Gleichberechtigung in Schützenvereinen: Die Angst der Schützen vor den Mädchen
Ein Maissäckchen-Werfen für Mädchen empfinden die Männer der Schützengilde Wildeshausen als Affront. Und in Twistringen wollen Frauen schießen statt tanzen.
In Wildeshausen ist Montag was los. Ein paar Mädchen werden versuchen, kleine, mit Mais gefüllte Säckchen in ein Loch zu werfen. Wer gewinnt, darf sich Kinderkönigin nennen – herzlichen Glückwunsch. Danach gibt es einen Umzug, oder eigentlich: eine Demonstration. Um die 80 Teilnehmer*innen sind der Versammlungsbehörde angekündigt.
Den Oberst der Wildeshausener Schützengilde macht das richtig wütend. „Eine Gegenveranstaltung zu machen, das finde ich nicht akzeptabel“, sagt Friedrich Ahlers am Telefon. Die Gilde veranstaltet zeitgleich ein Familienfest. Man hätte das Säckchenwerfen ja auch am Donnerstag veranstalten können, „wenn in der Stadt nichts los ist“, so der Vereinsvorstand. Die Kreiszeitung habe das Ganze auch noch mit einem Foto des Schützenfestes bebildert. „Jetzt wirkt es, als ob die Gilde dahintersteht. Aber dazu stehen wir nicht.“
Um die Aufregung zu verstehen, braucht es ein bisschen Kontext. Veranstaltet wird das Maissäckchen-Werfen von der Initiative „Gilde für alle“, die sich in den vergangenen zwei Jahren erfolglos dafür eingesetzt hat, dass auch Mädchen beim Kinderkönigsschießen im Ort mitmachen dürfen. Bisher dürfen sie nur dem männlichen Kinderkönig die Ehrenkette putzen und ihm im weißen Kleidchen Geleit durch die Stadt geben.
Als Protest mag Mit-Initiator Hendrik Boldt „die kleine Aktion“ mit den Maissäckchen eigentlich nicht darstellen. Man wolle nur „weiter dafür werben, dass die Gilde künftig allen Kindern die Teilnahme am Kinderschützenfest ermöglicht“. Man respektiere die Entscheidung der Gilde, und keinesfalls wolle man das Familienfest stören, sondern es „ergänzen“.
Initiative für Gleichberechtigung in der Defensive
Die Initiative um „Gilde für alle“ gibt sich öffentlich eher defensiv und ziemlich respektvoll dem Traditionsverein gegenüber. Mit dem Säckchenwerfen wolle man auch Kritik von Gegnern der Initiative aufgreifen; die hatten immer wieder gefordert, die Mädchen sollten doch eine eigene Tradition begründen. „Das versuchen wir jetzt so ein bisschen“, meint Boldt.
Nur: Die Appeasement-Politik verfängt bei den Schützen nicht. Schon bei der letzten großen Versammlung der Gilde am Himmelfahrtswochenende hatte sich Friedrich Ahlers über die Aktion empört – und dafür laut Kreiszeitung eine Menge Applaus bekommen. Die Initiative habe ein „merkwürdiges Demokratieverständnis“, wenn sie einen Mehrheitsbeschluss nicht akzeptieren könne, wird Ahlers von der Zeitung zitiert. „Es geht ja um eine Entscheidung, die schon getroffen wurde“, erklärt er der taz.
Das Ergebnis der Abstimmung bei der Generalversammlung im vergangenen Jahr war in der Tat eindeutig: Nein, Mädchen sollen nicht mitschießen dürfen. Entschieden haben das jene, die Mitglied sein können– Männer also – mit einer satten Zweidrittelmehrheit. Wohlgemerkt: Es ging dabei nur um einen Kinderwettbewerb, nicht um die Aufnahme von Frauen in den Verein.
Das alles könnte außerhalb der Gilde trotzdem relativ egal sein. Doch die Gilde ist nicht irgendein Verein: In Wildeshausen mit seinen 20.000 Einwohner*innen sind gut 3.700 Männer Mitglied. Das einwöchige Gildefest ist das zentrale Event der Stadt, der Festtag am Dienstag nach Pfingsten eine Art zusätzlicher Feiertag. Der Bürgermeister ist automatisch General der Gilde. Noch nie hat es in der Stadt einen Bürgermeister gegeben, der nicht spätestens als Kandidat Mitglied wurde. Noch nie hat es eine Bürgermeisterin gegeben.
Im Nachbarort wollen Frauen die Vollmitgliedschaft
Kämpferischer gibt man sich zwanzig Kilometer südöstlich, in Twistringen. Dort kündigten Ende vergangener Woche die Majoretten ihren Austritt aus dem örtlichen Schützenverein an: Sie wollten nicht länger einem Verein als Aushängeschild dienen, der keine Gleichberechtigung lebe.
Die Majoretten sind die Tanzcrew des Spielmannszugs im Twistringer Schützenverein. Es ist bisher die einzige Sparte des Vereins, in der Frauen Mitglieder sein können. Bei der Generalversammlung in der Woche zuvor war darüber abgestimmt worden, ob Frauen auch Vollmitglieder werden können sollten, wie vielerorts üblich.
Die Majoretten hatten dafür geworben: „Wir sind gut genug, um aufzutreten. Wir sind gut genug, um zu repräsentieren. Aber nicht gut genug, um einfach mitzulaufen?“, schreiben sie auf Instagram. Frauen würden trotz ihres Engagements für den Verein auf wenige Rollen reduziert. Aber: „Gleichberechtigung heißt nicht: Sonderrolle. Gleichberechtigung heißt: gleiches Recht. Tradition ist kein Schutzschild für Ausschluss.“
Offensichtlich überzeugten sie damit einige: Bei einem Stimmungsbild im Oktober hatten nur 41 der 102 Anwesenden für eine Vollmitgliedschaft für Frauen abgestimmt. Vergangene Woche stimmten dann ganze 69 Prozent dafür. Zu wenig: Um die Satzung zu verändern, hätte es eine Dreiviertelmehrheit gebraucht.
„Nach gemeinsamer Überlegung haben wir uns dazu entschlossen, dass wir dieses Ergebnis nicht mit tragen können. Deswegen sind wir geschlossen aus dem Verein ausgetreten“, schreiben die Majoretten auf Instagram. Da bekommen die Frauen für ihre Entscheidung viel Anerkennung: 1.400 Likes hat der Post, und fast ausschließlich positive und kämpferische Kommentare.
Dass keine 75 Prozent zusammengekommen seien, bedeute, dass „ein Viertel der Schützen hinterwäldlerisch und engstirnig denken“. Nicht nur Frauen, auch Männer sollten austreten, wird gefordert. Frauen sollten aus Solidarität aufhören, sich rund um das Schützenfest ihrer Partner zu kümmern, Kaffee zu verkaufen, Hemden zu bügeln oder im Anschluss „die Bude zu putzen“.
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