Neuer Song der Rolling Stones: Wie angewurzelt am Kreisverkehr stehen
Am Mittwoch haben die Rolling Stones einen neuen Song veröffentlicht. Als Vorgeschmack auf ihr neues Album „Foreign Tongues“. Was taugt diese Musik?
„In the Stars“ heißt der erste von zwei Songs, den die Rolling Stones als Vorgeschmack ihres am 10. Juli erscheinenden (nach britischer Zählung) 26. Studioalbums am Mittwoch offiziell hochgeladen haben; erst in digitaler Form, bevor „In the Stars“ am 15. Mai auch als Single erhältlich sein wird.
Der Algorithmus von Youtube will es so, dass auf dem von 3,61 Millionen Fans abonnierten Stones-Kanal erst noch Werbung für einen Multifunktions-Gemüseschäler eingeblendet wird. Wobei die Musik der Stones eher nach Fleisch schmeckt, nach alter Pelzstola, Mottenkugeln und belegter Zunge.
Jaggers langgezogene Oooo-Stimme züngelt zum Auftakt als Backgroundchor für Klavier und Gitarrenakkorde. Ein Stilmittel, das die Stones seit den 60ern, seit mindestens „Sympathy for the Devil“ im komatösen Schlaf beherrschen. Jaggers Ooooo suggeriert gute Stimmung, auch Piano und E-Gitarren haben Bock auf Rock. Das Gemälde auf dem Albumcover zeigt wulstige Lippen, buschige Augenbrauen und eingefallene Backen, Karikaturen der Bandmitglieder-Köpfe, übereinandergeblendet.
Ewig lockt die Zunge
„Foreign Tongues“ heißt das neue Werk. Die Zunge, rausgestreckt, rebellisch und rot, ist bereits seit den 70ern das Symbol der Stones, sie blitzt im Albumtitel wieder auf. Aber können die Briten überhaupt in fremden Zungen sprechen? Die Stones sind doch dermaßen eingeboren und votierten auch für den Brexit. Auch sonst stehen Sir Mick und seine Blueskohorte inzwischen für die leicht degenerierte Upperclass Großbritanniens. Oder wollen sie doch lieber weg aus der selbstgewählten splendid Isolation? Wollen wir sie überhaupt zurück? Im Videoclip von „In the Stars“ wird der Songtext neben Englisch auch auf Spanisch, Französisch, Deutsch und Japanisch eingeblendet.
Es geht um Wahrsagerei, Sterndeuten am Nachthimmel, dies, das. Jagger spürt eine unsichtbare, möglicherweise göttliche Kraft, die sein Treiben auf Erden lenkt, woandershin, als ihm beliebt: „A Heavy Hand / Tangling With My Plans“. Bisschen Esoterik und Horoskop tun niemand weh und wartet erst mal, bis Keef Richards wieder die Schlangenmokassins aus Wildleder – ohne Schuhlöffel! – anzieht.
Zwischen den buntfarbigen Esperanto-Textbausteinen sind grobkörnige, leicht verhuschte Aufnahmen der Band in Schwarzweiß geschnitten: Jagger mimt beim Einsingen im Studio die Gitarre in der Luft, Ron Wood tanzt fröhlich unter dem großen Kopfhörer, Keith schaukelt lachend im Stuhl und reckt seine Klampfe in die Kamera.
Öliges Midtempo
Die Aufnahmen in Westlondon für das Album hätten großen Spaß gemacht, lässt die Band via Plattenfirma wissen. Beim Einspielen seien die Songs oft schon beim ersten Take im Kasten gewesen. „In the Stars“ vermittelt einem diese ölige Rock-Midtempo-Ausweglosigkeit, als würde man sechs Stunden wie angewurzelt auf einem Kreisverkehr der Grafschaft Surrey stehen. „Das Ergebnis ist ein dynamisches und zukunftsgerichtetes Album, das den unverwechselbaren Sound … einfängt und zugleich neue klangliche und textliche Wege beschreitet – und damit ihr einzigartiges Vermächtnis weiter festigt.“
Jagger/Richards sind eines der am längsten bestehenden Songwriterpaare des Rock, ewig kurbelnde Antriebswelle einer monströsen, seit 1962 bestehenden Band. It’s only Rock ’n’ Roll but? Dieses Jahr werden beide 83, stehen immer noch bockbeinig da und walten als zerfurchte Gürteltiere eines Showbusiness, dem allmählich die generationsübergreifenden Allzweckreiniger abhandenkommen.
Ob „Foreign Tongues“ das irgendwie abschließend angepisste Renitenzrentner-Schlusswort zum Thema sein wird, oder „In the Stars“ doch nur Werbegeplänkel für einen Sparschäler, sehen wir dann im Juli, wenn das Album zur Gänze veröffentlicht wird.
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