Social Freezing, Arbeit, Rassismus: Fresse auf gegen Menschenfeindlichkeit
Der Nachrichtendienst darf heimlich in Wohnungen, die Schwarze Community wegen Sicherheitsbedenken nicht ins Volksbad und der ESC hat neue Regeln.
Foto: Christophe Gateau/dpa
t az: Frau Irmschler, was war schlecht vergangene Woche?
Paula Irmschler: Es hat immer noch nicht geregnet! Oder hat es irgendwo geregnet? Weiß jemand was? Und hat dieser jemand noch ein Zimmer frei?
taz: Und was wird besser in dieser?
Irmschler: Es soll vielleicht regnen … Weezer bringen ein neues Album raus. Aldi Nord hat die Apfelecke für 69 Cent im Angebot. Is nich viel.
taz: Der Nachrichtendienst wird zum Geheimdienst umfunktioniert und darf dann zum Beispiel heimlich in Wohnungen eindringen. Womit muss man rechnen?
Irmschler: Mit Übergriffen, Missbrauch, Gewalt, Lebensgefahr. Wenn sie unsere Daten erst mal haben, werden sie sie ja nicht wieder loslassen, dafür lieben sie sie viel zu sehr. Rechte Regierungen und Konzerne können sie sich dann jederzeit schnappen, um alles Mögliche damit anzustellen, was ihnen nützt. Das Ganze findet nämlich auch noch mit „Hilfe“ von KI statt. Lassen wir uns aber nicht gefallen, oder?
taz: Die Hitze des Sommers macht zu schaffen und begünstigt Depressionen. Ist „Summertime Sadness“ von Lana del Rey eine Prophezeiung?
Irmschler: Ich bin eher Anhängerin vom „Cruel Summer“ (Bananarama): „Hot summer streets and the pavements are burning, I sit around, trying to smile, but the air is so heavy and dry“ … Die 80er! Kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen.
taz: Die Gen Z arbeitet immer mehr. 77 Prozent der jungen Erwachsenen sind erwerbstätig. Der feuchte Traum des Kanzlers?
Irmschler: Jetzt denke ich darüber nach, was den Kanzler eigentlich feucht träumen lässt, na vielen Dank auch. Irgendwie sehe ich da sowas David-Lynch-mäßiges (hab mal paar Folgen „Twin Peaks“ gesehen, daher mache ich hier mal auf Cineasten-Typ) … ein Raum, ein Tisch, ein Stapel Blätter, viele Stempel, alles ist symmetrisch, aber im Hintergrund läuft total schiefe Geigenmusik, Uhren ticken, ein Stift tippelt, die Luft wird immer wieder magnetisch vom Rand des Raumes weggezogen, man bekommt das Gefühl, man müsse los, irgendwas erledigen, aber es ist nicht so richtig klar, was. Nur eines ist gewiss: Investitionen müssen getätigt werden. Junge Leute sehe ich eigentlich gar nicht.
taz: Die linke US-Politikerin Alexandria Ocasio-Cortez friert ihre Eier ein und teilt den Journey auf Instagram. Warum interessiert das so viele?
Irmschler: Oha, so erfahre ich das. Interessiert das wirklich sooo viele? Also wirklich, wirklich? Oder belohnen Instagram-Algorithmen nur sehr doll, was Frauen über ihre Körper teilen, weil man das verkaufen kann? Aber ich stelle ja hier nicht die Fragen. Reproduktion ist natürlich ein wichtiges Thema, wegen Zukunft, Existenzängsten und Gesundheit. Eier einfrieren muss man sich aber leisten können. Denjenigen, die es können, gibt es wahrscheinlich ein Sicherheitsgefühl.
taz: Die Berliner Volksbühne baut ein kostenloses Schwimmbecken auf und reserviert es für einen Nachmittag für einen Verein der Schwarzen Community. „Diskriminierung gegen Weiße“, blöken rechte Hetzer:innen medial. Schließlich muss die Veranstaltung wegen Gewaltandrohung gegen den Verein abgesagt werden. Was zeigt das?
Irmschler: Stell dir vor, die Rechten machen Kulturkampf und keiner geht hin, weil alle mit ihrem Kreislauf kämpfen, sich um die nächste Miete sorgen und auf die Bahn warten. Dann wird einem aber von irgendwelchen CDU-Hanseln und nochmal kühl aufgegossen von AfD und anderen Rechtsradikalen damit so lang unter der Nase rumgewedelt, bis man eine Position dazu haben muss, weil sie irgendwann zu Gewaltandrohungen übergehen. Schuld ist Berlin! Sie sollen dort jetzt sofort hundert Schwimmbäder bauen. Und schon wieder denke ich an ein Songzitat: „Scheint die Sonne auch für Nazis? Wenn’s nach mir geht, tut sie’s nicht – ich will 'nen Sommer nur für mich!“ Die Ärzte aus Berlin.
taz: Bei der Leichtathletik-WM prangert Läuferin Smilla Kolbe den Rassismus von deutschen Fans gegen ihre Kolleginnen an. Was können wir von ihr lernen?
Irmschler: Immer gut, wenn Leute die Fresse aufmachen, wenn Menschenfeindliches passiert. Aber kann es überhaupt Wettbewerbe geben, die davon frei sind, wenn sie auf nationaler Ebene geführt werden und sie so dermaßen auf Optimierung beruhen? Frag ich schon mal vor – wegen der folgenden Frage.
taz: Der Eurovision Song Contest hat eine neue Regel: Länder im Krieg dürfen das Event nicht hosten. Anlass dafür gab vermutlich die Teilnahme Israels. Zum zweiten Mal in Folge verfehlte es knapp den Sieg. Ausrichten dürfte Israel den Wettbewerb mit der neuen Regel aber sowieso nicht. Ist das fair?
Irmschler: Ja, aber nein, aber ja. Es sollte keine Kriege geben und keine Nationen und diese ganzen korrupten Scheißwettbewerbe nicht mehr, die je danach, was sich gerade mehr lohnt, auf unpolitisch und dann wieder politisch machen. „In einer Welt ohne Nationen und Wettbewerbe leben wir aber nicht“, sagt jetzt wieder irgendein Typ, der in solchen Momenten immer aus irgendeiner Hecke auftaucht. Noch nicht, ja, nicht mehr. Natürlich sollten alle möglichen Risiken für Menschen minimiert werden und keine rechte Regierung, die in diesen Wettbewerben nun mal mit drinhängt, von Kultur profitieren.
Fragen: Clara Dünkler
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
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