piwik no script img

Merz' holprige Regierungsbildung Vermeidbare Krise

Cem-Odos Güler

Kommentar von

Cem-Odos Güler

Das Managementchaos fügt sich in ein Bild. Das eines stümperhaft handelnden Mannes, den in entscheidenden Momenten die Intuition verlässt.

W enn man Friedrich Merz so reden hört, könnte man fast vergessen, dass die CDU ihn erst im dritten Anlauf zum Parteichef wählte. Oder dass ihn seine Regierungskoalition bei der Kanzlerwahl ein Mal durchfallen ließ. Merz schluckte alle Anzeichen dafür, dass ihm selbst seine eigenen Leute nicht vertrauen, herunter. Wer die bemerkenswerte Kunst des Kanzlers, Schläge einzustecken, damit verwechselte, dass er nun endlich für Frieden in den eigenen Reihen gesorgt hätte, wird aktuell eines Besseren belehrt.

Mehr als ein Jahr nach dem Beginn seiner Kanzlerschaft und nur wenige Wochen vor drei Landtagswahlen hat Merz die halbe CDU gegen sich aufgebracht – und seine Partei in eine vermeidbare Krise geführt. Es ist bemerkenswert, welche Welle an Gefühlen dem hängen- aber fallengelassenen Verkehrsminister Patrick Schnieder entgegenschlug, der seinen Rücktritt selbst erklären musste, um seine Selbstachtung zu wahren.

Die Kritik an Merz ist auch deshalb so deutlich, weil sich sein Managementchaos in ein Bild einfügt. Das eines stümperhaft handelnden Mannes, den in entscheidenden Momenten Intuition und jedwede Fähigkeit zu empathischem Handeln verlassen. Nun attackiert der rheinland-pfälzische Landesverband den Kanzler frontal. Schon zuvor brauchte Merz Nachhilfe aus Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und der Frauen-Union, um in der Affäre mit Jens Spahn zu der für die CDU richtigen Entscheidung zu gelangen.

Das Logo der taz: Weißer Schriftzung t a z und weiße Tatze auf rotem Grund.
taz debatte

Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.

Mit der Beorderung seines ihm treu ergebenen CDU-Generalsekretärs Carsten Linnemann zum Gesundheitsminister kratzt Merz alles zusammen, was ihm in der Regierung den benötigten Rückhalt verschafft. Doch es hilft nichts: Das Merz-Lager muss demonstrieren, dass es wieder Ruhe in Partei und Regierung bekommen kann. Sonst könnte den Kanzler nach den gescheiterten Landtagswahlen das gleiche Schicksal wie Schnieder ereilen – dann aber wohl ganz ohne Hängepartie.

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen

Cem-Odos Güler

Cem-Odos Güler Redakteur

Berichtet seit 2023 als Korrespondent im Parlamentsbüro der taz über Verteidigungsthemen und die SPD. Studium der Sozialwissenschaften und Volkswirtschaftslehre in Köln, Moskau und London.
Mehr zum Thema

0 Kommentare