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„Bewaffneter Streik“ in KolumbienStille in Santa Marta – und der Präsident kommt mit Waffe

In Kolumbiens Karibikstadt Santa Marta übt eine Gruppe von Paramilitärs den „bewaffneten Streik“. Geschäfte und Schulen sind geschlossen, Busse brennen.

Santa Marta ist am Mittwoch eine Geisterstadt. Die Karibikstrände sind wie leergefegt, die Straßen ebenfalls, die meisten Geschäfte sind geschlossen. Wer nicht aus dem Haus muss, bleibt daheim. Es ist der zweite Tag des „bewaffneten Streiks“, den die Selbstverteidigungstruppen der Autodefensas Conquistadoras de la Sierra Nevada (kurz ACSN) ausgerufen haben. Wer sich nicht fügt, dem droht Gewalt.

Am Freitag um 7 Uhr Ortszeit soll der Streik enden, verkündet die Gruppe auf X. Nicht nur die 600.000-Einwohner:innenstadt Santa Marta ist betroffen, auch die Sierra Nevada, die Karibikstrände und die Bananengegenden der benachbarten Provinzen. Auch ein Attentat auf die Bahnstrecke des Kohlekonzerns Cerrejón wurde möglicherweise von der ACSN verursacht. Hinzu kommen schon seit Montag Straßensperrungen auf der Haupttransportader Troncal del Caribe.

Der Streik ist eine Reaktion der Paramilitärs auf den Tod von José Luis Pérez Villanueva – alias „Cholo“. Er starb während einer Polizeioperation am Montag in der Sierra Nevada und ist der Stellvertreter des obersten Anführers der paramilitärischen Gruppe. Unter den sieben Toten vom Montag war auch Ricardo Andrés Rodríguez Martínez, ein unschuldiger 18-jähriger Landarbeiter, sagt seine Mutter – und auch die ACSN. Und eben nicht der Sohn von Freddy Castillo Carrillo, alias „Pinocho“, wie die Sicherheitskräfte sagen.

Der öffentliche Nahverkehr fällt komplett aus

Am Dienstag war Santa Marta schon so gut wie tot. Videos zeigen, was Zeugen berichten: Vor allem Minderjährige fahren auf Motorrädern durch die Stadt und kontrollieren, dass sich die Geschäfte an das Öffnungsverbot halten – und schießen. Nach allem, was bekannt ist, gab es keine Toten und Verletzten. Aber Busse und Taxis brennen, Geschäfte werden demoliert, Universitäten besetzt. Der öffentliche Nahverkehr ist komplett ausgefallen, die Schulen bleiben geschlossen.

Die Gouverneurin des Departamentos Magdalena, María Margarita Guerra, und der Bürgermeister von dessen Hauptstadt Santa Marta, spielen den bewaffneten „Streik“ herunter. Die Gouverneurin bestreitet seine Existenz sogar. Guerra rief die Geschäfte auf, wieder zu öffnen. Es könne nicht sein, dass „zwei Typen auf einem Motorrad“ alles lahmlegten. Bürgermeister Carlos Pinedo verhängte ein 48-stündiges Verbot, auf dem Rücksitz eines Motorrads mitzufahren. Denn dort sitzen in der Regel die Schützen und Auftragsmörder. Zuvor hatte er Motorräder auf den Straßen verboten – eine Ansage, an die sich die ACSN nicht hielt.

Die Selbstverteidigungstruppen der Sierra Nevada sind auch bekannt als „Los Pachenca“. Schätzungsweise 700 Kämpfer sind Teil der paramilitärischen Gruppe mit einem weiten Netz an Milizionären. Das Gebiet, in dem sie aktiv sind, ist riesig. Ihre Macht erstreckt sich wie die namensgebende Sierra Nevada de Santa Marta über drei Provinzen: Magdalena, La Guajira und Cesar. In letzterer sind sie auch im Süden in der Grenzregion zu Venezuela aktiv – wo sie in Konflikt mit der ELN-Guerilla stehen. An der Karibikküste und in den Bergen kämpfen sie vor allem mit den Gaitanistischen Selbstverteidigungskräften Kolumbiens (AGC).

