit engagierter Vermittlung sehr gut ab. In jedem Raum sucht ein Mitarbeiter das Gespräch über die Kunst. So wie Anh-Linh Ngo, der über Karin Sanders 3-D-Scan vom Bundespräsidenten sagte, der Maßstab 1:5 stelle das Verhältnis politischer Repräsentanz infrage. Denn Momente des 1:1 seien nötig, die wirkliche Teilhabe. Und vielleicht schreien die Leute dann weniger oft bis zur Erschöpfung „Hallo“. Und vielleicht hat bei dieser Zwischennutzung weniger Staat und Kunst gewonnen, sondern eher die Bürger, denen zu selten etwas gut vermittelt wird.

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