Stalin-Renaissance unter Putin: Die Rückkehr des Despoten
Während die Aggression gegen die Ukraine brutaler wird, gewinnt der einstige sowjetische Diktator Josef Stalin an Popularität unter den Russen. Denkmäler werden ihm errichtet.
Sotschi hat eine. Nowosibirsk hat eine. Vielleicht nicht ganz überraschend hat Moskau gleich mehrere. Statuen und Büsten zu Ehren Josef Stalins tauchen heutzutage überall in Russland auf, trotz der fast unvorstellbaren Verbrechen, die der damalige Diktator der Sowjetunion auf dem Gewissen hat.
Im September 2025 gab es laut dem Medium „Re: Russia“ 176 Denkmäler des Despoten. Zwei Jahre zuvor hatte eine von Radio Svoboda zitierte Studie 110 registriert. Mit Ausnahme von 15 wurden sie alle in dem Vierteljahrhundert eingeweiht, in dem Präsident Wladimir Putin an der Macht ist, schreibt Radio Svoboda.
Stalin fing wieder an, sein Gesicht zu zeigen, insbesondere nachdem Russland 2014 den Krieg gegen die Ukraine begonnen und die Krim besetzt hatte. Seit der Vollinvasion in die Ukraine am 24. Februar 2022 hat sich diese Entwicklung fortgesetzt, wie beide Untersuchungen zeigen. Russland erhielt in den ersten sieben Monaten des Jahres 2025 laut „Re: Russia“ 18 neue Monumente zu Ehren Stalins. Zuletzt weihte die Stadt Smolensk am 18. Dezember ein Denkmal ein, um ihn zu würdigen.
Verdrängung seiner Verbrechen
Es gibt einen Zusammenhang zwischen Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine und dem Aufkommen zahlreicher neuer Denkmäler zu Ehren Stalins. Das meint der amerikanische Historiker und Journalist David Satter, Autor des 2011 erschienenen Buches „It Was a Long Time Ago, and It Never Happened Anyway“.
„Die Invasion in die Ukraine nährt den Traum von einem Imperium, und niemand hat ein größeres Imperium für Russland geschaffen als Stalin“, sagt der Autor, dessen Buch sich mit der Verdrängung der Verbrechen der Stalin-Ära in der russischen Gesellschaft befasst.
Die Errichtung der vielen Denkmäler geht Hand in Hand mit Stalins wachsender Beliebtheit in der russischen Bevölkerung. Zwei Jahre vor Russlands Angriff auf die Ukraine in 2014 hatten nur 28 Prozent der Russen eine positive Meinung von Stalin. Im Jahr 2023 war diese Zahl auf 63 Prozent gestiegen. Das zeigen Umfragen des Levada-Zentrums. Laut einer Umfrage vom Juni 2025 ist Stalin für die Russen die weltweit herausragendste Persönlichkeit aller Zeiten. Dies meinen 42 Prozent der Bevölkerung.
Für den russischen Schriftsteller Sergei Lebedew, der im Exil in Berlin lebt, ist die Rückkehr des sowjetischen Despoten eine Verhöhnung der Opfer des stalinistischen Staatsterrors. Darunter Millionen Ukrainer, die dabei ums Leben kamen – insbesondere während der künstlich herbeigeführten Hungersnot Holodomor in den Jahren 1932 und 1933. Wie die Verbrechen der Sowjetzeit, Massenmorde und unverarbeitete Menschenverachtung im heutigen Russland weiterwirken, zieht sich wie ein roter Faden durch Lebedews Romane.
„Die schleichende Rückkehr von Büsten und Statuen, die Stalin abbilden, zerstört die Bedeutung der ohnehin schon viel zu wenigen Denkmäler für die Opfer. Sie erzeugen einen Effekt der systemischen ethischen Auflösung“, sagt er.
Als Memorial gegründet wurde
In seinem Buch schildert Satter wiederum eine Szene aus dem Jahr 1988, in der es kurzzeitig so aussah, als würde die russische Gesellschaft endlich eine gründliche Aufarbeitung des Erbes Stalins in Angriff nehmen. Sie spielte sich in der Nähe der U-Bahn-Station Aeroport in Moskau ab. Um die Verbrechen unter seiner Herrschaft aufzudecken und darüber zu informieren, hatte eine Gruppe von Aktivisten gerade die Menschenrechtsorganisation Memorial gegründet und ein kleines Büro eröffnet.
Satter schreibt: „Es war sechs Tage die Woche von 10 bis 21 Uhr geöffnet, und Menschen, die vom Terror betroffen waren, strömten dazu. Manchmal reichten die Schlangen vom Büro die Treppen des Gebäudes hinunter und auf die Straße hinaus. Einige kamen, um nach verlorenen Verwandten zu suchen, andere, um Zeugen zu finden, die erzählen konnten, wie ein Verwandter zu Tode gekommen war. Kinder von ‚Volksfeinden‘, die in Waisenhäusern aufgewachsen waren und deren Nachnamen geändert worden waren, wollten die Identität ihrer Eltern erfahren. Während sie ihre Geschichten erzählten, wurden die Menschen oft ohnmächtig oder weinten unkontrolliert. Bald waren die Wände mit Aufrufen nach Informationen tapeziert: Wer kannte meinen Vater? Wer kannte meinen Mann? Hat jemand die oder den gesehen?“
Das Bedürfnis nach Erinnerung war also da. Im Jahr 2022 erhielt Memorial den Friedensnobelpreis. Etwa zeitgleich mit der Vollinvasion in die Ukraine wurde die Organisation in Russland aber verboten. Mehrere prominente Mitglieder sitzen im Gefängnis oder sind ins Exil geflohen – ein deutliches Zeichen dafür, wie wenig das derzeitige Regime daran interessiert ist, Russland dazu zu bringen, sich auf eine konstruktive Weise mit seiner grausamen Vergangenheit auseinanderzusetzen.
