Marsch für das Leben in Berlin: Exportknaller Anti-Choice
Radikale Abtreibungsgegner sind international bestens vernetzt. Am Wochenende kommen Frauenfeinde aus Europa und den USA in Berlin zusammen.
Foto: Stefan Boness/Ipon
Berlin, ein Wochenende, zwei Veranstaltungen radikaler Abtreibungsgegner*innen. Zufall oder hybride Kriegsführung? Reine Koinzidenz, fragt man Heartbeat International, Veranstalter der anstehenden Anti-Choice-Konferenz in Berlin. Annika Brockschmidt vermutet das Gegenteil: „Es wäre ein massiver Fehler, zu glauben, dass radikale Abtreibungsgegner*innen nur in den USA tätig sind und dass das Ganze mit uns hier nichts zu tun hat“, warnt die Expertin für die christliche Rechte in den USA.
In Berlin findet am Wochenende erstmals das „Gipfeltreffen der Leiter europäischer Schwangerschaftshilfseinrichtungen“ von Heartbeat International statt. Zeitgleich versammeln sich am Samstag in Berlin wie auch in Köln und Zürich christliche Fundamentalist*innen, erzkonservative Kirchenvertreter*innen und extreme Rechte, um beim „Marsch für das Leben“ gegen das Recht auf Abtreibung zu demonstrieren.
Organisiert wird der Marsch in Deutschland vom Bundesverband Lebensrecht. In Berlin mobilisieren wie in den Vorjahren das Bündnis „What the Fuck?!“ und das Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung zu Gegendemonstrationen. Auch in Köln und Zürich sind Gegendemos angekündigt.
Bei Heartbeat International handelt es sich um eine aus den USA stammende, weltweit agierende Anti-Abtreibungs-Organisation, die der MAGA-Bewegung nahesteht. Ihre Vision: „Eine Welt, in der jedes neue Leben willkommen ist und Kinder gemäß Gottes Plan in starken Familien aufwachsen, sodass Abtreibung undenkbar ist.“ Auf dem diesjährigen Gipfeltreffen wird sich über Themen wie Klientenbetreuung, Spendenbeschaffung und „geistliche Ermutigung“ ausgetauscht. „Letztendlich geht es darum, Frauen bestmöglich zu unterstützen“, sagt eine Sprecherin zur taz.
Ella Nowak vom Bündnis „What the Fuck?!“ widerspricht dieser Darstellung: „Die Konferenz bietet einer zutiefst gefährlichen Ideologie eine Bühne und richtet sich offen gegen den Grundsatz körperlicher Selbstbestimmung“, so die Aktivistin.
Schwangere sollen vom Abbruch überzeugt werden
Heartbeat International hat nach eigenen Angaben 4.000 angeschlossene Zentren in über 100 Ländern. Die Organisation betreibt das weltweit größte Netzwerk an Zentren für Schwangerschaftskonfliktberatungen. Dabei handelt es sich um Zentren, die vorgeben, neutral über Schwangerschaftsabbrüche zu beraten. Recherchen zeigen jedoch, dass in den Beratungen falsche oder irreführende Informationen verbreitet werden, etwa dass Schwangerschaftsabbrüche psychische Krankheiten oder Krebs verursachen würden.
„Die Beratung hat von vorneherein nur ein Ziel“, sagt Annika Brockschmidt: „Die Schwangere dazu zu bringen, sich gegen den Abbruch zu entscheiden.“ Die Konferenz in Berlin verdeutliche einmal mehr, wovor Expert*innen und Aktivist*innen seit Jahren warnen: dass radikale Abtreibungsgegner*innen weltweit vernetzt sind.
22 Millionen Dollar jährlich zur Untergrabung von Frauenrechten
Heartbeat International veranstaltet ihre Gipfeltreffen alle zwei Jahre an einem anderen Ort, „um die Teilnehmerzahl zu maximieren und so mit möglichst vielen Menschen in Kontakt zu treten“, so die Sprecherin. Die christliche Rechte in den USA gibt seit 2019 22 Millionen Dollar jährlich für europäische Organisationen aus, die gezielt Frauenrechte untergraben.
