Kunst über Georgiens politische Krise: Bis sich die Erinnerung in Melancholie erschöpft
Obwohl sie ästhetisch klar ist, lässt einen Tornike Gognadzes Videokunst über die Krise in Georgien ratlos zurück. Der Kunstverein Münster stellt sie aus.
Auf der Videoleinwand erscheint eine Hand, die ein Weinglas anhebt und es ruckartig gegen eine Tischkante schlägt. Das Glas zerbricht nicht, aus dem Off ertönt trotzdem ein klirrendes Geräusch. Klang und Bild sind asynchron. Mit dieser nahezu unmerklichen Verschiebung von Realität und Wahrnehmung eröffnet Tornike Gognadze seinen Film „Boom Ball“. Gognadze, 1999 in Tiblissi geboren und Kunststudent an der Frankfurter Städelschule, stellt ihn als wandfüllende Videoprojektion ins Zentrum seiner Ausstellung „Merry-Go-Round“ im Westfälischen Kunstverein Münster.
Die Kamera löst sich aus der Nahaufnahme der Hände und geht in die Totale über: Auf einer langen Tafel mit weißer Tischdecke stehen Wein- und Wasserflaschen, leere Coca-Cola-Flaschen und eine Kristallschale. Rechts sitzt ein Mann, links eine Frau; beide sind clownesk geschminkt und tragen Kostüme. Die Szene entfaltet eine kühle, bühnenhafte Ästhetik zwischen Kabarett und Surrealismus. In der verbindet sich die artifizielle Künstlichkeit mit einer leisen, erschöpften Melancholie.
Der Protagonist schwelgt in Kindheitserinnerungen aus Georgien, erzählt, wie er immer wieder in einen Park eingebrochen ist, um auf einem Karussell zu spielen. Vor seinem inneren Auge war das Fahrgeschäft wunderschön, obwohl es in der Realität trostlos und rostig war. Eine jener unscheinbaren Ruinen, die die postsowjetische Landschaft prägten, erzählt er. Ähnlich ging es der Frau, die ihm gegenüber sitzt. Lange habe sie geglaubt, eine Giraffe in einem georgischen Zoo gesehen zu haben. Doch ihre Erinnerung habe ihr einen Streich gespielt.
Tornike Gognadze: „Merry-Go-Round“. Westfälischer Kunstverein Münster, bis 31. Mai
Der Kurzfilm wirkt zunächst wie ein dramaturgisch durchkonstruiertes Theaterstück: Die Handlung steigert sich bis zum hitzigen Streit der beiden Figuren über die Frage, ob individuelle oder kollektive Erinnerungen mehr Gewicht haben.
Von der Fiktion zur Dokumentation
So richtig versteht man nicht, worauf das alles hinausläuft. Aber dann wechselt die fiktionale Inszenierung ins Dokumentarische. Zu sehen ist eine Videoaufnahme vom Platz des Parlamentsgebäudes am Rustawelis Gamsiri in Tiblissi in einer Dezembernacht 2024. Demonstrierende überqueren den Platz, manche mit Flaggen in der Hand, andere mit Tränengas, während pyrotechnische Geschosse die Dunkelheit durchbrechen.
Das Videomaterial ist wenige Monate nach der umstrittenen Parlamentswahl am 26. Oktober in Georgien entstanden, die von Manipulationsvorwürfen und Korruptionsdebatten überschattet war. Als Wahlsieger ging die Putin-freundliche Partei Georgischer Traum hervor, was Proteste im ganzen Land auslöste und einen Graben zwischen denjenigen in Georgien vertiefte, die sich nach Europa orientieren, und denjenigen, die mehr Nähe zur alten Sowjetmacht Russland wollen.
Gognadze gelingt es, in seinem nur zehn Minuten dauernden Kurzfilm einen Eindruck von der Verfassung der georgischen Gesellschaft zu vermitteln, die in einem konfliktreichen Prozess des Erzählens und Neuerzählens ihrer eigenen Geschichte gefangen zu sein scheint. Was im Fluss der täglichen Nachrichten oft schwer zugänglich erscheint, bringt der Film auf eine überraschend verständliche Ebene. Durch Schauspiel, Licht und minimale Raumgestaltung abstrahiert Gognadze politische Stimmungen, macht sie greifbar und nachempfindbar.
Ästhetisch geht das alles auf. – Können nicht die Aufnahmen aus der Demonstrationsnacht mit den funkelnden Farben auch als feierlicher Schlussakt der beiden Protagonist*innen gelesen werden? – Aber was die politische Situation Georgiens angeht, so lässt Tornike Gognadze einen so emotionalisiert wie ratlos zurück.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert