Wahlen in Sachsen-Anhalt: CDU setzt erstmals auf Kulturwahlkampf
Didi Hallervorden und Sven Schulze haben verschiedene Meinungen. Statt die zu diskutieren, reihen sie Monologe aneinander – und lachen über Frauen.
Foto: Matthias Gränzdörfer/imago
Ministerpräsident Sven Schulze (CDU) lugt einmal auf die Bühne, bevor es losgeht. Noch sind die 112 Sitzplätze des Theaters in Naumburg leer. Die Kameras vom ZDF, der Deutschen Welle und der dpa stehen schon. Durch die geschlossene Tür dringt Stimmengewirr in den Theatersaal, in einer halben Stunde geht’s los.
Bereits zum vierten Mal teilen sich dann der CDU-Spitzenkandidat Schulze und der Kabarettist Dieter „Didi“ Hallervorden in diesem Wahlkampf eine Bühne. Wie in Magdeburg, Halle und Dessau ist auch diese letzte Veranstaltung in Naumburg ausgebucht. Doch nicht deshalb sorgte die kleine Tour bundesweit für Aufsehen. Statt netter Palim-Palim-Sketche kritisierte Hallervorden in Sachsen-Anhalt in einem Lied Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und seine Aufrüstungspläne. Ob das der CDU geholfen hat?
Wenige Minuten vor dem Einlass in Naumburg spricht Schulze hinter der Bühne in einem Interview über die aktuellen Umfragen. „Im Moment hat keiner eine Mehrheit. Ich hab sie nicht und der Hauptkonkurrent – die AfD – hat sie auch nicht.“ Kurz darauf strömt das Publikum auf seine Plätze. Den Abend moderiert wie bei den anderen Veranstaltungen Clara von Nathusius, Bundesvorstandsmitglied der Jungen Union und Influencerin.
Ohne große Umschweife beginnt Hallervorden zu singen, wie auch bei den vorherigen drei Veranstaltungen. Allerdings geht es dieses Mal nicht um Krieg, anderes als in Magdeburg, Halle und Dessau. Dort hatte der 90-jährige Hallervorden unter anderem gefordert, Merz (CDU) solle auf dem Mond kämpfen, wenn er unbedingt wolle. „Stoppt den Völkermord in Gaza“, war auch in einem Video zu sehen, das Hallervorden einspielen ließ.
Kritik aus der Bundes-CDU
Franziska Hoppermann, die neue Generalsekretärin der Bundes-CDU distanzierte sich daraufhin öffentlich: „Es gibt keinen Völkermord in Gaza“. Hallervorden erwiderte, auf Bundesebene würde er auch keinen Wahlkampf für die CDU machen. Aber in Sachsen-Anhalt, bei Sven Schulze, sei das anders. Für den wolle er „sein kleines Gewicht“ in die Waagschale werfen, um die erste AfD-Regierung in Deutschland zu verhindern.
Schulze zeigte sich wiederum irritiert von der Debatte. Klar stimme er nicht in allem mit Hallervorden überein. Aber darum gehe es gar nicht. Der Titel laute „Kunst braucht Freiheit, nicht Kunst braucht Zustimmung“. Und durch eine AfD-Regierung sei eben jene Kunstfreiheit in Sachsen-Anhalt bedroht.
Durchhalten bei Gegenwind
Dieses Mal in Naumburg an der Saale wünscht Hallervorden Kanzler Merz nicht auf den Mond. Stattdessen geht es ums Durchhalten bei Gegenwind. „Angepasst sein, fand ich immer fürchterlich.“ Er habe das Lied gewechselt, um die Debatte mit der Bundes-CDU herauszuhalten, erklärt Hallervorden danach.
Moderatorin von Nathusius findet das offenbar gut. Die 31-Jährige fragt die beiden Männer nach deren Erinnerungen an die DDR. Schulze war bei deren Ende 10 Jahre alt. Trotzdem erinnere er sich, wie vorsichtig seine Eltern damals gewesen sein. Hallervorden, in Dessau geboren, in den 50ern aus der DDR geflohen, sagt: „Wenn ich ordentlich was über Honecker gesagt hätte, wäre ich im Gefängnis gelandet. Und wenn ich heute was gegen Merz sage, komme ich ins Fernsehen.“
Schulze gesteht ein, dass die CDU „noch nie im Wahlkampf über Kunst gesprochen“ habe. Doch jetzt sei es relevant. „Ich will niemals, dass aus der Staatskanzlei in Magdeburg heraus festgelegt wird, was hier gespielt werden darf und was nicht.“
Schon im April, als das Wahlprogramm der AfD die Runde machte, warnten Kulturinstitutionen in Sachsen-Anhalt vor der dort angekündigten politischer Einflussnahme. Nur noch patriotische Kultur wolle die national-autoritäre Partei fördern, steht im Programm. Zu den Unterzeichner:innen gehörte unter anderem das Bauhaus Dessau, das bereits vor hundert Jahren den Nazis ein Dorn im Auge war.
Diskussion? Bleibt aus
In Naumburg reihen Hallervorden und Schulze noch ein paar Redebeiträge aneinander. Dabei blitzen hier und da Meinungsunterschiede auf. Hallervorden äußert etwa Verständnis für den Angriffskrieg von Russlands Präsidenten Wladimir Putin auf die Ukraine. Der habe schließlich mit einer Erweiterung der Nato rechnen müssen. Schulze sagt später, selbst wenn Putin sich bedroht gefühlt haben sollte, sei das kein Grund für einen Krieg. Hallervorden schaut Schulze an. Schmale Lippen. Diskussion? Die bleibt aus.
Dann finden Hallervorden und Schulze noch ein Thema, bei dem sie einer Meinung sind. Als von Nathusius den Kabarettisten um ein weiteres Lied bittet, antwortet der schelmisch grummelnd: „Ich hätte noch was anderes … aber: Happy Wife, Happy Life“. Von Nathusius beginnt zu widersprechen, bricht den Satz jedoch ab. Wenig später sagt Schulze lachend: „Zu Hause bin ich nicht der Chef. Happy Wife, Happy Life, das gilt bei mir ganz besonders.“
Nach dem Auftritt zieht es das Publikum schnell hinaus aus dem mittlerweile aufgeheizten Theatersaal. Ein paar gehen zur Bar, andere direkt an die frische Luft. Sven Schulze gibt weitere TV-Interviews. Dieter Hallervorden posiert für Fotos mit Fans.
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