Neuer Roman von Ulrich Peltzer: Wenn Besonderheit auf Ablehnung stößt
Ein Drehbuchschreiber denkt über einen genialen Mathematiker nach: Ulrich Peltzers „Der verlorene Schlaf“ ist historisch und zeitgenössisch zugleich.
Ulrich Peltzers Figuren pendeln seit jeher zwischen Extremen. Seine Romane erzählen immer auch eine Geschichte subkultureller und politischer Bewegungen mit. „Der verlorene Schlaf“ widmet sich jetzt zum ersten Mal einem historischen Stoff: dem jung bei einem Duell getöteten Mathematikgenie Évariste Galois und der französischen Julirevolution von 1830.
Ein historischer Stoff ist das aber nur zum Teil. Denn wie heißt es einmal über den Protagonisten? „Immer am Rand, Absturz inklusive.“ Das erinnert fast wörtlich an die Hauptfigur von Peltzers letztem Roman „Der Ernst des Lebens“, in dem es um Grenzerfahrungen in der Gegenwart ging.
Ein selbstgewisses Hinabtauchen in eine entrückte Vergangenheit – das ist der neue Roman Peltzers bestimmt nicht. Typisch sind Passagen wie diese: „Évariste wendet sich in Richtung Kamera, vielleicht sieht er die Zuschauer direkt an … das bin ich, was wollt ihr von mir, in meine Seele schauen?“
Ulrich Peltzer: „Der verlorene Schlaf“. S. Fischer, Frankfurt am Main 2026, 203 Seiten, 26 Euro
Von Anfang an ist klar, dass es in diesem Roman zwei Protagonisten gibt. Neben dem radikalen Umstürzler und Mathematiker Évariste agiert auch ein namenloser Erzähler von heute, der nie in Ich-Form schreibt, doch während einer Nacht im hipstertouristischen Berlin am Landwehrkanal über einen Filmstoff nachdenkt und unter erheblichem Finanz- und Zeitdruck – die Produzentin drängelt – die Geschichte jenes Évariste Galois in ein Drehbuch zu verwandeln versucht.
Dramatische Biografie
Diese Biografie ist tatsächlich dramatisch. Der Held stirbt zwanzigjährig unter dubiosen Umständen, und erst 15 Jahre nach seinem Tod werden die Formeln, die er kurz vor seinem Tod hastig hingeworfen hat, in ihrer bahnbrechenden Bedeutung erkannt.
In der nach ihm benannten Galoistheorie geht es um hochkomplexe Fragen algebraischer Gleichungen, die für seine Zeitgenossen unlösbar erschienen. Gleichzeitig entwickelte er sich zu einem ungestümen politisch Radikalen, der von den Schergen des letzten Bourbonenkönigs wie des neuen „Bürgerkönigs“ Louis Philippe als höchst gefährlich eingeschätzt wurde – seinem Tod ging eine Intrige voraus, in die der Geheimdienst verwickelt war.
Der Autor Ulrich Peltzer wie der Drehbuchschreiber in seinem Roman nehmen eine Grundfrage ernst, die eher selten konsequent bis zu Ende gedacht wird und die den Anfang jeder Kunst bildet: Wie erzählt man eine Geschichte? Noch dazu, wenn man wenig oder fast gar nichts weiß?
Die bekannten Bruchstücke von Évaristes Biografie werden benannt und befragt, aber wesentlich dabei ist, wie sie hin und her geschoben werden und unter dem Aspekt einer Verfilmung immer wieder eine ästhetische Eigendynamik bekommen. Zudem werden sie mit eigenen Erinnerungsfragmenten des Drehbuchschreibers konfrontiert, der über die Zeiten hinweg nach Zusammenhängen sucht.
Das Verblüffende bei Évariste ist, dass er gleichzeitig ein mathematisches Genie und politisch ein Revolutionär war. Peltzers Drehbuchschreiber unterliegt nicht der naheliegenden Suggestion, hier eine logische Verbindung zu sehen. Biografisch zentral war der Selbstmord von Évaristes Vater, einem liberalen Bürgermeister bei Paris, dem im Zuge der Restauration in den 1820er Jahren von Klerus und reaktionärer Aristokratie immer heftiger zugesetzt wurde und der eine Verleumdungskampagne nicht verkraftete. Der Sohn sucht Kontakt zu den utopisch-sozialistischen Saint-Simonisten und schließt sich bald den revolutionären Kreisen um Louis-Auguste Blanqui an.
Machtstrukturen des Regimes
Bereits in der Schule zeigt Évariste, der in den anderen Fächern keineswegs auffällt, eine einzigartige mathematische Begabung. Ein liberaler Lehrer versucht angesichts der Problemstellungen, die seinen Zögling umtreiben und denen er selbst schwer folgen kann, Évariste zu fördern.
Peltzers Drehbuchschreiber denkt im Anschluss daran über einige prägnante Szenen nach, in denen die Beschränktheit und Arroganz der akademischen Platzhalter im Fach Mathematik vorgeführt wird. Sie verstehen Évaristes Überlegungen nicht und verweigern ihm die Universität – die Machtstrukturen eines autoritären Regimes werden hier offensichtlich.
Évariste ist kein Künstler im klassischen Sinn, aber unter der Hand kristallisiert sich heraus, was den Drehbuchschreiber wie auch Peltzers Roman selbst vor allem umtreibt: die Charakterisierung des Einzelnen, der herausfällt, dessen Besonderheit von den anderen nicht erkannt wird und auf Ablehnung stößt.
Es entstehen bestechende Szenen, in denen Évariste alles um sich herum vergisst und nur auf das fixiert ist, was er gerade an mathematischen Rätseln im Kopf hat. Er interessiert sich nicht für Noten und die Formen bürgerlicher Anerkennung, seine gesamte Aufmerksamkeit ist obsessiv auf Zahlen und Gleichungen und die verschiedenen Ebenen ihrer Auflösungsmöglichkeiten gerichtet. Wenn der Lehrer ihm eine einfache Frage stellt, die unter seinem Niveau ist, bleibt er stumm. Man hält ihn für arrogant und unsozial.
Peltzer samt seinem Drehbuchschreiber gelingt es, diese Künstlerproblematik sehr eindringlich und individuell zu umreißen, mit konkreten atmosphärischen und historisch genau recherchierten Details. Die Klischees, die hier überall in der Luft zu liegen scheinen, tauchen bei diesem Zugriff gar nicht erst auf.
Drehbücher mit Christoph Hochhäusler
Es gibt eine Passage, in der Peltzer das Thema des Genies auf charakteristische Weise anreißt. Da wird dem Lehrer in der Schule klar, „dass der Junge, der sich vorher nie mit den Lehrsätzen der Geometrie beschäftigt hatte, eine Begabung besitzt, die nicht anders als exzeptionell zu nennen ist, und sei es nur die eines landläufige Vorstellungen weit überschreitenden Gedächtnisses (als ließe sich Évaristes Genie darauf zurückführen, als hätten Mathematiker ein besseres Gedächtnis als Musiker oder Schriftsteller, wahrscheinlich aber funktioniert es bei ihnen auf eigene Art).“
Man merkt diesem Roman an, dass Ulrich Peltzer schon einige Drehbücher mit Christoph Hochhäusler, einem Regisseur aus der Berliner Schule, geschrieben hat. Filme wie „Unter dir die Stadt“ (2010), „Die Lügen der Sieger“ (2014) oder der Thriller „La Mort viendra“ („Der Tod wird kommen“, 2024) haben dieselbe scharfkantige und handwerklich perfekt vorangetriebene Ästhetik, die Peltzers Drehbuchschreiber in diesem Roman anhand des Évariste-Galois-Stoffes vorführt. Bestimmte Einstellungen und Lichtführungen aus der Filmgeschichte, die sich assoziativ ablösen und als Referenzpunkte für den jetzt neu zu drehenden Film dienen könnten, wirken wie ein Roman im Roman. Das Making-of läuft im Text mit.
Es ist offenkundig, dass Peltzer ein zeitgenössisches künstlerisches Bewusstsein abbilden und nicht hinter das zurückfallen möchte, was William Faulkner oder im deutschen Sprachraum Uwe Johnson schon vor Jahrzehnten an mehrdimensionalen Erzählperspektiven entwickelt haben. Einzelne Screenshots mit Gary Cooper, Ingrid Bergman oder Monica Vitti sind dabei äußerst anregend und führen den Text in ganz andere Bereiche.
Manchmal wechseln mitten im Satz die Zeitebenen, und man springt von einem Komma ins nächste vom Paris des Jahres 1830 in Westberliner Demonstrationen seit den 1970er Jahren. Évariste wird zusammengeblendet mit Erfahrungen des Drehbuchschreibers am Niederrhein, ob im Mathematikunterricht in der Schule oder in Auseinandersetzungen mit dem Wehrdienst.
Dieser Roman ist historisch und zeitgenössisch zugleich, er bündelt Assoziationen, gibt sie weiter und sammelt Antworten auf die Frage, wie eine gegenwärtige Ästhetik aussehen kann, ohne gleich auf den Markt zu schielen. In dieser Klasse spielen nur wenige.
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