Debatte um Rente: Nicht einlassen auf das Krümelverteilergerede von oben
In Köln pfeifen die Sittiche vom Generalstreik. Außerdem: Deutsche Medien im Instakachel-Modus in Ceuta, Männer, die sich raffen müssen – und Ariana Grande.
Foto: Daniel Cole/reuters
t az: Frau Irmschler, was war schlecht vergangene Woche?
Paula Irmschler: In meiner Stadt, die keine Ausnahme ist, geht es mit jeder Woche menschenfeindlicher zu. Die Armut wird größer, der Fluss verpufft, es gibt keine saftigen Wiesen mehr, stattdessen liegt überall Stroh herum und jeder weiß warum. Überleben sollen am Ende nur Autos und Straßen und dafür wird alles getan, gebaut und verdrängt. Zudem werden Leute mit Autoritätsfetisch mit immer mehr davon ausgestattet – Security, Polizei, Mitarbeiter hier und da –, um Leute, die keine kühlende Bleibe haben, bei ihrer Suche danach zu vertreiben. Der Nächstenliebe-Eintritt zum Kölner Dom beträgt jetzt zum Beispiel 12 Euro und damit irgendein Dödel mit hässlicher Weste die öffentliche Toilette in der Innenstadt vor kranken, armen Leuten beschützt, gibt die Stadt eine halbe Million pro Jahr aus.
taz: Und was wird besser in dieser?
Irmschler: Die letzten überlebenden Vögel pfeifen hier von den Dächern, dass die Leute sich das nicht mehr gefallen lassen und sich zusammentun und streiken. Von Generalstreik wird gar von den hier ansässigen grünen Halsbandsittichen herumgezwitschert. Man darf gespannt sein.
taz: 45 Jahre sind ein langes Arbeitsleben, das für eine Rente ohne Abschläge reichen muss, sagt Brandenburgs SPD-Regierungschef Dietmar Woidke. Stimmen Sie zu?
Irmschler: Ich habe diese verrückte Idee, dass man sich auf diese Art Krümelverteilergerede von oben gar nicht einlassen muss. Wieso Zeit damit verschwenden, zu überlegen, warum man Leuten unterschiedlich wenig geben sollte, damit sie dann unterschiedlich schlecht davon leben, während andere einfach mehr und mehr und mehr mit unseren Grundbedürfnissen (wie zum Beispiel wohnen, essen, leben) Profit machen, statt es diesen Reichen einfach wegzunehmen? Ich als Politikerin sage: Alle sollen haben, was sie brauchen. Egal wer wie viel arbeiten kann oder konnte. Es gibt ja gar nicht zu wenig.
taz: Bis zu 60.000 Menschen sind von Marokko in die spanische Exklave Ceuta geflüchtet. Ist die Berichterstattung in Deutschland dem Thema gerecht geworden?
Irmschler: Nö. Deutsche Medien lassen sich seit Jahren von Plattformlogiken herumschubsen und setzen online auf Effekthascherei und viel zu behämmerte, verkürzte Sprache, die in Fällen von Migration und Krieg fast nur noch populistisch ist. So gut wie jedes Medium verfiel bereitwillig der inneren rassistischen Verlockung und umschrieb die Menschen und deren Not mit Begriffen wie „Flut“ und „Sturm“. Das war wirklich totale Scheiße, die deutsche Medien da abgezogen haben, um es Zitatkachel-like zu sagen.
taz: Die Popwelt blickt gerade mal wieder auf Ariana Grande. Gibt es überhaupt einen guten Weg über Promis und ihre Körper zu reden?
Irmschler: Über Körper selbst wahrscheinlich nicht, weil man einfach nicht wissen kann – und es einen auch nichts angeht –, wie es einem anderen Körper geht und weshalb er wie aussieht. Die Leute ziehen Schlüsse, denn sie haben irgendwann in den 80ern (welchen Jahrhunderts auch immer) gelernt: dick = faul, viel am Essen und wertlos, dünn = Disziplin, gut beherrschbar, zart. Stimmt aber alles nicht, Körper entwickeln sich aus vielen Gründen unterschiedlich und weisen unterschiedlich viel Stärke oder Fitness auf. Schön sind eh alle. Worüber man, gerade in der Kultur, besser sprechen kann, ist Performance, Darstellung, Symbole, denn darum geht es ja. Wieso sehen weibliche Körper im Pop zum Beispiel immer mehr aus wie von Ausbeutern aus der Sexindustrie ausgedacht oder wieso verkaufen Popstars uns Produkte, die uns einschnüren und unbeweglich machen sollen (Shapewear), mit denen wir unseren Körper bekämpfen sollen (Abnehmprodukte) oder sinnlose, giftige, wirklose Cremes (Anti-Ageing)? Wieso hauchen weibliche Popstars ihre Songs teilweise nur ins Mikro und wieso kriechen sie bei Auftritten auf dem Boden herum? Wieso rasieren sie sich alle kollektiv den ganzen Körper?
taz: Der Terroranschlag auf den Berliner CSD liegt nun gut zwei Wochen zurück. Worüber ist zu wenig gesprochen geworden?
Irmschler: Darüber, dass viel zu schnell zu viele bereit waren, die Sprache der Polizei und ihre Erzählung hinzunehmen. Wie schnell zum Beispiel linke Online-Aktivist:innen und Journalist:innen das Fahndungsbild einer migrantisierten Person durch soziale Netzwerke jagten, war nach allem, was spätestens seit den „Dönermorden“ über unsere liebe Polizei herausgekommen ist, ganz schön irritierend. In der Nacht drauf hat Deutschland übrigens wieder Menschen nach Afghanistan abgeschoben.
taz: Schon wieder steht ein Mann vor Gericht, der mehrere Frauen betäubt, vergewaltigt und dabei gefilmt haben soll. Diesmal wird es der Berliner Pelicot-Fall genannt. Wie können wir damit umgehen, ohne an der überwältigenden Anzahl von Taten zu verzweifeln?
Irmschler: Man kann damit nicht umgehen und man muss daran verzweifeln. Es ist so banal und warum auch immer so schwer: Männer müssen aufhören, diese unsägliche Scheiße zu bauen. Männer müssen sich raffen. Männer müssen aufhören, Frauen zu hassen, sie auszubeuten, sie zu missbrauchen, sie sich schwach und halb oder ganz tot zu wünschen. Sie können damit heute noch aufhören, wenn sie es wollten.
Fragen: Selina Hellfritsch
Paula Irmschler ist Autorin und Musikjournalistin. Sie vertritt an dieser Stelle für zwei Wochen Friedrich Küppersbusch.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
meistkommentiert