Eine queerfeministische Tech-Perspektive: „Du bist nicht zu blöd für Technik“
FLINTA* sind in der IT-Welt oft unsichtbar. Carla Gröschel und Kathe Tiemann wollen das ändern – mit einem Barcamp im Wald und Kritik an Big Tech.
taz: Frau Tiemann, Frau Gröschel, in Ihrem neuen Podcast „Queere FeTe“ sprechen Sie unter anderem über die Geschichte von Frauen und Informatik. Was steckt dahinter?
Kathe Tiemann: Die Mathematikerin Ada Lovelace hat die Informatik und Algorithmen mitbegründet. Früher waren es oft Frauen, die in den großen Rechenzentren die eigentliche Arbeit gemacht haben.
Carla Gröschel: Weil der Beruf weder gut angesehen noch bezahlt war, wurden dort Frauen angestellt. Sobald man aber entdeckt hatte, dass sich damit Geld, Einfluss und Ansehen verbinden lassen, wurden Frauen systematisch herausgedrängt.
taz: Was sind die heutigen Folgen dieser Verdrängung?
Gröschel: In der klassischen IT-Welt sind FLINTA*-Personen in der Entwicklung immer noch extrem unterrepräsentiert. Wenn es Initiativen für „Frauen in Tech“ gibt, geht es oft nur darum, mehr Arbeitskräfte für den Markt zu mobilisieren. Uns fehlt ein Ort für Themen, wie digitale Unabhängigkeit, der eben nicht männerdominiert ist. Wo nicht sofort der Fokus darauf liegt, coden zu lernen, um einen Job in der IT-Welt zu bekommen. Der Kampf gegen Big Tech ist ein zutiefst feministisches Thema.
Tiemann: Es geht auch um Aufklärung über digitale Sicherheit. Vor allem FLINTA*-Personen sind von digitaler Gewalt betroffen.
taz: Sind digitale Tools immer antifeministisch?
Tiemann: Große Techkonzerne können durch ihre Monopolstellung tatsächlich die Meinungsbildung durch eine Lenkung von Informationen beeinflussen. Sind die antifeministisch, prägt das auch das vorherrschende Wissen, das produziert wird.
taz: Und wie sieht ein feministischer Blick auf Tech aus?
Gröschel: Für uns bedeutet das die Frage: Wer profitiert und wer wird ausgeschlossen? Bei Big Tech konzentriert sich die Macht bei ganz wenigen, die sich teilweise explizit hinter Personen wie Donald Trump stellen. Ihr Geschäftsmodell beruht auf der Ausbeutung unserer Daten für Profit. Diese Firmen haben gar kein Interesse daran, Nutzer:innen wirklich zu schützen, weil Datenschutz ihr Werbemodell untergraben würde. Das ist für mich antifeministisch.
taz: Im Juli veranstalten Sie das „Tech Utopia Barcamp“ auf einem Campingplatz, in dem Einsteiger:innen mehr über digitale Unabhängigkeit lernen sollen. Warum sollen sie dazu in die Natur fahren?
Tiemann: Ein Barcamp ist eine „Unkonferenz“. Es gibt dort kein festes Programm. Stattdessen wird morgens gemeinsam entschieden, welche Themen und Fragen im Zentrum stehen. Wir haben gemerkt, dass ein Setting auf einer Wiese oder einem Zeltplatz einen besonderen sozialen Charme hat. Es entsteht ein Gemeinschaftsgefühl, in dem man sich eher traut, Fragen zu stellen. Wir wollen Open Source wirklich kollektiv denken und FLINTA* mit einschließen.
Kathe Tiemann, Initiatorin
taz: Sie beschreiben das „Tech Utopia Barcamp“ als „FLINTA*-only space“. Ist das eine bewusste Abschottung?
Gröschel: Es gibt genug Räume für Technik, die für alle offen sind. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass manche Personen nicht kommen würden, wenn auch Männer anwesend sind. Wir sehen dieses Barcamp als Sprungbrett für unsere anderen Angebote. Bei Einsteiger:innen ist die Hürde, vermeintlich „dumme“ Fragen zu stellen, sonst oft zu hoch.
