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Zykluscoachin über Menstruation„Schmerzen müssen nicht zum Frausein dazugehören“

Wir sollten unsere Zyklen tracken, findet die Coachin und Autorin Franzi Ruhnau. Ein Gespräch über die Lutealphase, Blut und Gehaltsverhandlungen.

Gerade in der Lutealphase: Franzi Ruhnau Foto: Katharina Nagler
Carolina Schwarz

Interview von

Carolina Schwarz

taz: Die Suche nach einem Termin für unser Interview war etwas schwieriger. Haben Sie bei der Terminfindung auch Ihren Zyklus berücksichtigt, Frau Ruhnau?

Franzi Ruhnau: Ja, das mache ich immer. Ich versuche, wichtige Termine in eine Phase zu legen, in der ich mich wohlfühle. Aber dieses Mal hat mein Eisprung sich verschoben, deswegen befinde ich mich heute mitten in meiner Lutealphase, in der ich mich lieber verkriechen möchte.

Im Interview:  Franzi Ruhnau

Jahrgang 1986, ist Kultur- und Sozialwissenschaftlerin, zertifizierte systemische Coachin und Zykluscoachin. Ihr Buch „Zyklus Power“ erscheint am 17. April im Rowohlt Verlag.

taz: Die Lutealphase ist eine der vier Phasen des Menstruationszyklus. Wie fühlen die sich für Sie an?

Ruhnau: Das lässt sich am besten mit dem Jahreszeitenmodell erklären. Die Menstruation ist der innere Winter, da ziehe ich mich gerne zurück und liege auf der Couch. In der Follikelphase steigt meine Energie, wie im Frühling. Meine Gedanken sind dann hoffnungsvoller, meine Ideen sprudeln und ich habe Lust, viele Leute zu treffen. Der Eisprung entspricht dem Sommer. Ich bin voller Tatendrang und fühle mich pudelwohl. Der Zyklus endet dann mit der Lutealphase, dem Herbst, der für mich als PMDS-Betroffene besonders schwer ist.

taz: PMS, die körperlichen und mentalen Beschwerden vor einer Periode, ist den meisten ein Begriff. Aber was verbirgt sich hinter PMDS?

Ruhnau: Die prämenstruelle dysphorische Störung. Eine Krankheit, die sich im Gegensatz zu PMS überwiegend auf einem mentalen und psychischen Level abspielt. Dazu gehören depressive Verstimmungen, Angst, heftige Stimmungsschwankungen bis hin zu suizidalen Gedanken. Es ist schwer, in dieser Zeit seine Stimmungen zu kontrollieren. In dieser Phase habe ich auch schon mal Jobs gekündigt und weiteres getan, was massive Konsequenzen für mein Leben hatte.

taz: Ist die Krankheit heilbar?

Ruhnau: Es wurde bislang wenig dazu geforscht und es gibt verschiedene Hypothesen zum Ursprung der Krankheit. Heißt, man weiß schlicht noch nicht, ob sie heilbar ist. Aber immerhin wurde PMDS kürzlich von der WHO als gynäkologische Krankheit eingestuft, also gibt es hoffentlich bald mehr Wissen.

taz: Aber ist sie behandelbar?

Ruhnau: Es gibt verschiedene Ansätze, die helfen können. Eine Methode sind Antidepressiva, denn PMDS ist kein hormonelles Ungleichgewicht, sondern eine sehr empfindliche Reaktion von Neurotransmittern im Gehirn auf die natürlichen hormonellen Schwankungen im Menstruationszyklus. Aber auch Ernährung, Bewegung, Schlaf und Stressmanagement spielen eine Rolle. Für mich ist das wichtigste Tool das Zyklustracking.

taz: Das Notieren der Periode und der körperlichen und mentalen Symptome in einem Zyklus, klingt erst einmal banal. Sie schreiben aber, dass es Ihr Leben und Ihre Ehe gerettet hat. Inwiefern?

Ruhnau: Erst dadurch habe ich verstanden, dass es kein Zufall ist, dass ich einmal im Monat von extremen negativen Gefühlen überschwemmt werde, sondern dass es ein Muster gibt. Davor dachte ich manchmal, ich werde verrückt. Durch das Tracking habe ich gelernt, dass es einen bestimmten Tag gibt, an dem meine Symptome losgehen und einen, an dem ich erlöst werde. Davon ausgehend, plane ich meinen Alltag. Auch meinem Partner hilft dieses Wissen total, mit mir umzugehen. Seitdem führen wir viel weniger sinnlose Streits.

taz: Als Zykluscoachin raten Sie allen Menstruierenden dazu, ihren Zyklus zu tracken. Wieso sollte ich mir diese Arbeit machen, wenn ich keine Probleme habe?

Ruhnau: Es ist ein cooles Tool, um eine freundlichere Beziehung zu sich und seinem Körper zu pflegen. Beim Zyklus gibt es total viel zu entdecken, und zwar nicht nur Probleme, sondern auch richtig gute Tage, messerscharfe Gedanken, Kreativität und Kraft. Durch Zyklus-Achtsamkeit lernen wir uns selbst und unsere Energie besser kennen und können so unsere Arbeit, Aufgaben und Freizeit unserem Zyklus anpassen. Also insofern Job und Care-Arbeit das zulassen. Letztlich ist es Selbstfürsorge.

taz: Es gibt auch Tipps, meine Gehaltsverhandlung oder mein Bewerbungsgespräch auf meinen Eisprung zu legen, damit ich mehr Energie habe. Klingt für mich nach einer weiteren Form von Selbstoptimierung, um meinen Körper im Kapitalismus besser verwerten zu können.

Ruhnau: Ja, das klingt nach Selbstoptimierung und darum geht es mir nicht. Ich will nicht den Körper noch mehr zu Maschine machen, um ihn noch besser ausbeuten zu können. Im Gegenteil. Für mich ist es wichtig, in dieser Arbeitswelt besser auf den eigenen Körper zu hören. Durch Handys, aber auch Fitnessuhren sind wir total von unserem Körper entkoppelt. Besser wäre, wir würden täglich einmal bei uns einchecken und fragen: Wie geht es mir heute? Wie fühlt sich mein Körper an und wie sieht meine Gedankenwelt aus? Dann verstehe ich schneller, wann ich eine Pause brauche und kann so zum Beispiel ein Burnout vorbeugen. Und dabei spielt natürlich auch der Zyklus eine große Rolle. Doch sich damit auseinanderzusetzen und ihn zu thematisieren, ist noch total schambesetzt.

taz: In sozialen Medien sehe ich regelmäßig Unterhosen mit Blut, Werbung für Periodenprodukte oder Frauen, die ihr PMS thematisieren. Die Scham wird also schon weniger, oder?

Ruhnau: Der öffentliche Diskurs hat sich schon gewandelt in den letzten Jahren. Das hängt sicherlich auch mit Unternehmen zusammen, die den Zyklus für den Markt entdeckt haben. So etwas fördert den Diskurs, aber hat natürlich auch ein Geschmäckle, dass Geld mit unseren Zyklen gemacht werden soll. Dass wir zum Beispiel auch am Arbeitsplatz offen über Periodenbeschwerden sprechen können, ist längst nicht überall möglich.

taz: „Die Frau ist zickig, weil sie gerade ihre Tage hat“. Ein sexistisches Klischee, gegen das Feminist_innen seit Langem ankämpfen. Verstärken wir nicht mit Zyklus-Achtsamkeit das Bild der Frau als hormongesteuertes Wesen?

Ruhnau: Solche Gefahren gibt es auf jeden Fall. Zum Beispiel gibt es Unternehmen, die sehr offen sind bei dem Thema und wo Menstruierende ihre Zyklusphasen in den Outlook-Kalender eintragen können. Das bietet natürlich viel Raum für Machtmissbrauch. Gleichzeitig ist der Vorwurf des hormongesteuerten Wesens komisch, da wir alle hormongesteuert sind – ob wir nun menstruieren oder nicht. Aus meiner Sicht fände ich es gut, alle Menschen würden mehr auf ihre Körper hören. Aber die Verantwortung für den Umgang mit unserem Zyklus kann nicht nur bei uns Frauen abgelegt werden.

taz: Was müsste sich denn strukturell verändern?

Ruhnau: Wenn wir über Körper sprechen, reden wir auch über Gesundheit und Teilhabe. Und das System, in dem wir leben, wurde von nicht menstruierenden Körpern aufgebaut und erfunden. Die wichtigste strukturelle Veränderung wäre, dass Schmerzen, die im Zusammenhang mit dem Zyklus stehen, ernst genommen werden. Von Ärzt*innen, aber auch von Ar­beit­ge­be­r*in­nen und auch im Familien- oder Freundeskreis. Denn Schmerzen müssen nicht zum Frausein dazugehören.

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