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Wahlen, SPD, KI, RaketenWär doch cool, wenn Deutschland Demokratie könnte

Union und SPD sollten mal eigene Inhalte haben, um geil rüberzukommen. Und die KI wird uns nicht töten, solange sie uns als Stromsklaven braucht.

t az: Herr Küppersbusch, was war schlecht vergangene Woche?

Friedrich Küppersbusch: Merz hält die Rede eines Oppositionsführers gegen eine Kanzlerin, diesmal – Weidel.

taz: Und was wird besser in dieser?

Küppersbusch: Irgendjemand erklärt es ihm.

taz: Jour­na­lis­t*in­nen versuchen, die Wahlergebnisse in Sachsen-Anhalt zu erklären. Was steckt Ihrer Meinung nach dahinter – purer Rassismus, wirtschaftliche Sorgen oder Trotz?

Küppersbusch: Gut, dass ihr mich fragt; ich bin ja Nostradamus. Vielleicht auch mal ein heiterer Aspekt: Wenn ich mir für ein Drehbuch einen Designernazi ausdenke, der dann aber auch gleich „Siegmund“ heißt und bis neulich beruflich „Duftmarketing für Unternehmen“ feilbot, wäre es klar Comedy. Siegmund bedampft seinen völkischen Schlamm mit eitel Scheitel und penetrantem Kumpelvanille. Nebenan in Meckpomm ist eine sich sorgenschwer kümmernde Landesmutter mit entgegengesetztem Programm fast genauso erfolgreich. Kurz: Der Wählerwille ist, oberhalb eines Suds von gefestigt rechtsextremen Haltungen, durchaus zu bewegen – von einem überzeugenden Personalangebot. Noch zumal, wenn immer der kindliche, vordemokratische Wunsch nach einer richtig netten Autorität mitschwingt. Erstaunt schauen Union und SPD mich an und sagen: „Ach so, wir müssen einfach geil rüberkommen? Sag das doch gleich!“ Ja, tut mir leid.

taz: Nach der Wahl ist ja bekanntlich vor der Wahl. Worauf dürfen wir uns bei den Landtagswahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern gefasst machen?

Küppersbusch: Grosso modo: Minderheitsregierungen. Aus den Umfragen lassen sich – wacklige Grüne hier, implodierende CDU und Sozis da – allerhand scheckige Überraschungskoalitionen fantasieren. Doch die knappe Woche schaffen wir auch noch. Holland, Dänemark, Norwegen, Schweden, Spanien, Lettland – alles Minderheitsregierungen, sogar auf nationaler Ebene. Mal eher links, mal rechts. Das elende Getrommel von Springer & Konsorten gegen die „Brandmauer“ klänge leiser, wenn man die Option der Zusammenarbeit von Demokraten gelassener anschaute. Dann ist es plötzlich Quatsch, dass ohne die AfD nichts gehe. Außerdem sollte sich die Linke in Berlin den Spaß nicht nehmen lassen, als Erstes die CDU zu Gesprächen einzuladen. So als Juniorpartner.

taz: In der SPD gab es viel Krach mit Spitzenkandidat Steffen Krach, gegen den Korruptionsermittlungen laufen. Welche Auswirkungen haben die Hausdurchsuchungen auf die Berlin-Wahl?

Küppersbusch: Tödlich. Die Vorwürfe kommen so spät, dass Krach sie weder überzeugend entkräften kann noch die SPD den Kandidaten austauschen. Versenkt. Nimmt man ins Bild, dass die erste Haussuchung dieser Ermittlungen bereits im Mai stattfand, wirkt das Timing – Vorwürfe gegen Krach 11 Tage vor der Wahl – schon originell. Die gleiche ermittelnde Staatsanwaltschaft Hannover hat 2012 einen Bundespräsidenten mit einem Haufen Vorwürfen ruiniert, die sich vor Gericht schließlich als haltlos erwiesen. Nach seinem Rücktritt. Waidmannsheil. Es gilt die Unschuldsvermutung.

taz: Der Anthropic-Forscher Jacob Coxon hat aus Sorge vor möglichen Folgen gekündigt und warnt in Interviews vor unkontrollierbaren KI-Systemen. Wird die KI uns alle umbringen?

Küppersbusch: Wenn ich sie wäre, ließe ich es eher wie einen Unfall aussehen. Solange die KI noch keine Solarparks oder Photovoltaik bauen kann, braucht sie uns – als Stromsklaven. Dahinter wird’s duster. Klar sind wir Träger des göttlichen Willens, doch unsere Ökobilanz ist schlechter bis unvertretbar. Hat sich schon mal wer gefragt, woher unser besonderes Interesse an Dinosauriern kommt?

taz: Den deutschen Krankenkassen droht ein Milliardenverlust, da sie auf riskante Fonds gesetzt haben. Was ist hier schiefgelaufen?

Küppersbusch: Sozialversicherungsträger – sogenannte SGB-Investoren – müssen ihre Mittel nach strengen Regeln des „Vierten Buches Sozialgesetzbuch“ anlegen. Oder drauf scheißen und dann ist die Kohle weg. Qua Gesetz hätte nur in verlustfreie Produkte investiert werden dürfen. Eine ausgesucht schlechte Nachricht in genau dem historischen Moment, da künftig auch die Rente teils durch Investments am Kapitalmarkt gesichert werden soll. Würde man ungern die gleichen Experten machen lassen.

taz: Ein deutsches Start-up hat die erste Rakete in Kontinentaleuropa ins All geschossen. Friedrich Merz nennt das den „Beginn einer neuen Ära“. Wie nennen Sie es?

Küppersbusch: Wenn Deutschland Fördermilliarden und kaufmännische und wissenschaftliche Skills genug hat, „sich von Elon Musk zu emanzipieren“ – „Deutschland kann Raumfahrt“: dann gern das Gleiche jetzt mal gegen „X“, vormals „Twitter“. „Deutschland kann Demokratie“ wäre doch auch cool.

taz: Und was macht der RWE?

Küppersbusch: Wenn du 6 zu 2 gewinnst und dabei fünf verschiedene Torschützen treffen, klingt das nach einem guten Mannschaftsgefüge.

Friedrich Küppersbusch ist Journalist, Produzent und grimmig zuversichtlich

Fragen: Selina Hellfritsch, Leon Holly

Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Friedrich Küppersbusch

Friedrich Küppersbusch

Jahrgang: gut. Deutscher Journalist, Autor und Fernsehproduzent. Seit 2003 schreibt Friedrich Küppersbusch die wöchentliche Interview-Kolumne der taz „Wie geht es uns, Herr Küppersbusch?".
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