Hamburger Olympia-Bewerbung: Die Spiele verkaufen Integration – genau das ist das Problem
Ein Sportevent kann die Probleme einer Migrationsgesellschaft nicht zum Verschwinden bringen. Die Politik sollte sich um das echte Leben kümmern.
A uf dem Weg zur Arbeit bleibe ich an einem Plakat hängen. Darauf: eine Person, die als migrantisch gelesen werden kann. Daneben die Frage: „Woher kommst du?“ Die Antwort: „Vom Sport“. Die Kampagne wirbt für eine Olympia-Bewerbung Hamburgs. Sie will überzeugen: Sport verbindet, Olympia schafft Gemeinschaft, vielleicht sogar Integration, jedenfalls scheint Herkunft plötzlich zweitrangig.
Das ist mir zu bequem. Hamburg ist schon sehr lange eine diverse Stadtgesellschaft. In vielen Grundschulen haben mehr als die Hälfte der Kinder eine eigene oder familiäre Migrationsgeschichte. Und wir wissen: Die Frage „Wo kommst du her“ kann normaler Gesprächsinhalt sein, aber es gibt auch eine Grenze. Wenn dein Gegenüber lieber noch mal nachfragt: „Nee, wo kommst du wirklich her?“, kann das ausgrenzend sein, verletzend.
Früher hat mich diese Frage nicht gestört. Ich wollte meine Geschichte erzählen, Brücken bauen. „Typisch erste Generation Einwanderer“, würde die migrantische Gen Z sagen. Ich wollte meinen Status und meine Geschichte als syrischer Geflüchteter nicht verstecken. Aber heute frage ich mich öfter: Warum spielt es gerade eine Rolle, dass ich als Ausländer wahrgenommen werde? Warum soll ich erklären, wie viele Syrer*innen ich kenne, die „bald zurückwollen“?
Vor diesem Hintergrund wirkt das Plakat naiv. Es suggeriert: Mit Olympia sehen wir plötzlich nur noch den Sport – keinen Alltagsrassismus, keine unterbewusste Diskriminierung, keine ungleiche Behandlung. Dann sehen wir alle keine Hautfarben mehr, sondern nur noch den Sport! Wie bitte?
Den Vereinen fehlen Ressourcen
Hier wird ein Narrativ von Einheit verkauft, das gut klingt, aber oberflächlich bleibt. Ein milliardenschweres Prestigeprojekt ist nicht gleich eine gesellschaftspolitische Lösung. Wenn ein paar Wochen Ausnahmezustand strukturelle Probleme lösen könnten, wäre Hamburg längst eine Utopie.
Ich sehe die Verbindung von Olympia und migrationspolitischen Themen dabei nicht als Zufall. Wir kennen beide Seiten dieser Medaille (ha!) bereits: Sport kann das Mittel zum sozialen Aufstieg bieten, aber auch für Nicht-Leistungssportler ist er ein wunderbarer Weg zur Förderung von Toleranz und Teamgeist. Sport kann helfen, persönliche, politische Grenzen zu überwinden. Sportvereine schaffen Räume der Begegnung, für Jung und Alt.
Sport kann nicht die Probleme lösen, die abseits des Spielfelds oder außerhalb der Halle unsere Lebensrealität bestimmen. Denn in den gepriesenen Sportvereinen fehlen oft genau die Ressourcen, die Integration erst möglich machen: eine funktionierende und mehrsprachige Infrastruktur, langfristige Förderinstrumente, Zeit für Engagement. Viele Vereine leben vom Ehrenamt – aber wer kann sich das leisten?
Auch Sportler*innen, die auf dem höchsten Leistungsniveau spielen, erleben Ausgrenzung und Diskriminierung. Die meisten von uns kennen Beispiele. Mir fällt da der Ausspruch von Karim Benzema ein: „Wenn ich Tore schieße, bin ich Franzose. Wenn ich sie nicht schieße, bin ich Araber.“
Vielfalt wird zur Kulisse gemacht, zur emotionalen Aufladung für ein Projekt, das es bekanntlich nicht gerade leicht hat in Hamburg. Aber die Naivität und Oberflächlichkeit dieser Plakate helfen mir nicht gerade, mich für Olympia zu begeistern.
Wenn die Pro-Olympia Seite zeigen möchte, dass diese Veranstaltung eine verbindende und integrative Wirkung auf uns alle haben wird, dann sollte sie dort ansetzen, wo die Probleme entstehen, die der Sport nur spiegelt. Also bei den realen Bedingungen dieser Stadt, statt bei einem Event, das kommt und geht.
Integration und Zusammenhalt können im Stadion befeuert werden, aber dann müssen sie in den Alltag getragen werden. Wer kümmert sich nach oder vor Olympia darum?
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