Buch über das jüdische Erbe Halberstadts: Es brauchte mehr als ein Ideal
Wie wurde in der DDR und danach mit jüdischem Kulturerbe umgegangen? Philipp Graf versucht am Beispiel Halberstadts eine Antwort zu finden.
1949, im Gründungsjahr der DDR, wurde auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Langenstein-Zwieberge bei Halberstadt eine Gedenkstätte eröffnet. Sie sollte an die Opfer der kräftezehrenden und todbringenden Untertagearbeit in der Rüstungsproduktion erinnern.
Zwanzig Jahre später musste die Anlage neu konzipiert werden, sie entspreche nicht mehr den Anforderungen der „Erziehung der jungen Generation zu jungen Revolutionären im Geiste des proletarischen Internationalismus und sozialistischen Patriotismus“, hieß es. Zu dieser Erziehung gehörten Gelöbnisse, sie brauchten einen Ort, eine Aufmarschfläche. Gefunden wurde sie auf den Gräbern der Häftlinge. Ein weiteres Jahrzehnt später wurde das Stollensystem als militärisches Vorratslager der Nationalen Volksarmee der DDR genutzt.
Mit dieser markanten Schilderung bringt der Historiker Philipp Graf in seinem mittlerweile in zweiter Auflage erschienenen Buch „Ausgeschlagenes Erbe. Die jüdische Geschichte Halberstadts in der DDR“ die Problematik des DDR-Antifaschismus auf den Punkt. Dieser deutsche Staat, der sich dezidiert als antifaschistischer verstand, wurde von Akteuren geleitet, die nicht verstanden, dass dieses Ideal mehr benötigte, als von oben verordnet zu werden. Die Folgen dessen legt Graf in neun Kapiteln dar, zu denen ein umfangreiches, kommentiertes Quellen- und Literaturverzeichnis und ein Vorwort der Historikerin Yfaat Weiss hinzukommen.
Philipp Graf: „Ausgeschlagenes Erbe. Die jüdische Geschichte Halberstadts in der DDR“. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2025. 225 Seiten, 25 Euro.
Halberstadts Zerstörung begann 1938
Im Fokus von „Ausgeschlagenes Erbe“ stehen die enteigneten, vertriebenen und ermordeten Angehörigen der Jüdischen Gemeinde Halberstadts, die seit dem 19. Jahrhundert als Zentrum der Neo-Orthodoxie religiöse Gesetzestreue und Integration in die Gesellschaft zu verbinden suchte. Graf schildert mit deutlicher Anteilnahme und lesbarer Eindringlichkeit, wer und was dort zuerst zerstört, vernichtet und dann pragmatisch vergessen wurde: ein florierendes soziales, ökonomisches und kulturelles Gefüge, für das Namen von Familien wie Auerbach, Dessauer und Crohn als beispielhaft gelten können.
Der Ausgangspunkt von Grafs Untersuchung ist der Verkauf der Halberstädter Rathauspassagen 2018 an eine Immobilienholding mit jüdischen Eigentürmern, worauf im städtischen Geraune von einem Ausverkauf an „die Juden“ gesprochen wurde.
Das Gebäudeensemble steht nicht irgendwo, sondern bildet zwischen Holz- und Fischmarkt das wiederaufgebaute Stadtzentrum, dessen historischer Vorläufer kurz vor der Befreiung vom Faschismus dem Krieg zum Opfer fiel. Für die Domstadt traumatisch, doch die „Zerstörung Halberstadts begann nicht mit der ersten Bombe, die den Luftangriff am 8. April 1945 einleitete“, zitiert Graf den Pfarrer der Liebfrauenkirche, Martin Gabriel: „Sie begann mit der Zerstörung der Halberstädter Synagoge in der Pogromnacht des November 1938!“
Aus der Kurzwarenhandlung Sternglanz wird Friseur Schröder
Diese Sätze fielen am 8. April 1982 anlässlich der Einweihung des Mahnmals für die Juden Halberstadts vor dem Dom, dort, wo sich 1942 die letzten Verbliebenen zu ihrer Deportation einfinden mussten. Zwei Jahre darauf wurde Pfarrer Martin Gabriel noch in die Wehrmacht eingezogen. Im Halberstadt, in das er zurückkehrte, war aus der Elektro- und Fahrradhandlung Ernst Karliners ein Bandagengeschäft und aus der Kurzwarenhandlung der Familie Sternglanz der Friseur Schröder geworden. Als 1961 der Textilienhändler Willy Calm auf dem jüdischen Friedhof an der Quenstedter Straße begraben wurde, ging mit ihm auch der letzte Überlebende und offizielle Ansprechpartner.
Diesem ausgeschlagenen Erbe, die Doppeldeutigkeit des Buchtitels ist wörtlich zu nehmen, ist Philipp Graf in Archiven und Statistiken, in Interviews und Memoiren, in Fachliteratur und Belletristik auf der Spur. Er wird fündig. Leider jedoch bewahrt ihn seine Akribie nicht vor Pauschalisierungen, die in dem Urteil gipfeln: „Wenn man so will, gab es für die DDR kein jüdisches Kulturerbe.“
Lin Jaldati, Peter Edel, Jurek Becker
Es gab sehr wohl ein immaterielles Erbe, etwa die drei in Ost-Berlin erschienenen LPs von Lin Jaldati. Die holländische Widerstandskämpferin war 1952 in die DDR gezogen. Zu ihrer Geschichte gehört allerdings auch, dass Jaldati nach dem Sechstagekrieg bis Mitte der Siebzigerjahre aus sämtlichen Radio- und Fernsehsendungen der DDR herausgeschnitten wurde.
Neben Jaldatis Platten seien Romane gelegt wie „Die Bilder des Zeugen Schattmann“ des Auschwitz-Überlebenden Peter Edel oder „Jakob der Lügner“ von Jurek Becker, aufgewachsen im Ghetto von Łódź. Beide sind 1969 veröffentlicht worden. Viele weitere Beispiele könnten genannt werden.
Rechter und sich links gebender Autoritarismus und Antisemitismus gehören analysiert und bekämpft. Die Werkzeuge dafür gab es 1949 und 1989, als jeweils einige von ihnen leichtfertig in die Tonne getreten worden sind: 1949 wurde die Analyse des Faschismus auf dessen ökonomische Basis verkürzt; 1989 wurde die materialistische Analyse gänzlich abgewickelt. Wer alte analytische Konzepte jedweder Couleur heute anwendet, kommt um eine Inspektion nicht herum. Möge Philipp Grafs Buch, das sein Verfasser einen Essay nennt, Anregung dazu sein.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert