: Wiederder Schmerz
Der Anschlag beim Berliner CSD erschüttert auch Münster. Die Stadt, wo vor vier Jahren der trans Mann Malte C. beim CSD tödlich verletzt wurde. Gerade bereitet man sich auf die Parade Mitte August in Münster vor
Foto: Jochen Tack/imago
Aus Münster Lilly Schröder
Von der gotischen Fassade des sandfarbenen Rathausgebäudes weht am Mittwoch keine Pride-Flagge mehr. Von der Mahnwache vom Vortag für das CSD-Attentat in Berlin sind nur noch ein paar vertrocknete Blumen im Rathausinnenhof übrig und ein Schild mit der Aufschrift: „Ihr seid nicht allein“. „Für viele ist der Angriff auf den CSD in Berlin retraumatisierend“, sagt Leonie Dietz. Auch sie trifft die Gewalttat schwer. Ihre feuerroten Locken trägt die 27-Jährige kurz, ein Piercing steckt an ihrer Augenbraue, eins an der Nase.
Dietz ist Teil des Münsteraner CSD-Orgateams, und sie hat 2022 auch das Awarenessnetz NRW mitgegründet. In jenem Jahr war am Rande des CSDs in Münster der 25-jährige trans Mann Malte C. von einem Mann tödlich angegriffen worden. Der Täter hatte zuvor laut Polizei mehrere Umzugsteilnehmer*innen als „lesbische Hure“ beschimpft und war drohend auf sie zugegangen. Malte C. habe sich schützend vor sie gestellt, daraufhin habe ihn der Angreifer zweimal unvermittelt gegen den Kopf geschlagen. C. verstarb sechs Tage später an den Folgen eines Schädelhirntraumas.
Der Täter war ein 20-jähriger, wegen Körperverletzung vorbestrafter, drogen- und alkoholsüchtiger geflüchteter Mann aus Tschetschenien, der selbst schwul ist. Das Landgericht Münster verurteilte ihn zu fünf Jahren Jugendstrafe. Queerfeindlichkeit wollte das Gericht in der Tat jedoch nicht erkennen.
„Wieder hier zu stehen, wieder Blumen niederzulegen, wieder zu sehen, dass jemand sein Leben wegen Queerfeindlichkeit und Hass lassen musste, tut richtig weh“, sagt Dietz. Am Samstagabend war ein 21-Jähriger im Berliner Tiergarten in unmittelbarer Nähe zum CSD absichtlich in eine Menschenmenge gefahren. Eine Frau starb, 31 Personen wurden verletzt. Der mutmaßliche Täter, Abdul B., der am Sonntagabend bei einem Polizeieinsatz erschossen wurde, war den Behörden bereits bekannt und als islamistischer Gefährder eingestuft.
Leonie Dietz sieht erschöpft aus. „Wir waren zwei Nächte wach“, erzählt sie. Als sie und ihre Gruppe nachts vom Attentat erfuhren, seien sie direkt nach Berlin gefahren. Um 5 Uhr morgens seien sie angekommen und hätten direkt die Mahnwache vor dem Brandenburger Tor mitorganisiert, am Dienstag dann die in Münster.
Am 15. August findet in der 300.000-Einwohner*innen-Stadt, in der 1972 die erste Homosexuellendemos der Bundesrepublik stattfand, der diesjährige CSD statt. Das Motto: „Die Würde jedes Menschen ist unantastbar.“ Dis Organisator*innen rechnen mit 10.000 bis 12.000 Besucher*innen. Wie geht eine Stadt und eine Community, die mit dem Angriff auf Malte C. schon queerfeindliche Gewalt bei einem CSD erlebt hat, mit der erneuten Gewalttat um?
