Rückblick auf das taz lab 2026: Liebevoll rabiates Drängeln
Zwischen Dachterrasse, Besselpark und überfüllten Panels wird beim taz lab über Krieg, Rechtsruck und Demokratie gestritten – laut, aber respektvoll.
Bänke werden gerückt, ein paar Kameras laufen schon und von der U-Bahnstation Kochstraße bewegt sich offensichtlich ein Sog an Menschen in Richtung des taz Gebäudes – und das um kurz vor neun Uhr an einem Samstag. Perfektes taz lab-Wetter, kein Regen, den ganzen Tag über kein Tropfen, dafür jede Menge Sonne, gleichwohl früh sehr frische Temperaturen, Wollmützen trugen viele, manche Handschuhe. „Guten Morgen. Wer die Demokratie will, muss früh aufstehen.“ Mit diesen Worten eröffnet Doris Akrap, Leiterin des Gesellschaftsressorts der taz, eines der ersten Panels des Tages. Der Titel: „Saftladen oder Demokratiegarant – Was ist los bei den Öffentlich-Rechtlichen?“
Fünf Minuten nach Beginn dieses Panels schaut ein überraschtes Gesicht durch die Tür herein: „Oh, es ist voll, ne? Dann mache ich mal lieber die Tür zu.“ Irgendwo aber lässt sich ja auch für diese Person noch ein Plätzchen finden. Und manchmal muss halt kurz liebevoll rabiat gedrängelt werden, das ist schließlich das Motto, unter dem das diesjährige taz lab steht: „Jetzt mal Tacheles – liebevoll & rabiat“.
Beim taz lab, das seit 2009 jährlich stattfindet und in diesem Jahr zum 17. Mal veranstaltet wird, wird wieder gefragt, diskutiert und auch mal deutlich der Kopf geschüttelt. Auf den über 120 Veranstaltungen geht es um die Fragen der Zeit, naturgemäß um Klimakrise, die Schlüsse aus der antirechtspopulistischen Wahl neulich in Ungarn und die Zukunft der Linken.
Genauso leidenschaftlich wird beim taz lab über Kunst, queere Mode und Dating diskutiert wie über den Nahen Osten, Russlands Krieg gegen die Ukraine, die USA unter Donald Trump oder die Frage, wie sich die AfD zurückdrängen lässt. Die Themenauswahl könnte kaum breiter sein. Zu Gast sind bekannte und neue Gesichter aus Politik, Aktivismus und Medienwelt, darunter Lars Katzmarek, Kristin Hellberg, Paul Mason, Gilda Sahebi, Steffen Mau, Anastasia Tikhomirova, Nils Kumkar und Eva Illouz.
Viel diskutiert werden die im Herbst anstehenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Was sind die Strategien gegen Rechts, die wir brauchen? Die Stimmen, die darauf antworten, sind vielfältig. Die 20-jährige Aktivistin Rachel Hanf, die den ersten CSD in Grevesmühlen mitorganisiert hat, berichtet von ihrer Arbeit.
Herzhafte Lachkrämpfe
Beim Panel „Wetten, dass … die Demokratie gewinnt?“ schildert sie, dass ihr und ihrem Team die Arbeit sowohl von CDU, AfD und der rechten Szene sehr erschwert wurden. „Mein Team wurde über Social Media angegriffen. Nazis standen vor meiner Haustür“, erzählt sie. Es wird still vor der gelben Bühne im Park unter den Bäumen. Ob sie sich denn mal gefragt hat, warum sie das alles überhaupt macht, fragt taz-Chefredakteurin Katrin Gottschalk. Hanf antwortet: „Keiner machte was. Da habe ich gesagt: Dann muss ich halt ran.“ Das Publikum applaudiert, beeindruckt von dieser jungen Aktivistin.
Dort bekommt Jacinta Nandi, Autorin und taz-lab-Gästin, gerade einen herzhaften Lachkrampf. Sie sitzt mit drei weiteren Autorinnen auf der Lesebühne „Rakete 2000“ auf der Dachterrasse des Frizz-Forums. Vor ihnen liest taz-lab-Redakteurin Mareike Barmeyer aus ihrem Text „Schlampen über 50“ vor. Die Stimmung ist ausgelassen, und endlich wärmen die Sonnenstrahlen auf der Dachterrasse.
Unten im Besselpark vor dem taz-Gebäude in Berlin-Kreuzberg sitzen Menschen in kleinen Gruppen auf der Wiese, diskutieren weiter oder machen Pause. Auf der Spielstraße gibt es Streit darüber, wer das letzte Wettrennen gewonnen hat. Ein Kind hat es endlich geschafft, seinen Vater zu überzeugen, noch ein Stück Kuchen zu kaufen. Auch die „Omas gegen Rechts“ sind wieder mit einer Bude beim taz lab vertreten.
Angelika Krüger, die hinter dem kleinen blauen Stand der Gruppe steht, erzählt, dass sie inzwischen schon zum vierten Mal dabei seien, weil das taz lab ein guter Ort sei, um „einfach mal ins Gespräch zu kommen – ob mit dem Publikum oder anderen Organisationen“.
Etwas abseits auf der Wiese sitzt Anja B., seit 40 Jahren taz-Leserin, an einem der Küchentische. Sie häkelt ein rotes Quadrat für die Patchworkdecke, die beim vielstündigen Strickworkshop entsteht, und sagt über das taz lab: „Am liebsten mag ich das Zusammenkommen und die vielen unterschiedlichen Aktivitäten.“ Vergangenes Jahr ließ sie sich am Tattoo-Stand spontan eine taz-Tatze stechen. „Mal schauen, vielleicht ist dieses Jahr Zeit für ein zweites Tattoo“, sagt sie.
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