piwik no script img

AfD in Niedersachsen unter DruckStaatsanwaltschaft ermittelt gegen Landeschef Schledde

Elf AfD-Funktionäre stehen im Verdacht, Fraktionsmittel missbraucht und Spenden nicht weitergeleitet zu haben. Die Partei weist alle Vorwürfe zurück.

Steu­er­zah­le­r:in­nen betrogen? Niedersachsens AfD-Landeschef Ansgar Schledde Foto: Shireen Broszies/dpa

D ie AfD will in den Parlamenten die „Rechtschaffenen“ vertreten und die „Rechtsstaatlichkeit“ in der Gesellschaft wiederherstellen. Im Jargon der Partei heißt es, die „normalen Arbeitenden“ würden missachtet und eine links-grüne Staatsdoktrin herrsche vor.

In Niedersachsen steht die AfD selbst mehrfach im Verdacht, Steu­er­zah­le­r:in­nen und den Staatsapparat zu betrügen und auszunutzen. Die Staatsanwaltschaft Hannover ermittelt unter anderem gegen den AfD-Landesvorsitzenden und Landtagsfraktionsvize Ansgar Schledde.

Er ist nicht der einzige verdächtige Funktionsträger der Partei. Seit dem 31. März führt die Staatsanwaltschaft in Hannover zwei separate Ermittlungsverfahren, sagt Staatsanwältin Kathrin Söfker der taz. Insgesamt richten sich die Ermittlungen gegen elf Beschuldigte wegen des Anfangsverdachts der Untreue sowie des Verstoßes gegen das Parteiengesetz.

Im ersten Verfahren prüft die Staatsanwaltschaft, ob vier Bundestagsabgeordnete, ein Landtagsabgeordneter und drei weitere Parteimitglieder Mittel veruntreut haben. Den Beschuldigten, darunter Schledde, wird vorgeworfen, Mitarbeiter im Bundestag beschäftigt zu haben, die nicht für die Fraktion, sondern für die Partei tätig waren.

Die Verdächtigen sollen bei Parteiveranstaltungen AfD-Spardosen aufgestellt, die Bargeldspenden jedoch nicht an die Partei weitergeleitet haben

Eine solche Praxis würde gegen das Parteiengesetz verstoßen, da Fraktionsmittel ausschließlich für die Arbeit der Fraktion verwendet werden dürfen. Der Verdacht stützt sich auf mehrere Zeugenaussagen, so Söfker.

Auslöser war offenbar ein Brief der niedersächsischen AfD-Europaabgeordneten Anja Arndt. In einem 15-seitigen Schreiben mit 78 Seiten Anhang hatte sie sich an die Bundesvorsitzenden Alice Weidel und Tino Chrupalla gewandt und massive Missstände im niedersächsischen Landesverband beklagt.

Arndt warf Schledde und seinen Mitstreitern vor, die Partei als Geschäftsmodell zu betrachten, um sich dauerhaft persönlich zu bereichern: eine „Allianz“ als Privatstruktur in der Parteistruktur. Nach ihren Angaben waren auch die heutigen Bundestagsabgeordneten Dirk Brandes, Mirco Hanker, Jörn König, Danny Meiners und Angela Rudzka in die Vorgänge involviert.

Das zweite Ermittlungsverfahren richtet sich gegen drei der bereits im Untreueverfahren Beschuldigten sowie drei weitere Parteimitglieder, darunter ein weiterer Landtagsabgeordneter. Nach einer Zeugenaussage sollen die Verdächtigen bei Parteiveranstaltungen AfD-Spardosen aufgestellt, die Bargeldspenden jedoch nicht an die Partei weitergeleitet und sie auch nicht im Rechenschaftsbericht aufgeführt haben. Die Ermittlungen beruhten „im Wesentlichen auf Zeugenaussagen“ in einem seit 2023 anhängigen Ermittlungsverfahren, sagt Söfker.

Parteispenden auf dem Privatkonto behalten

Zusätzlich wird Ansgar Schledde vorgeworfen, zwischen Dezember 2020 und August 2022 Parteispenden in Höhe von rund 48.000 Euro auf seinem Privatkonto einbehalten zu haben. Die Gelder seien nicht unverzüglich an das für Finanzangelegenheiten zuständige Vorstandsmitglied weitergeleitet worden. 2024 kam es in Schleddes Geschäftsräumen zu einer Durchsuchung.

Die AfD gibt sich indes zuversichtlich. „Wir begrüßen diese Ermittlungen und werden sie in jeder Hinsicht unterstützen“, sagt Pressesprecher Frank Horns der taz. Er betont, es werde sich zeigen, „dass wir in jeder Hinsicht rechtmäßig gehandelt haben“. Alle Vorwürfe weist er entschieden zurück.

Ein Ende der Ermittlungen ist noch nicht absehbar. Die Staatsanwaltschaft verweist auf die Unschuldsvermutung.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Andreas Speit
Autor
Rechtsextremismusexperte, Jahrgang 1966. In der taz-Nord schreibt er seit 2005 die Kolumne „Der Rechte Rand“. Regelmäßig hält er Vorträge bei NGOs und staatlichen Trägern. Für die Veröffentlichungen wurde er 2007 Lokaljournalist des Jahres und erhielt den Preis des Medium Magazin, 2008 Mitpreisträger des "Grimme Online Award 2008" für das Zeit-Online-Portal "Störungsmelder" und 2012 Journalisten-Sonderpreis "TON ANGEBEN. Rechtsextremismus im Spiegel der Medien" des Deutschen Journalistenverbandes und des Ministeriums für Justiz und Gleichstellung des Landes Sachsen-Anhalt. Letzte Bücher: herausgegeben: Das Netzwerk der Identitären - Ideologie und Aktionen der Neuen Rechten (2018), Die Entkultivierung des Bürgertum (2019), mit Andrea Röpke: Völkische Landnahme -Alte Sippen, junge Siedler, rechte Ökos (2019) mit Jena-Philipp Baeck herausgegeben: Rechte EgoShooter - Von der virtuellen Hetzte zum Livestream-Attentat (2020), Verqueres Denken - Gefährliche Weltbilder in alternativen Milieus (2021).
Mehr zum Thema
Fotomontage eines wochentaz-Titels und dem Buchcover „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit

10 Wochen taz + Sachbuch „Autoritäre Rebellion“

Zeiten wie diese brauchen Seiten wie diese: unabhängig, konzernfrei und mit klarer Kante gegen Faschismus, Rassismus und Rechtsruck. Teste jetzt die taz und erhalte das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Rechtsextremismus-Experten Andreas Speit als Prämie.

  • Das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit als Prämie
  • Die wochentaz jeden Samstag frei Haus + digital in der App
  • Die tägliche taz von Mo-Fr digital in der App
  • Zusammen für nur 28 Euro

10 Wochen taz + Buch „Autoritäre Rebellion“

Jetzt bestellen

1 Kommentar

 / 
  • Noch ist nichts endgültig bewiesen. Aber schon alleine in diesen Verdacht zu geraten, spricht Bände. Und dieser Herr begrüßt die Ermittlungen. Dass ich nicht lache.