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Flucht und KlimawandelEin Klima der Krisen

Extremwettereignisse verschärfen Fluchtbewegungen – aber weder Entwicklungshilfe noch Migrationspolitik reagieren, warnt der „Report Globale Flucht“.

Zu viel Wetter, zu wenig Hilfe: Insbesondere auch Länder in Afrika, hier Kenia, trifft der Klimawandel hart Foto: Daniel Irungu/epa

Es sind insgesamt mehr, als Kanada oder Polen Ein­woh­ne­r:in­nen haben: 30 Millionen Menschen mussten allein im vergangenen Jahr vorübergehend wegen Extremwetterereignissen fliehen. Weitere 14 Millionen Menschen waren 2025 wegen Stürmen, Dürren oder Überschwemmungen dauerhaft innerhalb ihres Landes vertrieben. Klimabedingte Flucht sei „keine Zukunftsfrage mehr“, sagt die Migrationsforscherin Petra Bendel. Vertreibung durch eine zunehmende Zahl von Extremwetterereignissen sei vielmehr bereits in vollem Gange.

Mit anderen Wis­sen­schaft­le­r:in­nen stellte die an der FAU Erlangen-Nürnberg lehrende Bendel am Montag in Berlin den Report Globale Flucht vor. Dessen Kernbotschaft: Der Klimawandel sei eine „wichtige Triebkraft von Flucht“. Gleichzeitig stecke in der Mobilität auch „die Chance einer besseren Anpassung“.

Klar sei, dass heute die meisten von Extremwetterereignissen Betroffenen innerhalb ihrer Herkunftsregionen bleiben, da sie keinen Zugang zu Schutz an anderen Orten oder zu legalen Migrationswegen haben, so Bendel. Gleichzeitig reiche das bestehende Flüchtlingsrecht nicht aus, um Herausforderungen klimabedingter Mobilität zu bewältigen. Zwar erkennen die UN heute die Klimakrise als Fluchtgrund an. Einen Rechtsanspruch auf Aufnahme gibt es aber nicht – und vor allem die Industriestaaten haben immer wieder klargemacht, dass sie einen solchen auf keinen Fall mittragen wollen.

Mobilität als Chance

Bendel sagte, dass viele Geflüchtete in einer „Zwickmühle zwischen Rückkehr, bleiben oder weiterwandern“ steckten. „Sie wandern aber primär dann weiter, wenn sie auf ihrem Weg Gewalterfahrungen machen müssen.“ Schon 2020 habe der UN-Menschenrechtsausschuss und 2025 der Internationale Gerichtshof betont, dass niemand in ein Land abgeschoben werden dürfe, in dem ihr oder sein Leben durch Klimafolgen bedroht ist. In ihrem Report betonen die For­sche­r:in­nen aber, dass es ihnen keineswegs nur um die Frage nach Aufnahme oder Umsiedlung geht. Stattdessen brauche es „mehrdimensionale Lösungen“ auf lokaler, regionaler und auf internationaler Ebene. Die Betroffenen müssten bestmöglich bei der Bewältigung von Klimakatastrophen unterstützt werden, sagte Bendel.

Mobilität könne dabei eine geeignete Form der Anpassung an den Klimawandel sein. Ebenso wichtig sei aber, die Resilienz der Betroffenen zu erhöhen. Eine Möglichkeit dazu sei beispielsweise, in gefährdeten Regionen Schulen und Krankenhäuser als widerstandsfähige Infrastruktur so anzulegen, dass sie Extremwetterereignisse überstehen können. Dafür aber fehle es an ausreichender Finanzierung.

„Imperiale Bestrebungen“ als Problem

Der Migrationsforscher Franck Düvell vom IMIS in Osnabrück weist in seinem Beitrag auf die Folgen der „fundamentalen Verschiebungen der geopolitischen Ordnung“ für die Migration hin. „Imperiale Bestrebungen“ würden heute neue Konflikte schaffen und bestehende anheizen, etwa in Sudan oder der Ukraine. Handelsabkommen, Zusammenarbeit zur Arbeitsmigration oder humanitäre Hilfe würden von konfrontativer Machtpolitik untergraben. „Die Verschärfung geopolitischer Bruchlinien lässt für die Entwicklung des globalen Fluchtgeschehens nur wenig Hoffnung auf Verbesserungen“, so Düvell.

Sie erwarte, dass die am 12. Juni in Kraft tretende Reform des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems (GEAS) zu weiteren Rechtsbrüchen führen werde, sagte Petra Bendel. Sie rechne mit einer „Ausweitung haftähnlicher Unterbringungen“ an den europäischen Außengrenzen. Auch sei eine weitere Marginalisierung von besonders schutzbedürftigen Gruppen zu erwarten, da die Schutzzusagen in dem neuen Regelwerk unzureichend seien. Dazu zähle auch die deutsche Praxis der Zurückweisung an den Binnengrenzen, da dabei keine echte Überprüfung der Schutzbedürftigkeit der Betroffenen stattfinde. Dieses Verhalten sei „rücksichtslos nationalistisch“.

Die Verschärfung geopolitischer Bruchlinien lässt nur wenig Hoffnung auf Verbesserungen

Frank Düvell, Migrationsforscher

Der Migrationsforscher Marcus Engler kritisiert, dass die Bundespolitik den Erfolg ihrer zusehends restriktiven Asyl- und Flüchtlingspolitik nur noch am „Sinken der Ankunftszahlen durch nicht rechtskonforme Zurückweisungen“ messe. Er fürchte, dass das fragile globale System des Flüchtlingsschutzes „gerade komplett zerstört wird“, so Engler.

Kein Platz mehr für Humanität

Die For­sche­r:in­nen bedauern, dass die Bereitschaft europäischer Staaten, sich an humanitären Aufnahmeprogrammen zu beteiligen, zurückgegangen ist. Sie verweisen auf einen Beschluss von Ende 2025, wonach nur neun EU-Mitgliedstaaten bereit sind, innerhalb von zwei Jahren insgesamt 10.430 Plätze für Neuansiedlung und Aufnahme aus humanitären Gründen zur Verfügung zu stellen. Deutschland, das im Zeitraum 2012 bis 2024 nach Schweden der Staat war, der am meisten Menschen über solche Programme aufgenommen hatte, stellt für 2026 und 2027 demnach keine Plätze mehr bereit

Hinter dem vom Bundesforschungsministerium geförderten Report Globale Flucht steht ein Netzwerk unter Federführung von Forscherinnen und Forschern aus Bonn, Osnabrück und Erlangen. Ebenfalls am Montag hatten kirchliche Hilfsorganisationen zu mehr Hilfe für die Opfer des Krieges im Sudan aufgerufen. Mit 20 Millionen hungernden Menschen und mehr als 150.000 im Krieg getöteten Menschen sei der Sudankonflikt die größte humanitäre Krise weltweit, erklärten „Diakonie Katastrophenhilfe“ und „Caritas International“ am Montag.

„Die verheerende Lage in Sudan findet aber immer weniger Beachtung. Sie wird von anderen Kriegen und Katastrophen überlagert. Und sie wird international schlichtweg ignoriert“, sagte der Diakonie-Katastrophenhilfe-Chef Martin Keßler. Caritas International erläuterte, dass die Staatengemeinschaft derzeit nur rund 40 Prozent der eigentlich nötigen Hilfsgelder aufbringt. Spenden gingen zurück. „Dieser Tendenz können wir aber mit Anteilnahme und Spenden für die Hilfe in Sudan und den Nachbarländern begegnen. Solidarität rettet Menschenleben“, sagte der Leiter von Caritas International, Oliver Müller.

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