„Wir haben nach dem Mord an Malte gelernt, dass wir uns gegenseitig halten und unterstützen müssen, wenn das System es gerade nicht kann“, sagt Dietz. Davon würden sie jetzt profitieren. „Auf Signal, Whatsapp und Telegram fragen gerade viele: Was braucht ihr? Wo braucht ihr Unterstützung? Wie geht es dir?“ Wer Redebedarf hat, kann ins A.Cat kommen, die einzige offen queere Bar in Münster, oder sich an die Hotline des Awarenessnetzes wenden. „Seit einigen Tagen steht unser Telefon nicht mehr still“, berichtet Dietz. Privatpersonen würden anrufen, aber auch Institutionen, die Schulungen über Gewaltschutz und Awarenesskonzepte anfragen.
Gegründet hat sich das Awarenessnetz, das Awarenesskonzepte für queere Veranstaltungen entwickelt und Schulungen anbietet, in Reaktion auf den Mord an Malte C. „Ich musste irgendwo hin mit dieser Trauer und der Wut“, erzählt Dietz. „Ich konnte nicht glauben, dass das passiert, vor allem in Münster, wo wir so viel gute Präventionsarbeit leisten.“
Rückblickend habe am meisten geholfen, die Trauer und Wut in Aktionismus zu stecken, so Dietz. „Die Community hat sich schnell mobilisiert, offene Treffs und Beratungen angeboten und über Gewaltschutzkonzepte gesprochen.“ Sie hätten sich über Landesgrenzen hinweg vernetzt, kleinere CSDs auf dem Land unterstützt und seien mit dem Amt für Gleichstellung in den Dialog gegangen. 2025 wurde der Aktionsplan LSBTIQ+-Münster beschlossen, mit dem jetzigen Grünen-Oberbürgermeister Tilman Fuchs, von dem sich die Community sehr gesehen fühle, gäbe es viele Vernetzungstreffen. „Auch mit der Polizei gibt es inzwischen eine enge Zusammenarbeit“, sagt Dietz. Vor 2022 habe es wenig Austausch gegeben.
Antonia Linnenbrink, Sprecherin der Polizei Münster, bestätigt das: „Die Stimmung war eiskalt“, erinnert sie sich an den ersten runden Tisch nach dem Mord an Malte C. „Wir dachten, wir sind eine offene Institution, mussten aber feststellen, dass die Community das nicht spürt.“ Seitdem hat sich viel getan: Einmal jährlich findet ein runder Tisch statt, es gibt interne Sensibilisierungsschulungen zu Diversität, zudem wurden zwei Queerbeauftragte in der Polizei eingerichtet. Außerdem gibt es regelmäßige Dialogformate mit der Community, die Polizei kommentiere aktiv zu queeren Themen und hisse an bestimmten Tagen die Prideflagge. „Dafür bekommen wir nicht nur positive Resonanz“, sagt Linnenbrink. „Uns bläst auch ein krasser Wind entgegen.“
Dieser Eindruck entsteht nicht, schlendert man durch die beschauliche Studierendenstadt. Straßenlaternen sind großflächig mit Pridestickern bedeckt, Ampelmännchen zeigen gleichgeschlechtliche Paare in rot und grün, über den Hafenplatz, wo Malte C. attackiert wurde, zieht sich ein einhundert Meter langer Regenbogen-Streifen.
Aber, erzählt Dietz, sobald man die Bubble, in der viel Solidarität herrsche, „wird man bespuckt, beleidigt, gecatcalled“. Die Zahl der registrierten queerfeindlichen Straftaten stieg nach Angaben des Landeskriminalamts Nordrhein-Westfalen von 86 Fällen im Jahr 2022 auf 284 Fälle im Jahr 2025. Bundesweit wurden nach Angaben des Bundeskriminalamts 2025 2.377 queerfeindliche Straftaten registriert – fast doppelt so viele wie noch drei Jahre zuvor. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen.
Die Sicherheitsmaßnahmen rund um den CSD in Münster wurden nach dem Angriff auf Malte C. verschärft: mehr Polizei, mehr abgesperrte Straßen, mehr Awarenesspersonal und Ordner*innen. Nach dem Attentat in Berlin wird für den CSD in zwei Wochen weiter aufgestockt, so Polizeisprecherin Linnenbrink. Grundlage dafür sei eine fortlaufende Gefährdungsbewertung des Staatsschutzes, an die sich die Maßnahmen jeweils anpassten.
„Ich wünsche mir, dass Menschen sich trotz der Umstände möglichst sicher fühlen, sichtbar sind und wirklich zusammenzuhalten“, sagt Dietz. Das Supportnetz in Münster sei sehr beeindrucken und berührend. Daran müssten sie sich gerade festhalten, denn die Wut auf das System, das queere Menschen nicht schütze, sei groß. „Dass die Tat politisch instrumentalisiert wird, ist doppelt bitter, weil damit Hass und Rassismus geschürt wird.“
Das schürt nicht nur bei Leonie Dietz Unmut. „Manche Jugendliche regen sich über die politische Instrumentalisierung der Tat auf“, sagt Yannick Janßen. „Andere sind sichtbar mitgenommen, und für wieder andere ist das, was in Berlin geschehen ist, sehr fern.“ Janßen sitzt auf einem Sofa im Track, einem LSBTI+-Jugendzentrum und einer Beratungsstelle für Queere. An der Decke hängt eine Transflagge und eine Girlande mit Pridefähnchen. „Das war damals bei Malte auch so. Viele Verarbeitungsprozesse funktionieren unterschiedlich“, sagt Janßen. Im Track soll Platz für jede Form des Umgangs sein.
Nina Kleeberg vom Verein Trans*-Inter*-Münster möchte ähnliches für ihre Community anbieten. Sie sitzt Janßen gegenüber – dass er sie trotz kürzester Vorlaufzeit spontan zum Gespräch dazugeholt hat, zeigt, wie eng die Strukturen in Münster miteinander vernetzt sind. „Es nimmt einige ziemlich mit, es ist eine generelle Angst und Verunsicherung zu verspüren“, berichtet Kleeberg. Jetzt brauche es – genau wie nach dem Angriff auf Malte C. – Rückhalt aus der Community, aber auch aus der Zivilgesellschaft und der Stadt.
Leonie Dietz, Münsteraner Orgateam
Damals hatte sich innerhalb kürzester Zeit das Bündnis gegen Queer- und Transfeindlichkeit gegründet, in dem sich erstmals queere und Antifa-Orgas vernetzten. Sie hätten Kontakt mit dem Boxklub aufgenommen, in dem der Täter von Malte C. aktiv war, und gefragt, was sie brauchen. „Wir haben auch einen offenen Brief an die Zivilgesellschaft geschrieben, dass wir Rückhalt aus der Stadt brauchen, auch wenn es sie nicht direkt betrifft“, berichtet Janßen. Das sei auf großes Interesse gestoßen, auch wenn die finanziellen Mittel nicht immer da seien.
Kleeberg ergänzt: „In den Verwaltungen liegen überall Broschüren zu queeren Themen aus, und die Mitarbeiter*innen sind sensibilisiert. Da ist Münster schon eine Ausnahme“, so die trans Frau. Auch die Bürger*innen seien offen. Die Grundeinstellung sei: „Leben und leben lassen.“
Dennoch hat die Community klare Wünsche: „Ein aufrichtiges Interesse daran, die Bedürfnisse von queeren Menschen zu sehen, mehr Schutzstrukturen und Gelder dafür“, sagt Leonie Dietz. Sie fordert außerdem, dass das Verbot von Diskriminierung aufgrund von Queerness in das Grundgesetz aufgenommen werden müsse. Dafür geht sie am 15. August auf die Straße.
Nina Kleeberg begrüßt, dass der CSD in Münster trotz des Anschlags in Berlin wie geplant stattfindet. „Wir dürfen uns nicht verstecken“, sagt sie.
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