Gruppe idealisiert Ästhetik des Mordens

„Wer die Berge beherrscht, beherrscht auch die Ebenen“, sagt Lerber Dimas. Der Anthropologe forscht seit Jahren zum bewaffneten Konflikt in der kolumbianischen Karibikregion und zu indigenen ländlichen Gruppen in der Sierra Nevada. Er ist Teil der Gruppe für interdisziplinäre Friedens- und Konfliktforschung am Lateinamerika-Institut der FU Berlin und leitet die Plattform der Menschenrechtsverteidiger der Sierra Nevada. Am Dienstag war er selbst mehr als fünf Stunden eingeschlossen.

Die ACSN sind Teil der 60 Jahre alten Geschichte des Paramilitarismus in der Karibik – und auch auf Tiktok, Instagram, Facebook, X und Whatsapp aktiv – in der Regel mit Klarnamen und Bild. Dort idealisieren sie eine bestimmte Männlichkeit und eine Ästhetik des Mordens. Über die sozialen Medien haben sie auch den bewaffneten Streik verkündet.

Ihr Geld verdienen sie mit Drogenhandel – aber vor allem mit Schutzgelderpressung. Ihre wichtigste Einnahmequelle ist allerdings der Tourismus, wo sie horrende Schutzgelder eintreiben. Sie sind aktiv in einer Region, in der einige der bekanntesten internationalen Attraktionen liegen: der Nationalpark Tayrona, der Wandertrek zur archäologischen Stätte Ciudad Perdida, der Strandort Palomino und in den Bergen das Dorf Minca, ein beliebter Ort für Aussteiger:innen. Die Tou­ris­t:in­nen sind, ohne es zu wissen, auch gute Kun­d:in­nen der Paramilitärs, weil diese den Mikrodrogenhandel beherrschen, aus dem etwa Marihuana stammt. Hinzu kommt eine „Kriegssteuer“ von 10 Prozent, wenn man zum Beispiel Eigentum verkauft – und Strafgelder für alles, was das Zusammenleben nach Meinung des ACSN beeinträchtigt.

Santa Marta gehört zu den 50 gewalttätigsten Städten der Welt.„Viele hier mögen den Paramilitarismus, weil er ihrer Meinung nach ihre Probleme löst, weil er in geschäftlichen Angelegenheiten sehr nachsichtig ist“, sagt Lerber Dimas. Dies alles in einer Gegend, in der der Staat schwach ist – oder mit den Kriminellen unter einer Decke steckt.

Auch der Präsident bewaffnet sich

Präsident Abelardo de la Espriella war Dienstagnacht nach Santa Marta gereist und besuchte dort, umgeben von Soldaten, Polizisten und einer Sicherheitskarawane, ein Viertel. Alle An­woh­ne­r:in­nen hatten sich in ihren Häusern verbarrikadiert. Bilder zeigen, dass er an der Hüfte eine Waffe trug. Noch nie in der Geschichte Kolumbiens wurde ein demokratisch gewählter Präsident gesehen, der mit Waffe am Gürtel in einer Stadt patrouillierte. Für Kolumbianer:innen, die ihn gewählt haben, ist das ein Zeichen von Autorität und Einsatz für die öffentliche Ordnung. Für andere schwächt dieser Auftritt die Institutionen.

„Die fatale Botschaft ist, dass sich alle, selbst der Präsident, bewaffnen müssen“, sagt Lerber Dimas. Wie ein „kleiner Paramilitär“ sei der Präsident aufgetreten. Und dies sagt er auch: „Ein Bandit, der sich nicht unterwirft, den erlegen wir, wie es das Recht besagt“, heißt es in einem Video des Präsidenten aus der Karibikstadt Barranquilla, bevor er von dort nach Santa Marta aufbrach.

Bis Dienstagnachmittag gegen 16 Uhr waren kaum staatliche Sicherheitskräfte auf den Straßen zu sehen. Sicherheitsexperte und Senator Ariel Avila schreibt das zwei Dingen zu: Angst und Korruption bei Polizei und Militär – und vor allem in der Politik. Die rund 1.000 Polizisten und Soldaten, die de la Espriella zur „Militarisierung“ nach Santa Marta schickte, kamen erst später.

Und am Mittwoch, als der Präsident längst wieder weg war, blieben trotzdem die meisten Geschäfte geschlossen, allen Appellen der Gouverneurin und des Bürgermeisters zum Trotz. „Denn wer sich nicht an den Streik hält, der muss die Konsequenzen der ACSN fürchten, wenn die Militarisierung in ein paar Tagen wieder vorbei ist und sie mit dem Problem wieder alleine sind“, sagt Dimas. Also Mord und Strafzahlungen.

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