Enric Mas vor Sieg bei Spanienrundfahrt: Später Lohn für den ewigen Zweiten
Der lang ersehnte Vuelta-Gesamtsieg ist dem Spanier Enric Mas kaum zu nehmen. Der vielfach Kritisierte kann den Ausfall von Tadej Pogačar nutzen.
Foto: Sirotti/imago
Nur noch durchhalten – das war das Motto von Enric Mas auf der vorletzten und für die Gesamtwertung entscheidenden Etappe dieser Vuelta a España. Auf dem finalen Anstieg hoch zum Collado de Alguacil – die maximale Steigung betrug 22 Prozent – war er zu keiner Beschleunigung mehr in der Lage. Wie festgeklebt blieb er im Sattel sitzen, spulte aber konzentriert sein Programm ab. „Ehrlich gesagt habe ich zuletzt nur noch die Kilometer gezählt“, gab er im Ziel zu. Sichtlich erschöpft, nicht einmal zum Jubel fähig, überquerte er den Zielstrich.
Ein stolzes Lächeln breitete sich dennoch auf seinem Gesicht aus. Zwar hatte ihm der Österreicher Felix Gall einige Sekunden abgenommen. Sein ärgster Rivale Primož Roglič aber war hinter ihm geblieben. Solide hatte er seine Führung in der Gesamtwertung verteidigt und sah noch vor der abendlichen Abschlussetappe ringsum Granada wie der sichere Sieger der Rundfahrt aus.
Acht Jahre hat es der Mallorquiner versucht, seine Karriere mit dem Gesamtsieg seiner Heimatrundfahrt zu krönen. 2018 wurde er bereits Zweiter. Gefeiert wurde der damals 23-Jährige von spanischen Medien als legitimer Nachfolger von Größen wie Alberto Contador, Sieger bei allen drei Grand Tours, und Miguel Indurain, Fünffachchampion bei der Tour de France.
Doch Mas hielt den Erwartungen der Öffentlichkeit nicht stand. Verletzungen und Stürze warfen ihn immer wieder zurück. Die Furcht vor der Raserei in Abfahrten kristallisierte sich als weiterer Wettbewerbsnachteil heraus, wie auch seine relative Schwäche im Zeitfahren.
Völlig zu Unrecht kritisiert?
Für bemerkenswerte Vorstellungen bei der Vuelta reichte es dennoch ziemlich oft. Dreimal wurde er insgesamt Zweiter, einmal Dritter. „Ich weiß auch nicht, was die Ursache ist, aber diese Zeit des Jahres scheint mir einfach zu liegen“, bemerkte er selbst.
Kritisiert wurde er dennoch, als ewiger Zweiter, als Rennfahrer, der einfach nicht siegen kann. „Er war wohl der meistkritisierte spanische Radsportler. Für mich völlig zu Unrecht“, sprang ihm während dieser Vuelta Ex-Profi und Eurosport-Reporter Contador bei.
Bei dieser Spanienrundfahrt fügte sich aber alles für Mas. Er war unumstrittener Kapitän seines Movistar-Teams. Seine Form war gut, wie er nach längerer Rennpause mit einem fünften Platz bei der Burgosrundfahrt kurz vor der Vuelta bewies. „Ich habe gut trainiert und fühle mich so gut wie nie bisher in meiner Karriere“, bekannte er. Wichtigster Baustein für seinen aktuellen Erfolg war aber der Ausfall von Top-Favorit Tadej Pogačar nach einem Sturz auf der 8. Etappe. Mas fiel als Zweitem im GC das Rote Trikot automatisch zu. Bei der Siegerzeremonie am Abend mochte er es aus Respekt vor dem Slowenen noch nicht überstreifen.
Am Tag danach gewann er in überlegener Manier aber die Bergetappe zum Alto de Aitana. „Mein erster Sieg im Roten Trikot“, strahlte er, und in Bezug auf Dauersieger Pogacar konstatierte er: „Jetzt weiß ich, wie Tadej sich fühlt. So ein Leadertrikot verleiht einfach Flügel.“
Die ganz großen Pogačar-Flügel schnallte er sich in der Folgezeit zwar nicht um. Kein weiterer Etappensieg kam für ihn dazu. Sein Team kontrollierte das Renngeschehen eher defensiv, ließ große Fluchtgruppen ziehen. Aber Tag für Tag verwandelte er sich von einer „Art Ersatzleader“, als den ihn die Konkurrenz von Visma – Lease a Bike anfangs noch belächelt hatte, in den Patron der Rundfahrt. „Die Geschichte dieser Rundfahrt muss man mit Enric Mas schreiben“, analysierte daher treffend die spanische Zeitung El País.
Schlüsselmoment neben seinem Etappensieg war auch die gute Leistung beim Zeitfahren. Der Spanier verlor nur 33 Sekunden auf den mindestens eine Minute besser eingeschätzten Spezialisten Roglič. Auf Gall gewann er sogar. Rückblickend sahen spanische Medien Mas in dessen Roten Trikot beim Weg zur Startrampe des Zeitfahrens mitten in der gewaltigen Stierkampfarena von El Puerto wie einen Torero einherschreiten, stark, konzentriert und von sich selbst überzeugt.
All diese Elogen sind später Lohn nach Jahren teils beißender Kritik. Auf der Fahrt durchs nächtliche Granada am Sonntag kam Mas zugute, dass ein Großteil der Teams für eine Neutralisierung der Klassementzeiten zu Beginn der letzten Stadtrunde plädierte, um das Sturzrisiko zu minimieren. Die Rennleitung kam diesem Wunsch nach und neutralisierte die Etappe vor der letzten Runde.
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