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Filmfestspiele in VenedigLiebe in Zeiten der Revolution

In Venedig versucht sich Regisseur Nicolas Pariser in „Un peu avant minuit“ an einem Gesellschaftspanorama rund um menschliche Beziehungen.

Eine Reihe von Filmen des Wettbewerbs in Venedig handeln dieses Jahr von Familien und Beziehungen. Nicht wenige von ihnen spielten vorwiegend in geschlossenen Räumen: „The Echo Chamber“ von Andrea Pallaoro, Florian Zellers „Bunker“ oder Edoardo De Angelis’ „Il fuoco che ti porti dentro“ etwa. Von Beziehungen erzählt auch Nicolas Pariser in „Un peu avant minuit“, wobei die Kleinfamilie bei ihm lediglich einen losen Rahmen bildet, um den sich die Hauptfiguren arrangieren. Im Unterschied zu den genannten Filmen hält es die Protagonisten bei Pariser jedoch nie lange in ihren vier Wänden. Sie flanieren lieber auf der Straße. Oder sie rennen, wenn die Umstände es gebieten.

Zu Beginn des Films sieht man eine Plakatfläche mit Zeitungsschlagzeilen. Von „Schlachten in der Banlieue“ ist die Rede, und auch wenn sich die Handlung in den zentraleren Regionen von Paris abspielt, gehören Sirenengeräusche, Blaulichter und Polizeipatrouillen zur ständigen Hintergrundkulisse des Geschehens. Frankreich scheint kurz vor einem Bürgerkrieg zu stehen.

Léo, ein klassischer Antiheld, steht im Zentrum des Figurengeflechts des Films. Melvil Poupaud gibt den Hochschulassistenten Ende 40 mit leicht vernachlässigter Eleganz, ein altmodischer Regenmantel gehört ebenso zu seiner Grundausstattung wie die ans Tageslicht drängende Platte auf seinem Hinterkopf. Man erfährt gleich am Anfang, dass er zu einem Anwaltstermin nach Italien muss, es geht um das Testament seines verstorbenen Vaters. Man erfährt auch, dass er eigentlich nicht in Paris lebt, sondern in Nancy, wo er zudem eine Freundin hat. Wobei er nicht so recht weiß, ob sie wirklich noch zusammen sind.

Liebe, nur eine männliche Fiktion?

Mit jeder neuen Figur, auf die Léo trifft, beginnt er ein Gespräch über Liebe oder ähnliche Formen des menschlichen Miteinanders. Seine Tochter Emma (Clara Pacini), mit der er den ersten Spaziergang unternimmt, ist fassungslos, als sie erfährt, dass ihr Opa ihre Oma als große Liebe seines Lebens sah, obwohl die beiden nur wenige Zeit zusammen waren. Liebe, so ihr aufgebrachtes Plädoyer, sei nicht bloß eine bürgerliche Konstruktion, sondern eine männliche Fiktion, bei der die Frau auf ein Objekt der Fantasie des Mannes reduziert werde.

Von da schlendert Léo weiter zu seinen alten Freunden, mit denen er kurz nach dem Studium eine Zeitschrift betrieb. Von den Praktikantinnen ist viel die Rede, die wenig journalistische Arbeit verrichten durften, dafür jedoch stets Begehrlichkeiten bei den Männern weckten. Éléonore (Léonie Simaga), die Frau eines ehemaligen Kollegen, ist von dieser Macho-Nostalgie genauso gelangweilt wie Léo, man beschließt, ein paar Schritte zu gehen. Dabei entlockt Éléonore ihrem Gesprächspartner ein paar unbequeme Einsichten, die offenlegen, dass sein Frauenbild damals nicht viel besser war als das seiner Freunde.

Éléonore scheint Léo am Ende ihrer Begegnung zum Teufel zu schicken, gibt ihm aber den Rat, zwei der von ihm einst bewunderten Frauen aufzusuchen. Die eine, Armelle (Anaïs Demoustier), ist inzwischen in die Politik gegangen und verwickelt Léo in ein Gespräch über den desaströsen Zustand der Linken in Frankreich. Die andere, Tina, von der Léo insbesondere ihre übernatürliche Schönheit erinnert, bleibt unauffindbar.

Die Liebe verändert sich mit der Gesellschaft

Léo trifft indes nicht allein Frauen von damals, sondern desgleichen weitere ehemalige Kollegen. Der eine ist Fernsehproduzent geworden und dreht eine Serie über ihre gemeinsame Zeit, in der sogar Léo einen kleinen Part hat. Statt mit dem alten Freund zu sprechen, hängt er allerdings ständig am Telefon. Der andere, einst ein Filmkritiker, den Léo nie leiden konnte, hat sich vom Journalismus und Filmnerdtum verabschiedet, um ein jüdisch orthodoxes Leben zu führen. Bei ihm arbeitet anscheinend bloß die Ehefrau. Von romantischer Liebe hält er noch weniger als Léos Tochter, wenngleich aus anderen Gründen.

Die Liebe, demonstriert Nicolas Pariser in stark ausgedehnten Dialogen, verändert sich mit der sich verändernden Gesellschaft. Ob es am Ende einen Bürgerkrieg gibt, bleibt offen. Dafür erfährt Léo, wie seine früh verstorbene Mutter über Liebe dachte.

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