Tiemann: Die Vision ist nicht, zwei getrennte Felder zu etablieren, sondern einen Zugang zu schaffen. Wir wollen FLINTA* helfen, Selbstbewusstsein aufzubauen, um später auch an anderen Orten in der Tech-Szene präsent zu sein.
taz: Das Camp findet auf dem „Campelse“, einem Frauen-Campingplatz im Hohen Fläming in Brandenburg statt. Wieso haben Sie sich für diesen Ort entschieden?
Tiemann: Das „Campelse“ hat eine ganz besondere Geschichte, die tief im Gewaltschutz verwurzelt ist. Einerseits sollte ein Ort geschaffen werden, um Kindern aus Kreuzberger Schulen schöne Ferien zu ermöglichen. Es wurde aber auch als ein Ort gegründet, an dem Frauen, die Gewalt erfahren haben, sicher Urlaub mit ihren Kindern machen können – ohne Angst vor männlichen Tätern.
taz: Führt diese Historie zu Konflikten, wenn Sie diesen Raum im Sommer für alle FLINTA*-Personen öffnen, die teilweise vielleicht nicht weiblich gelesen werden?
Tiemann: Das ist ein aktuelles Spannungsfeld, das wir abgesprochen haben und sensibel auffangen wollen. Wir respektieren die Geschichte als Schutzraum gegen männliche Gewalt, wollen aber gleichzeitig inklusiv für alle FLINTA* sein, die dieses Angebot nutzen wollen.
taz: Sie verzichten für das Projekt und auch privat auf Instagram und Whatsapp. Genügt es nicht, dass Letzteres mittlerweile eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung hat?
Gröschel: Selbst wenn die Inhalte deiner Nachricht verschlüsselt sind, fallen massenhaft Metadaten an. Meta weiß ganz genau, wer wann, wie oft und wie lange mit wem kommuniziert. Diese Daten sind für den Überwachungskapitalismus fast wertvoller als der Text der Nachricht selbst, weil sie Verhaltensmuster offenlegen. Messenger wie Signal gehen einen anderen Weg und verschlüsseln diese Metadaten, sodass der Betreiber gar nicht erst erfährt, wie das soziale Umfeld aussieht.
Tiemann: Meta hat übrigens ein Bezahlmodell eingeführt: Für 5,99 Euro im Monat kann man darauf verzichten, dass eigene Daten vollständig kommerziell verwertet werden können. Das ist digitale Erpressung. Digitale Privatsphäre wird zu einem Luxusgut, das man sich leisten können muss.
Vom 9. bis 12. Juli 2026 lädt der Verein Local-IT zum "Tech Utopia Barcamp" auf den Brandenburger Frauencampingplatz "Campelse" in Görzke ein. Das Barcamp ist ein FLINTA-Space*, an dem Einsteiger:innen und Nerds mehr über digitale Unabhängigkeit lernen. Vorwissen ist für die Teilnahme nicht erforderlich. Auf dem Programm stehen Experimente abseits von Google und WhatsApp, vegane Bio-Verpflegung und Vernetzung im Grünen. Tickets gibt es ab 56 Euro.
taz: Viele Menschen nutzen diese Dienste trotz der Kritik am Datenschutz weiter. Aus Ignoranz oder Unwissenheit?
Gröschel: Es ist keine Ignoranz! Man kämpft täglich gegen Milliardenunternehmen, deren einzige Strategie es ist, dass man auf der Plattform bleibt. Der Prozess war schleichend: Erst war alles umsonst und geil, dann wird einem plötzlich klar, dass man alles freiwillig abgibt und das Teil des Geschäftsmodells ist. Es fehlt an Aufklärung über Alternativen.
Tiemann: Kleine Vereine können oft nichts dafür, dass sie auf Instagram angewiesen sind, weil sie keine Ressourcen für eine eigene Website haben. Oft sind es solche kleinen Hürden. Wir wollen die Leute da abholen und zeigen: Du bist nicht zu blöd für die Technik. Oft sind es sogenannte „Dark Patterns“ im Design von Websites und Apps, die zum Beispiel absichtlich verhindern, dass man den Logout-Button findet. Es liegt nicht an dir.
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