piwik no script img

2001 ff.

Ein paar Tage lang sah die Zukunft aus wie ein Spektakel. Am 6. September 2001 stand Britney Spears in New York auf der Bühne der MTV Video Music Awards, eine gelbe Python um den Hals und sang „I’m a Slave 4 U“. Ein Teenstar legte seine Unschuld ab, als perfekt choreografiertes Medienereignis. Es war, ohne dass jemand es so gesagt hätte, ein Versprechen an das neue Jahrhundert: Die Geschichte ist zu Ende, übrig bleibt das freie Individuum, das entscheidet, wie es leben will und sei es als Sklavin.

Fünf Tage später stürzten die Türme ein. Seitdem gehört das Erinnern an 2001 dem 11. September. Zu recht, denn die Anschläge sind der Riss, durch den dieses Jahr bis heute auf uns blickt. Aber sie sind nicht das ganze Jahr, und wenn wir in dieser Ausgabe zurückblicken, dann sehen wir mehr als die einstürzenden Türme. Wir sehen die Neunziger zu Ende gehen – und mit ihnen ein Versprechen.

Es war das Versprechen, das Britney verkörperte und das über den Pop hinausreichte: dass sich die Welt öffnet, besser wird. Der Handel werde die Diktaturen liberalisieren, das Internet das Wissen befreien, der Markt den Wohlstand verteilen, die Geschichte sei ohnehin entschieden. Viele bezweifelten das damals schon. Aber es war die Grammatik der Zeit. 2001 lief dieses Versprechen aus – in zahlreichen Ereignissen, von denen der 11. September nur das lauteste war.

2001 war ein Verdichtungsjahr. Die Gegenwart hat viele Anfänge: 1989, 1995, 2008, 2020. Aber selten haben sich in zwölf Monaten so viele Entwicklungen zu Formen verfestigt, in denen wir bis heute leben. Wikipedia ging online (Seite 41), das menschliche Genom lag entziffert vor (Seite 18), die Verschwörungstheoretiker fanden ihr Massenmedium (Seite 6), der Weltklimarat warnte präziser als je zuvor (Seite 19), während der Antiglobalisierungsproteste in Genua erschoss die Polizei Carlo Giuliani (Seite 4), Menschen standen grundlos unter Generalverdacht (Seite 28), China trat der Welthandelsorganisation bei (Seite 5) und die Hosen saßen so niedrig wie nie (Seite 7). Von jedem dieser Ereignisse führt ein Korridor in die Gegenwart – in den Sicherheitsstaat, die Klimakatastrophe und das Dauercasting der sozialen Medien.

Fast jedes Versprechen hat sich in sein Gegenteil verkehrt. Das offene Netz wurde zur Überwachungsmaschine. Der befreien­de Welthandel wurde zur Abhängigkeit. Das freie Wissen bekam sein Zerrbild in der „eigenen Recherche“ der Verschwörungsgläubigen. Die Sicherheit, die uns die Freiheit garantieren sollte, wurde zu einem Zustand, der die Freiheit vermisst. Ohne dass es noch auffällt.

2001 ist eine Schaltzentrale. Viele Kabel lagen schon da. 2001 wurden sie zusammengesteckt.25 Jahre später leben wir noch immer in den Stromkreisen. Matthias Kalle

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen