Kontroverse um Konzert in Mexiko: Sie singen Loblieder auf schicke SUVs und Knarren
In Mexiko erfreuen sich Drogenballaden großer Beliebtheit. Gegen ein Konzert eines Stars der „Corridos tumbados“ will die Stadt Morelia jetzt vorgehen.
Foto: Ismael Rosas/Eyepix Group/imago
O b er wohl auftreten darf? Natanael Canos Fans zweifeln jedenfalls nicht daran. Die günstigsten Tickets sind schon fast ausverkauft. Wer den Musiker also im November in Baseball-Stadion Francisco Villa der mexikanischen Stadt Morelia sehen will, muss sich beeilen. Noch sind Karten für 1.500 Pesos, etwa 76 Euro, zu haben, die teureren kosten das Dreifache. Viel Geld, aber Cano zählt ja auch zu den großen Stars der „Corridos tumbados“, jener Mischung aus Reggaeton, Hiphop und mexikanischen Balladen, die in Mexiko, in den USA und darüber hinaus äußerst gut ankommt.
Aber ob der Musiker tatsächlich in der Landeshauptstadt des Bundesstaates Michoacán singen wird, steht noch in den Sternen. Dem Gesetz zufolge dürfen dort in Konzertsälen, Stadien und ähnlichen Orten keine Songs gespielt werden, die als Anstiftung zu Verbrechen interpretiert werden könnten. Und einige von Natanael Canos „Corridos tumbados“ dürften zweifellos in diese Kategorie fallen. Gewissermaßen sind sie die modernisierte Variante der „Narcocorridos“, in denen traditionelle Balladensänger die Mafia und das kriminelle Macho-Leben lobpreisen.
Im Gegensatz zu seinem Sängerkollegen Peso Pluma räumt Cano zwar nicht ein, gelegentlich für das Sinaloa-Kartell zu arbeiten, aber auch er kann dem Lebensstil der Narcos einiges abgewinnen und huldigt deren Anführer. „Es lebe die Firma“, singt er etwa und lässt durchscheinen, dass er damit ein kriminelles Kartell meint. Mit seiner Glock-Pistole schickt er in seinen Songs auch gerne mal jemand auf den Friedhof: „Das ist das Leben, das mir gefällt, und ich genieße es.“
Solche Songs Canos hören monatlich über 25 Millionen Zuhörer*innen auf dem Streaming-Anbieter Spotify. Auch für den offiziellen Soundtrack der Männer-Fußball-WM 2026 wurde er nominiert. Moderne Volkskultur also – at its best. Da fallen mir Kinder ein, die mir in umkämpften Regionen vom Terror des Sinaloa-Kartells berichteten und von ihren Mitschüler*innen erzählten, die Mafiakiller als Helden feiern. Oder ich denke an die Jugendlichen, die sich im Glauben an ein schickes Leben der Mafia anschlossen und mittlerweile tot oder verschwunden sind.
Stadtverwaltung von Morelia will Setlist prüfen
Michoacán zählt zu den Bundesstaaten, in denen große Gebiete von kriminellen Organisationen kontrolliert werden. Hier explodieren Bomben, hier müssen Bauern für jede verkaufte Limone „Steuer“ an die Verbrecher zahlen, junge Menschen werden zwangsrekrutiert. So gesehen ist es nachvollziehbar, dass die Stadtverwaltung von Morelia die Setlist von Natalean Cano prüfen und dann entscheiden will, ob er auftreten darf. Der Künstler ist das gewohnt und kann damit leben. Eventuell müsse er eben das eine oder andere Stück von seiner Liste streichen, sagt er. Trotzdem kritisiert er die Zensur und betont: „Es wird nichts ändern, wenn die Corridos verboten werden.“
Womit er natürlich recht hat. Verbote verändern nicht die Verhältnisse, aus denen die kriminellen Strukturen erwachsen: Armut, Korruption, patriarchale Strukturen und nicht zuletzt die Macht der Gewehrläufe. Dennoch wäre es naiv, die Bedeutung (sozio-)kultureller Aspekte für die Attraktivität des Narco zu unterschätzen. Da spielt der schicke SUV ebenso eine Rolle wie die offen getragene Knarre oder eben die passenden Corridos, die in jeder einschlägigen Bar dröhnen.
Die Drogenballaden sind schon lange umstritten, bereits 2010 wollte die damalige konservative Regierung sie verbieten. Natürlich vergeblich. Heute setzt die linke Präsidentin Claudia Sheinbaum auf Erziehung und Bewusstseinsbildung, wie sie jüngst wieder sagte. Und das nicht nur bei gewaltverherrlichenden, sondern auch bei frauenverachtenden Texten. Darüber hinaus überlässt sie die Entscheidung den regionalen Behörden.
Immerhin haben 10 von 32 Bundesstaaten die Verherrlichung von Straftaten verboten. Auch das Parlament von Mexiko-Stadt hat sich mit 44:0 Stimmen für Sanktionen entschieden. Was man nicht so eng sehen muss. Das erste Konzert in der Hauptstadt am kommenden Freitag ist bereits ausverkauft, aber für das zweite gibt es noch Tickets.
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