Brics-Gipfel: Indien nimmt Brics die potenzielle Schärfe
In Delhi demonstrieren die Brics-Staaten Einigkeit trotz Irankrieg und gegensätzlicher Interessen. Sie wollen dem Globalen Süden mehr Gewicht geben.
Foto: Alexander Kazakov/Sputnik/reuters
Sie wollen die internationale Ordnung reformieren, aber kein Gegenblock zum Westen sein: Mit einer gemeinsamen Erklärung ist am Sonntag der 18. Gipfel der Brics-Staaten in Delhi zu Ende gegangen. Darin wenden sich elf führende Schwellen- und Entwicklungsländer gegen einseitige Zölle und Sanktionen und fordern mehr Mitsprache des Globalen Südens.
„Nicht westlich, aber nicht antiwestlich“, beschreibt der indische China-Experte Srikanth Kondapalli das Bündnis. China und Russland wollen den Einfluss westlich dominierter Institutionen zurückdrängen, Indien dagegen betont seine strategische Autonomie: Delhi kooperiert mit China, Russland und Iran, baut aber zugleich seine Beziehungen zu den USA, Europa und Israel aus. Viele Schwellenländer könnten es sich wirtschaftlich gar nicht leisten, sich gegen den Westen zu stellen, so Kondapalli.
Indiens Premier Narendra Modi bekräftigte: Brics sei „gegen niemanden gerichtet“. Neu war hingegen der Nachdruck, mit dem Modi konkrete Ergebnisse verlangte. Der Globale Süden müsse sich vom „Regelnehmer“ zum „Regelgestalter“ entwickeln. So streben Indien und Brasilien seit Jahren einen ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat an.
Dass schon am ersten Tag ein gemeinsames Abschlussdokument zustande kam, ist für Indien ein Erfolg. Noch im Mai waren die Brics-Außenminister an Differenzen über den Irankrieg gescheitert. Nun äußert sich die Gruppe „tief besorgt“ über die Eskalation und fordert Zurückhaltung. Im Konflikt zwischen Israel und Palästina wird eine Zweistaatenlösung und damit ein souveräner palästinensischer Staat gefordert.
Kritik an einseitigen Zöllen und Sanktionen
Auch bei Handel und Wirtschaft findet sich ein gemeinsamer Nenner. Die Brics-Staaten kritisieren einseitige Zölle, Sanktionen und andere Handelsbeschränkungen, die den Welthandel beeinträchtigten. Das lässt sich als Botschaft an Washington deuten.
Unterschiedlich blieben die Interessen dennoch. So warnte Modi am Sonntag vor der „Instrumentalisierung“ von Technologien und kritischen Rohstoffen als politischem Druckmittel. Damit meint er auch China, von dem Indien gerade selbst versucht seine Abhängigkeiten zu verringern.
Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping war der wichtigste Gast in Delhi. Bei seinem ersten Indien-Besuch seit sieben Jahren gab er sich versöhnlich: „China und Indien sind Partner und keine Rivalen“. Sie böten einander Entwicklungschancen und keine Bedrohungen.
Begleitet wurde Xis Besuch von Protesten von Exiltibeter:innen. Die Beziehungen zwischen Delhi und Peking waren nach dem tödlichen Grenzscharmützel 2020 in Galwan auf dem Tiefpunkt. Erst ab 2024 wurden Dialogkanäle wiederbelebt, Investitionsbeschränkungen gelockert sowie Direktflüge und der Tourismus wieder begonnen.
Doch Misstrauen und der ungelöste Grenzkonflikt bleiben. Brics biete Xi und Modi immerhin den Anlass für Treffen, ohne dass eine Seite „politisches Kapital“ in einen eigenständigen bilateralen Besuch investieren müsse, sagt der indische Politikwissenschaftler Happymon Jacob der taz. Strukturelle Konflikte löse das nicht.
Iran im Gespräch mit Vereinigten Arabischen Emiraten
China und Indien konkurrieren um Einfluss im Globalen Süden, während Russland stärker die Konfrontation mit dem Westen sucht. Seit den Anfängen 2006 hat sich Brics stark verändert. Aus dem Zusammenschluss von Brasilien, Russland, Indien und China wurde eine Gruppe mit elf Mitgliedern, eigener Entwicklungsbank plus zehn Partnerstaaten. Die Brics-Staaten stellen knapp die Hälfte der Weltbevölkerung und fordern Reformen bei internationalen Finanzinstitutionen und mehr Mitbestimmung zu künstlicher Intelligenz.
Mit wachsender Größe werden die Widersprüche der Gruppe aber nicht kleiner. Jetzt gab es immerhin ein Treffen von Irans Präsidenten Massud Peseschkian mit Abu Dhabis Kronprinz Khaled bin Mohammed bin Zayed al-Nahyan. Iran hat zuletzt die Emirate, wo US-Militärbasen sind, mehrfach beschossen.
Brics werde „kein Gegenpol zur G7 oder zur amerikanisch geführten Ordnung“ werden, glaubt Jacob. Dafür fehlten eine gemeinsame Vorstellung von internationaler Sicherheit und Mechanismen, aufeinander zählen zu können. Russland wiederum sei für Indien nur noch „einer von mehreren Partnern“ statt zentraler Anker seiner Außenpolitik. Delhis diplomatische Leistung bestehe jetzt gerade darin, Brics trotz aller Rhetorik über eine neue Weltordnung „langweilig“ zu halten, meint Außenpolitikexperte C. Raja Mohan.
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