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Nabu-Chef zu Klimaschutz mit Mooren„Gucken Sie aus dem Fenster!“

Umweltminister Schneider will Moore fürs Klima wiedervernässen, doch die CSU bremst ab. Nabu-Chef Krüger erklärt, wie sich Kritiker überzeugen lassen.

Interview von

Hanna Gersmann

taz: Herr Krüger, SPD-Umweltminister Schneider hat das milliardenschwere Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz weiter entwickelt, um vor allem Moore und Wälder besser zu schützen. Aber in der Regierung steht er oft allein. Ihr Ein-Satz-Argument für ihn?

Jörg-Andreas Krüger: Gucken Sie aus dem Fenster! Die Hitze, die Dürre, das Niedrigwasser setzen die Energieproduktion unter Stress, Lieferketten reißen, weil die Binnenschifffahrt eingeschränkt ist, örtlich wird Trinkwasser knapp, dazu die Feuer europaweit. Es ist nicht nur der Rasen im Garten, der braun wird. Der Klimawandel schadet der Wirtschaft.

taz: Moore gelten als wichtige Helfer gegen die Erderhitzung. Darum will der Umweltminister für sie ein „überragendes öffentliches Interesse“ geltend machen. CSU-Agrarminister Alois Rainer ist aber dagegen – und nun?

Im Interview: Jörg-Andreas Krüger

Jörg-Andreas Krüger (57) ist seit 2019 Präsident des Naturschutzbunds Deutschland (Nabu), dem größten deutschen Umweltverband. Der studierte Landschaftsarchitekt, Jäger und Vogelkundler ist in Göttingen geboren und lebt in der Uckermark in Brandenburg.

Moore fürs Klima

2023 erfand die damalige grüne Bundesumweltministerin Steffi Lemke das Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz (ANK). SPD-Nachfolger Carsten Schneider hat dieses weiter entwickelt. Seine Vorschläge sind jetzt in der Phase der Verbändeanhörung. Hintergrund: Deutschland reißt seine Klimaziele im Landnutzungsbereich – Landwirtschaft, Wälder, Moore speichern derzeit zu wenig Treibhausgase. (HG)

Krüger: Das ist das wirklich Anstrengende derzeit. Die Flüsse versiegen? Wir baggern die Fahrrinnen einfach weiter aus! Immer wieder muss man erklären, dass solche alten Konzepte die derzeitigen Probleme mit verursacht haben, dass sie nicht helfen.

taz: Alois Rainer sagt dazu: „Ich kann’s nicht regnen lassen, sonst tät ich’s machen.“

Krüger: Aber es ist kein Wetter. Hitzewellen und Dürren häufen sich. Das lässt sich auch nicht abtun mit „Früher hat es auch warme Sommer gegeben“. Wir müssen mit Wasser anders umgehen. Seit 150 Jahren soll das immer möglichst schnell raus aus den Äckern und Wiesen, wird abgeleitet in Flüsse und ins Meer, ist damit weg. Das geht noch schneller, wenn der Fluss weiter vertieft wird. Wir brauchen heute Landschaften, die Niederschläge wie ein Schwamm aufnehmen und in Dürren wieder abgeben können. Intakte Moore sind da unverzichtbar.

taz: Sie wurden aber einst mit viel Mühe trockengelegt, damit Landwirte ackern können. Die Felder jetzt wieder unter Wasser setzen – ist das nicht eine Zumutung?

Krüger: Das war eine kulturelle Leistung, ja. Meine eigenen Großeltern hatten einen Hof in Norddeutschland, wo die Pferde noch breite Moorschuhe trugen, um nicht zu versinken. Die Arbeit wurde viel leichter, als die Wiesen und Felder dann endlich in den 1960er Jahren entwässert wurden. Nun kommt der Enkel und sagt, das muss alles wieder nass werden. Das ist nicht einfach. Heute setzen diese entwässerten Moore aber knapp sieben Prozent der Treibhausgasemisisonen frei.

taz: Sinkt das Wasser in Mooren, werden die zu Torf gewordenen Pflanzenreste zersetzt. Das in ihnen gespeicherte CO2-Treibhausgas geht in die Atmosphäre.

Krüger: Darum soll das Wasser nun wieder angestaut werden, bis etwa vier Zentimeter unter der Geländeoberkante.

taz: Dafür ist in Zeiten austrocknender Flüsse genug Wasser da?

Krüger: Bei den sich aus Regenwasser speisenden Hochmooren in Niedersachsen mag es mancherorts eng werden, sonst eher nicht. Moore zu schützen ist der beste Klimaschutz, den man machen kann, auch volkswirtschaftlich gesehen. Da stehen nun 1,75 Milliarden Euro bis 2029 zur Verfügung, damit lässt sich einiges machen. Zum Vergleich: Zur Umstellung der deutschen Stahlindustrie auf grünen Stahl sind bereits bis zu 7 Milliarden Euro geflossen.

taz: Minister Schneider ist offenbar selbst skeptisch, Verbündete zu finden – warum sonst verspricht er für den Moorschutz nun eine „attraktive“ und nicht einfach eine Förderung?

Krüger: Das Wort mag unüblich sein. Aber es geht für die Landwirte auch um viel. Sie müssen ihr Betriebsmodell ändern. Ein Waldbesitzer, der seinen Wald umbaut und anders bewirtschaftet, macht immer noch Waldwirtschaft. Auf einem wiedervernässten Boden kann ein Milchbauer aber keine Kühe mehr laufen lassen. Er muss sich auf neue Wertschöpfungsketten einlassen, in Zukunft zum Beispiel Seggen und Binsen ernten für die Produktion von Kartons, die der Hamburger Handelskonzern Otto schon nutzt. Der Umweltminister setzt auch auf Photovoltaik-Anlagen auf Mooren als neue Einnahmequelle. Für den Wechsel müssen Landwirte gewonnen werden. Und honoriert.

taz: In Schneiders Entwurf steht wortwörtlich: „Wir werden ein überragendes öffentliches Interesse für den Moorerhalt und den Moorschutz … gesetzlich verankern, wobei das Prinzip der Freiwilligkeit nicht eingeschränkt wird.“ – Ein Widerspruch?

Krüger: Soll auf einem Moorboden ein Neubaugebiet entstehen, stünde das überragende öffentliche Interesse dem entgegen, die Unverbaubarkeit eines solchen Gebietes hätte Vorrang. Die landwirtschaftliche Nutzung wäre aber nicht verboten, eine Wiedervernässung nur in Absprache mit den Landeigentümern möglich.

taz: Der Umweltminister will auch den Holzbau stärken – wie hilft das?

Krüger: Derzeit werden 80 Prozent der deutschen Buche – eine der Hauptbaumarten – verheizt. Bäume nehmen während ihres Wachstums CO2 aus der Luft auf. Das bleibt im Holz nur gespeichert, so lange es in Produkten genutzt wird. Ein Dachstuhl kann 100 Jahre und länger halten, das ist super für den Klimaschutz.

taz: Aber?

Krüger: Gebaut wird vor allem mit Nadelholz. Im Fichtenwald ist alles schön gerade. Laubbäume wachsen hingegen quer und knurzelig. Sie lassen sich nicht so einfach als Balken nutzen. In der Nachkriegszeit, als man schnell viele Rohstoffe zum Wiederaufbau brauchte, wurde darum alles auf Nadelholz ausgerichtet. Daher kommen die Monokulturen, die im Klimawandel wenig robust sind. Sie müssen zu Mischwäldern umgebaut und für das Bauen mit Laubholz technische Lösungen entwickelt werden.

taz: Aber Holzhäuser gehen eher in Flammen auf – ist das nicht ein Problem?

Krüger: Ein Holzbalken brennt kontrollierter ab als ein Stahlträger. Letzterer ist ganz lange fest, verformt sich dann und stürzt plötzlich zusammen. Das ist für Feuerwehren schwieriger. In Schweden und Österreich wird zudem schon lange viel mit Holz gebaut. Bund, Länder, Kommunen müssten da jetzt nur vorangehen bei ihren Neubauten.

taz: Der Bund will „Vorbild und Vorreiter“ sein. Stimmt das?

Krüger: Schön, aber nur eine Absichtserklärung. Ohnehin bleibt Vieles vage. Das Neue aber: Bis 2029 nimmt die Regierung für den natürlichen Klimaschutz schon jetzt 4,6 Milliarden Euro in die Hand. Und Schneider will in den nächsten Haushaltsverhandlungen weiteres Geld fordern – endlich mal ein Aktionsprogramm mit mehr als Worten.

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