Linker Influencer packt aus: „Der Faschismus gewinnt, weil er unterhaltsamer ist“
Der YouTuber Dara Sasmaz erreicht Millionen. Im taz-Interview erklärt er, wie man Wahlkämpfe gewinnt und was die Linkspartei in Berlin jetzt beachten muss.
taz: Bei den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt ist die AfD sehr stark geworden. Worauf führst du das zurück?
Dara Sasmaz: Auf deren Social Media Strategie. Das bestimmt heute die Wahlen, das zeigen alle Daten und Studien. Mehr Sichtbarkeit erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass du gewählt wirst. Und die AfD dominiert diesen Raum einfach. Die manipulieren die Wahlen auch dadurch, dass sie Hilfe aus Russland haben, durch massenweise an Bots, die die Plattformen überfluten mit falschen Informationen. Bei dieser Übermacht ist es eigentlich ein Wunder, dass die nicht 80 oder 90 Prozent der Stimmen holen, sondern 'nur’ um die 40. Das zeigt, die brauchen sehr viel, um einen Menschen zu knacken. Da haben demokratische Parteien es eigentlich leichter. Die müssten aber endlich mal ins Rollen kommen.
taz: Wie unterscheiden sich die Social Media Strategien von Demokraten und Rechtsextremen?
Sasmaz: Es gibt im Militär diesen Satz: Amateure kümmern sich um Strategie und Taktik und Profis, kümmern sich um Logistik. Also: Wie kriege ich meine Truppen überhaupt an die Front? Wie viel Benzin habe ich für meine Panzer? Und das ist bei Wahlkämpfen genauso. Die demokratischen Politiker überlegen immer, welche Inhalte sage ich? Welche Politik stelle ich nach vorne? Die denken weniger darüber nach, wie viele Grafiker stelle ich eigentlich ein für meine Post, wie viele Cutter habe ich eigentlich, um meine Videos zu schneiden, wann lade ich die hoch, in welcher Frequenz, wie viele Accounts mache ich? Und damit beschäftigt sich die AfD den ganzen Tag. Davon kann man eine Menge lernen.
Dara Marc Sasmaz produziert linken Content auf Social Media. Mit seinem YouTube-Account erreicht er Millionen Zuschauer. Er ist gelernter Erzieher und lebt in Köln.
taz: Was machen die Demokraten falsch?
Sasmaz: Die hoffen immer noch darauf, dass sie einfach noch besser Flyer verteilen können und Wahlkampfstände machen können, aber das funktioniert einfach nicht. Das ist, als ob du versuchst, zu Fuß einen Düsenjet einzuholen.
taz: Rätst du auch von Haustürwahlkämpfen ab?
Sasmaz: Nee, das kann man schon machen. Man muss ja auch irgendwas zeigen, aber alles, was man da auf der Straße macht, ist nur so viel wert, wie man es auch auf Social Media dann zeigen kann. Der Haustürwahlkampf selbst ist in Zahlen nicht sehr effektiv. Man kennt das ja, erstmal muss irgendjemand aufmachen, dann ist die Person schon total genervt und sagt: Alter, ich bin hier gerade am zocken, Fernsehn gucken, ich koche gerade, oder sonst was, man wird abgewimmelt. Wenn doch jemand da ist und zuhört, sagt der im seltenen Fall vielleicht, okay, eure Partei finde ich gut. Am Ende hast du an 500.000 Türen geklingelt, wie die Linke im Bundestagswahlkampf, und hast dadurch vielleicht 50.000 neue Wähler gewonnen. Das erklärt aber nicht Wahlerfolge wie in Bayern, wo die die Linke 8 Prozent geholt hat. Das war natürlich vor allem der Social Media Wahlkampf.
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taz: Und was sagst du zur Sprache der demokratischen Politiker?
Sasmaz: Schrecklich! Die sitzen in der Talksendung und sagen Sätze wie: „Ja, also gegen diese Arbeitsmarktflexibilisierungsmaßnahmen, da haben wir eine andere Vorstellung, wie man das machen sollte. Wir sind da auf der Seite der Menschen und wir sagen ganz klar, das ist ein Hohn, den Friedrich Merz dort dem einfachen Angestellten gegenüber hat.“ Das kann sich doch keiner anhören. So spricht keiner auf der Straße. Sag doch bitte einfach: „Das ist scheiße, was März macht. Das ist Schwachsinn.“
taz: Warum machen die das nicht?
Sasmaz: Die sagen: Nee, das ist zu unseriös. Aber deren Seriosität verschluckt leider die Wahrheit. Wir leben in der Zeit von Trash TV! Die AfD ist das Trash TV der Politik, Rechtsextremismus generell. Wir mögen ja angeblich alle kein Trash TV, aber es gucken ja alle. Das bedeutet, man muss die Wahrheit spannend erzählen, mit starken Gefühlen. Im Vordergrund steht immer das Entertainment. Linke haben meistens die materiellen Bedürfnisse der Menschen im Blick. Aber aus meiner Sicht ist das wichtigste Bedürfnis, das Menschen haben, Spaß zu haben. Der Faschismus gewinnt leider, weil der unterhaltsamer ist.
taz: Es braucht also linken Boulevard?
Sasmaz: Genau! Mit folgen auf meinem YouTube-Kanal viele Leute, die verstehen sich auch eher als seriös und professionell, das sind Ärzte oder Ingenieure und mögen die AfD überhaupt nicht, aber die haben auch die Schnauze so voll davon, dass sie als Wähler von demokratischen Parteien immer ruhig und sachlich sein sollen.
taz: In Berlin ist die Linkspartei stärkste Kraft geworden. Du hast sie in der Vergangenheit schon beraten. Sie macht viel auf Social Media, manchmal finde ich sie sogar lustig. Ich musste zum Beispiel sehr über das „Vergesellschaf“ lachen – ein Video mit einem Schäfchen, in dem es um die Vergesellschaftung von Wohnungskonzernen in Berlin ging. Würdest du sagen, sie machen schon vieles richtig?
Sasmaz: Also zu dem Wortwitz mit „vergesellschaften“ würde ich direkt sagen: schöner Inside-Joke, aber da draußen verstehen den viele nicht. Allein der Begriff der „Vergesellschaftung“ sagt vielen einfach nichts. Das ist also nichts, was eine Mehrheit zur Wahl treibt. Gleichzeitig stimmt es natürlich, die Linken machen viel mehr als früher, definitiv. Da laden viel mehr Leute was hoch und die erzielen auch sehr starke Reichweiten damit, ein paar Millionen jeden Tag.
taz: Das klingst, als käme gleich ein 'Aber’… Was könnten sie denn noch besser machen?
Sasmaz: Ja, es gibt auch bei der Linken Sachen, da sind sie ein bisschen beratungserresistent, zum Beispiel ihre Auftritte in Talksendung für Social Media anzupassen, also so zu sprechen, dass man daraus kurze Clips machen kann. Dadurch verpufft viel. Denn im Fernsehen selbst haben die Talksendungen wie „Hart aber Fair“ oder Markus Lanz gar nicht mehr so viele Zuschauer. Die meisten nehmen deren Inhalt über Clips im Internet wahr.
taz: Sollte die Linke in Berlin an die Regierung kommen, was müsste sie dann beachten?
Sasmaz: Wichtig zu verstehen ist: Es gibt keine Wahlkämpfe mehr, es ist immer Wahlkampf, es ist immer Bundestagswahlkampf. Und in Berlin, da will die rechte Presse natürlich um jeden Preis, dass eine Elif Eralp scheitert. Deswegen werden die jeden Tag über sie und über ihr Handeln berichten. Die Linke muss deshalb, wenn sie regiert, weiter genau so viel veröffentlichen wie bisher, mehrere Videos pro Tag, über jede noch so kleine gute Tat berichten, so wie Zoran Mamdani, der Bürgermeister von New York. Sonst kommt bei den Leuten nur das an, was Springer verbreitet und die Zustimmungswerte der Linken werden schnell wieder sinken.
taz: Du sagst, man sollte auf Masse setzen. Da können ja auch schnell Fehler passieren. Dann schicken die Gegner ihre Anwälte. Hast du kein Verständnis daüfr, dass Parteien wie die Linke das vermeiden wollen?
Nein. Da machst du sofort wieder ein Video draus und sagst: Guck mal, die wollen uns mundtot machen, die wollen die Meinungsfreiheit einschränken. So mache ich das auch, ich habe andauernd Rechtsstreits laufen, ja und? Ganz ehrlich, so eine Abmahngebühr kostet vielleicht 1300 Euro, das kann eine Partei sich locker leisten. Eigentlich sollte sie sich sogar darüber freuen, denn da entsteht Beef und Drama, das lieben die Leute. Wenn zum Beispiel Axel Springer auf die Linke haut.
taz: Was sollte sie in so einem Reaction-Video sagen?
Sasmaz: Die Wahrheit, zum Beispiel so: Warum macht Springer das? Weil die uns klein machen wollen, weil wir dafür sorgen wollen, dass die Mieten sinken, dass die Preise im Supermarkt erschwinglicher werden, dass das System wieder sozialer wird, dass die Reichen mehr zur Kasse gebeten werden. Und wer finanziert den Springerverlag? Das sind reiche Milliardäre und Konzerne. Die wollen natürlich, dass die Linke scheitert. Und darauf muss man einfach zeigen.
Vielen Dank für das Gespräch!
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