Laut Satter wurde in Russland nie anerkannt, dass tragische Ereignisse in der Geschichte aufgearbeitet und Teil des nationalen Bewusstseins werden können.
„Ich befürchte, dass Stalins Verbrechen noch viele Jahre nicht in den Fokus rücken werden. Das Gedenken an die Opfer stand schon immer im Widerspruch zum Wunsch vieler Russen, zumindest indirekt an der ‚Größe‘ ihres Landes und seiner Fähigkeit zur Einschüchterung teilzuhaben“, sagt er.
Neuer historischer Stolz
Die Aufmerksamkeit auf die Jahrzehnte des Staatsterrors und der Unterdrückung von Millionen Unschuldigen zu lenken, würde schnell mit dem neuen nationalen und historischen Stolz kollidieren, auf den sich das russische Regime anno 2026 stützt und den es schürt, meint Satter.
In seinem Buch zitiert er den Philosophen Karl Jaspers, der kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in einem deutschen Kontext schrieb:„Nur eine Nation, die ihre Schuld anerkennt, kann die geistige Katastrophe überwinden, die der Totalitarismus verursacht hat.“ Die neuen Machthaber in Russland nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion im Jahr 1991 haben diese Erkenntnis nie in die Tat umgesetzt.
Nicht nur, dass die Russen Stalin mit mehr als 176 Denkmälern ehren. Letztes Jahr ordnete Putin an, den Flughafen in Wolgograd in Flughafen Stalingrad umzubenennen, in Anerkennung des sowjetischen Generalsekretärs, nach dem die Stadt früher genannt wurde.
Der Versuch des Kremls, den Kult um den damaligen Diktator in einem neuen politischen Kontext zu nutzen, umfasst auch die Rehabilitierung seiner Handlanger. 2022 wurde in der Stadt Magadan ein Denkmal eingeweiht, das die sogenannten Tschekisten ehrt – eine Bezeichnung für Mitarbeiter des sowjetischen Sicherheitsdienstes, die unter anderem die berüchtigten Gulag-Lager betrieben. „Den Mitarbeitern der Sicherheitsorgane des Territoriums“, lautet die Inschrift.
Magadan im äußersten Nordosten Sibiriens bildete das Tor zu den schrecklichsten aller Gebiete mit sowjetischen Zwangsarbeitslagern rund um den Fluss Kolyma.
Ort des Schmerzes
„Ein Ort des Schmerzes, ein Ort des Grauens, ein Ort der Trauer. Ein Ort, an dem unter keinen Umständen ein Denkmal dieser Art errichtet werden darf“, sagt Lebedew, der diese Geste als ungeheuerlich bezeichnet und mit einer Ehrung der SS mitten in Auschwitz vergleicht.
Die Wiederbelebung des Stalin-Kults beinhaltet auch eine erneute Würdigung eines seiner berüchtigtsten Komplizen. Anfang 2025 eröffnete die russische Besatzungsmacht in der ukrainischen Stadt Mariupol ein Museum, das Andrej Schdanow gewidmet ist. Er unterzeichnete nicht weniger als 176 Hinrichtungslisten mit den Namen Unschuldiger, als der stalinistische Terror gegen die Bevölkerung der UdSSR 1937 und 1938 seinen Höhepunkt erreichte. Sein Sohn war Stalins Schwiegersohn. Und sein Enkel, heute 65 Jahre alt, freut sich laut russischen Medien über die Eröffnung des Museums, weil sein Großvater nun endlich mit dem Respekt geehrt wird, den er verdient.
Es ist von fast unvorstellbarer Brutalität, eine Stadt wie Mariupol zunächst dem Erdboden gleichzumachen, wie es die russische Armee im Frühjahr 2022 getan hat, um dann an derselben Stelle ein Museum zu errichten, das einen der schlimmsten Stalinisten aus dem Höhepunkt des Terrorregimes der Sowjetunion ehrt. Dieses Vorgehen gibt einen guten Einblick in die Natur des Putin-Regimes und die Bedeutung des Stalinismus für das derzeitige Regime im Kreml.
Laut Lebedew ist es kein Zufall, dass Stalin wiederaufersteht, während der Angriffskrieg gegen die Ukraine immer brutaler wird. Für den russischen Autor dienen die vielen neuen Statuen, die Verherrlichung des roten Zaren und die Schönfärbung seines Regimes einem konkreten Zweck. Sie senden ein klares Signal der Machthaber im Kreml an die russischen Soldaten, das Lagerpersonal und die Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes FSB, die alle Übergriffe auf Ukrainer begehen: Wie Stalin und seine Gefolgsleute, wie die anderen Täter jener Zeit, werdet ihr niemals zur Rechenschaft gezogen. Wir decken euch. Niemand wird euch verurteilen. Im Gegenteil. Wir werden euch auszeichnen.
Auch für die Ukrainer beinhaltet Stalins Rückkehr eine klare Botschaft. Indem sie ihn heraufbeschwören, signalisieren die Russen: Wir haben euch ermordet, euch in Lager geschickt und euch damals in unser Reich eingegliedert. Und jetzt tun wir es wieder.
Nur noch 390 – dann sind wir 50.000
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 390 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert