Wirtschaft unter Putin: Und schleichend stirbt die russische Wirtschaft
Mit Steuereinnahmen wollte der Kreml seine Kassen füllen. Nun gehen immer mehr Firmen pleite und die Kosten des Kriegs gegen die Ukraine bleiben hoch.
Foto: Konstantin Mihalchevskiy/imago
Eine silberne Ikone des heiligen Georg, Honig von der okkupierten Krim und teuren Wein, der sonst nur im Kreml ausgeschenkt wird – all das bekam der Kleinunternehmer Denis Maximow von Wladimir Putin geschenkt. Er wurde bekannt, weil er Putin am 19. Dezember 2025 sein Leid wegen der zum Jahreswechsel angekündigten Steuerreform klagte: auf Putins live im TV übertragener Jahrespressekonferenz mit Fragen von Bürgerinnen und Bürgern, wo sich Putin als fürsorglicher Landesvater inszeniert. Statt Steuererleichterungen gab er die oben genannten Geschenke.
Der Auftritt machte Maximow und dessen Bäckerei Maschenka im Moskauer Umland schlagartig berühmt. Menschen stürmten den Laden und wollten die Piroggen probieren, die Maximow Putin geschickt hatte. Das Geschäft hatte der 49-Jährige mit seiner Frau Irina 2017 nach zwei Jahrzehnten im Bankgeschäft gegründet. Doch der Andrang währte nur kurz. Die befürchteten Steuererhöhungen kamen – und vor zwei Wochen wurde Maschenka im russischen Firmenregister liquidiert.
Maximow ist damit nur der prominenteste Fall einer Insolvenzwelle, die über Russland rollt. 467.000 Unternehmen wurden allein in den ersten fünf Monaten dieses Jahres aufgelöst, darunter auch viele Firmen von Soloselbstständigen. Vor allem der Onlinehandel ist davon betroffen: Bereits bis einschließlich Mai – neuere Zahlen wurden bislang noch nicht veröffentlicht – mussten 53.672 Firmen aus dem Bereich E-Commerce aufgeben.
Die Auswirkungen der ukrainischen Drohnenattacken auf die Logistikzentren der Onlinehandelsriesen Wildberries und Ozon seit Juli sind da noch gar nicht einbezogen. Der Verband für Internethandel in Russland nennt 400.000 Geschädigte durch die Zerstörung von zwei Dutzend der riesigen Umschlagsplätze, die zum Versenden eingelagerte Waren im Wert von bis zu 800 Milliarden Rubel (8,3 Milliarden Euro) verloren.
Zehntausende gingen pleite
Während das Vermögen von Wildberries-Mehrheitseignerin Tatjana Kim laut der russischen Ausgabe des Wirtschaftsmagazins Forbes um 2,1 auf 5 Milliarden Dollar gesunken sein soll, klagen Kleinunternehmer über Totalverlust durch die Brände. Ozon und Wildberries verkaufen Waren nicht auf eigene Rechnung, sondern für andere Firmen. Um die Warenlager künftig besser vor ukrainischen Drohnen zu schützen, hat Russlands größter Einzelhändler inzwischen 478.000 Quadratmeter Drahtnetze zum Überspannen der Gebäude und hitzeresistente Platten zum Schutz vor Feuer gekauft.
Den Zehntausenden Kleinunternehmen, die ihre Existenz schon vor den Großbränden verloren haben, nutzt das nicht mehr. Sie mussten meist wegen der um bis zu 63 Prozent gestiegenen Verkaufsprovisionen sowie wachsender Kosten für Lagerung, Versand und Zahlungsabwicklung aufgeben. „Die Kosten sind so stark gestiegen, dass am Ende nichts übrig geblieben ist für mich. Und in meiner sibirischen Kleinstadt habe ich nicht genug Kundinnen, um zu überleben“, erzählt Schneider Sergei, der seinen Nachnamen nicht nennen möchte. Wildberries habe die Lieferanten auch nur sehr schleppend bezahlt, was hohe Kosten für Überbrückungskredite verursacht habe. „Ich musste aufgeben und mir einen Job als Busfahrer suchen.“
Swetlana Iokars Fall ging durch die russische Presse, als sie vorige Woche ihren auf Inlandstourismus spezialisierten Reiseveranstalter Fantasy Way dichtmachte. Die Nachfrage sei „katastrophal eingebrochen“. Das bestätigt auch der russische Reisebüroverband, der einen Rückgang von Inlandsreisen um bis zu ein Fünftel festgestellt hat. Auf der okkupierten ukrainischen Halbinsel Krim sind die Buchungen sogar um fast zwei Drittel eingebrochen.
Die Gründe für die wachsende Unlust der Russinnen und Russen, im eigenen Land Urlaub zu machen, sind vielfältig: schrumpfende Kaufkraft, die Benzinkrise nach den ukrainischen Attacken auf russische Raffinerien, als „Probleme mit der Logistik“ verbrämte Flughafensperrungen und Flugstreichungen bei Drohnenangriffen.
Als Hauptgrund für die Geschäftsaufgabe nannte Iokar die Schuldenlast, die sie nicht mehr habe tragen können. Zum Vorfinanzieren von Reisegruppen brauchte sie Bankkredite, die angesichts eines Leitzinses der Zentralbank von 14 Prozent kaum zu bedienen sind. Unternehmen zahlen keine 14 Prozent, sondern mindestens 20 Prozent Zinsen bei Banken.
Selbst German Gref, Chef der größten russischen Bank, der staatlichen Sber, fordert dringend eine Leitzinssenkung, da sonst eine „Welle von Zahlungsunfähigkeiten und Insolvenzen“ drohe. Schon jetzt gibt es laut Zentralbank bei einem Viertel der 709.600 Kredite russischer Firmen und Soloselbstständiger Rückzahlungsverzögerungen im Umfang von 120 Milliarden Euro. Das sind 11,8 Prozent aller Unternehmenskredite der Banken.
Sie habe „bis zum letzten Moment versucht, die Firma mit allen Mitteln zu retten“, sagt Iokar. Es war ihr Lebenswerk: Die Reisefirma gab es seit 1998 und hat sogar die „Katastrophe der Coronakrise“ überstanden. Iokar ist mit ihrem Problem nicht allein: Im ersten Halbjahr wurden 2.700 Reisebüros und -veranstalter geschlossen, ein Anstieg um 52,3 Prozent.
Auch der vom Banker zum Bäcker mutierte Maximow hatte bis zuletzt alles versucht. Aber die zu Jahresbeginn begonnene Steuerreform ließ den Backofen erkalten. Die pauschale Kleinunternehmersteuer darf nur noch anwenden, wer bis zu umgerechnet 62.500 Euro Jahresumsatz macht (statt zuvor bis zu 208.000 Euro). Zudem wurde die Mehrwertsteuer von 20 auf 22 Prozent erhöht. Die Einkommensteuer wurde umgestellt, von der einst 13-prozentigen Flat Tax auf eine progressive Besteuerung von bis zu 30 Prozent.
Auch Zehntausende Gründerinnen und Eigner von Transportunternehmen, Restaurants, Läden und Baufirmen sind vom Streichen der Steuerprivilegien betroffen. Im Baugewerbe trifft es inzwischen nicht mehr nur die Kleinen. Auch Russlands größter Immobilienentwickler Samoljot wackelt: Das Unternehmen mit 4,4 Millionen Quadratmetern Wohnfläche im Bau und 40 Millionen Quadratmetern Bauland kann seine Milliardenkredite nicht bedienen.
Der Mittelstand leidet zudem unter dem von der Zentralbank festgestellten „sparsameren“ Verhalten der Bevölkerung. 39 Prozent des Einkommens gehen mittlerweile für Lebensmittel drauf. „Borschtsch-Index“ wird die Lebensmittelinflation inzwischen genannt. Er misst die Preissteigerungen der für die Rote-Beete-Suppe benötigten Gemüsesorten: Kohl ist 38 Prozent, Rote Bete, Kartoffeln und Zwiebeln sind 30 bis 32 Prozent teurer als vor einem Jahr.
Einen „neuen Investitionszyklus“ verkündete Putin kürzlich auf dem Wirtschaftsforum in Wladiwostok. Aber das Gegenteil ist der Fall: Seit fünf Quartalen gehen die Investitionen zurück. Im ersten Halbjahr sanken sie um 10 Prozent. Ohne Investitionen in das Anlagekapital seien Erweiterung und Modernisierung der Produktion und dadurch Wachstum jedoch nicht möglich, warnt Sofja Donez, Chefökonomin der Investmentbank T-Investizii. Sie sieht das höchste Rezessionsrisiko seit fünf Jahren.
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Der nach Finnland geflohene Wirtschaftsanalyst Sergei Schelin sagt, die „Putinomika“ sei einst für ihre Stabilität bekannt gewesen. Nun hätten der Krieg und seine Ausgaben sie „fragil gemacht“. Und erstmals gibt es in Russland mehr Firmenliquidierungen als -neugründungen.
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