Lobbyorganisationen wie Heartbeat International oder auch Alliance Defending Freedom unterstützen deutsche Abtreibungsgegner*innen mit Wissen, Erfahrung und Geldern. Viele US-amerikanische Organisationen haben auch Dependancen in Europa und Deutschland.
„Die Bewegung hierzulande schaut interessiert in die USA, um sich inspirieren zu lassen“, sagt Brockschmidt. Dort verschlechtern sich die Zustände für ungewollt Schwangere seit der Aufhebung des Grundsatzurteils Roe v. Wade über den Zugang zu Abbrüchen zunehmend.
Und die „Wunschliste“ radikaler Abtreibungsgegner*innen in den USA sei lang: Sie fordern ein Versandverbot von Mitteln für Schwangerschaftsabbrüche, wollen Abbruchmedikamenten die Zulassung entziehen und Zugänge zu Telemedizin einschränken. Schwangerschaftsabbruch soll als Mord gelten und sogar mit der Todesstrafe bestraft werden können. Zudem solle das Scheidungsrecht erschwert, staatliche Förderung von Enthaltsamkeit ausgeweitet und der Zugang zu Verhütungsmitteln und Sexualaufklärung beschnitten werden, so Brockschmidt.
Kampagne gegen Frauke Brosius-Gersdorf
Derweil stagnieren hierzulande die Teilnehmer*innenzahlen bei den Märschen seit einigen Jahren. 2025 demonstrierten in Köln rund 1.200 sogenannte Lebensschützer*innen, in Berlin etwas mehr als 2.000 – so wenige wie zuletzt 2004. Trotzdem ist die Bewegung enorm einflussreich, wie sich zuletzt 2025 an der gescheiterten Wahl von Frauke Brosius-Gersdorf zur Bundesverfassungsrichterin zeigte.
An der Kampagne gegen sie war neben rechtspopulistischen Medien maßgeblich CitizenGO beteiligt, eine Petitionsplattform gegen Abtreibungs- und Frauenrechte. Die konservative Pro-Life-Organisation mit Sitz in Spanien wird von konservativen Organisationen aus den USA sowie vom Kreml finanziert.
„Die transnationale Vernetzung dieser Bewegung zeigt auch die enge Verzahnung der extremen politischen Rechten mit fundamentalistisch-christlichen Milieus“, sagt Brockschmidt. „Das sehen wir auch in Deutschland schon lange.“ Christfluencer wie Leonard Jäger (@KetzerderNeuzeit, 338.000 Follower) inszenieren sich händeschüttelnd mit Donald Trump und posieren mit AfD-Abgeordneten wie Alice Weidel. Auf dem Marsch für das Leben laufen seit Jahren AfD-Funktionär*innen mit, etwa Beatrix von Storch oder Franz Schmid.
Darüber hinaus beruft die AfD prominente Anti-Choice-Akteure als Sachverständige in den Rechtsausschuss des Bundestags und macht Druck, Beratungsstellen wie Pro Familia von der gesetzlichen Schwangerschaftskonfliktberatung auszuschließen. Der Landesverband in Sachsen-Anhalt fordert, Schwangeren in Konfliktberatungen Ultraschallbilder des Embryos zu zeigen, um sie von einem Abbruch abzuhalten.
Wie lässt sich der Bewegung etwas entgegensetzen? „Besonders wichtig ist es, darüber aufzuklären, dass diese Bewegung keinesfalls, wie sie behauptet, dem ‚Kinderschutz‘ oder ‚Lebensschutz‘ verschrieben ist, sondern dass es um die patriarchale Kontrolle Schwangerer geht“, sagt Brockschmidt. Es sei wichtig, aufzuklären, wofür diese Menschen stehen: „Pro forced birth“, nicht „pro life“.
Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
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