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Neuer Schwarzwald- „Tatort“Innere Angelegenheiten reichlich oberflächlich erzählt

Rocker und Rassismus und jedenfalls ein Todesfall: Aber was ist genau geschehen? Und können sich alle Polizisten auf die selbe Version einigen?

Innere Angelegenheit, oder komplettes Schweigen Foto: Benoît Linder/SWR

Im neuen Schwarzwald-„Tatort“ geht es um moralisch graue Polizist*innen, stereotype Verdächtige und einen Mordfall, dessen Auflösung so erwartbar ist, dass man bis zum Schluss hofft, es könne doch noch einen Plottwist geben.

Der Film beginnt unmittelbar nach dem eigentlichen Geschehen. Im Einsatzwagen sitzen sechs gestresste Polizist*innen. Als einer der Beamten aussteigt, um sich zu übergeben, wird schnell klar: Hier stimmt etwas nicht. Kurz darauf beginnen auf dem Parkplatz die internen Reibereien. Es geht darum, ob man die „Wahrheit“ erzählt oder sich kollektiv auf eine gemeinsame Version der Ereignisse einigt. Schon der Titel „Innere Angelegenheiten“ und die ersten Szenen lassen also erahnen, wohin die Geschichte führen wird.

Der Fall selbst spielt in einem Freiburger Club. Dort wurde ein Mitglied der Rockergang „Devils“ erschlagen. Als Verdächtiger steht Ramin Taremi (Omid Memar) im Raum. Dieser verkörpert den wahr gewordenen Tätertraum eines Rechtskonservativen: ein Mann mit iranischer Migrationsgeschichte, mehrfach vorbestraft und, als wäre das nicht schon ausreichend, auch noch mit Männerdutt. Kommissar Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner) befragt den mutmaßlichen Täter. Mehrfach lässt er durchblicken, der Mann könne ja „zurück in den Iran“.

Schwarzwald-„Tatort“

„Innere Angelegenheiten“, So., 20.15 Uhr, ARD

Taremi reagiert defensiv, betont, dass Deutschland seine Heimat sei, und beteuert, sein Leben inzwischen geändert zu haben. Währenddessen ermittelt Kommissarin Franziska Tobler (Eva Löbau) im Club. Dort werden die Ermittler allerdings weniger als „Freund und Helfer“ empfangen.

Der Bruder des Verdächtigen spricht offen von Vorverurteilung und Rassismus. Entsprechend schwierig gestaltet sich die Zusammenarbeit mit möglichen Zeug*innen. Erst durch Geduld, Zuspruch und den Versuch, das gemeinsame Ziel zu formulieren, nämlich den tatsächlichen Täter zu finden, lösen sich die Fronten langsam.

Kontrolle behalten, Hierarchie durchzusetzen

Parallel verdichtet sich im Einsatzwagen der Eindruck, dass der eigentliche Dreck bei den Polizisten selbst liegt. Die Beamten geraten immer wieder aneinander, diskutieren, manipulieren sich gegenseitig und versuchen, eine gemeinsame Version der Ereignisse zu erzwingen.

Vor allem der dienstälteste Polizist bemüht sich, die Kontrolle zu behalten, Hierarchie durchzusetzen und die Gruppe auf eine Linie einzuschwören. Wer tatsächlich für die Tat verantwortlich ist, bleibt zunächst offen. Klar ist jedoch: Sobald eine gemeinsame „Geschichte“ erzählt wird, sind alle darin verstrickt.

Eigentlich bietet diese Konstellation reichlich Stoff für Spannung. Strukturelle Probleme innerhalb der Polizei, vorschnelle Verdächtigungen und das Misstrauen gegenüber den Ermittlern könnten eine brisante Dynamik entfalten. Könnten. Denn genau daran mangelt es. Der Handlungsstrang verläuft haareraufend geradlinig, ein Moment, in dem die Situation wirklich zu kippen droht, bleibt aus.

Die Konflikte innerhalb der Polizistengruppe folgen bekannten Rollenmustern: der dominante Veteran, der aggressive Hardliner, der moralisch zweifelnde Neuling. Auch die Entwicklung des Beschuldigten verläuft erwartbar: vom vermeintlichen Täter hin zu einem Mann, der verzweifelt versucht zu beweisen, dass er eine zweite Chance verdient.

So bleibt am Ende eine Geschichte, die zwar wichtige Themen streift, dramaturgisch aber kaum Reibung erzeugt und damit auch selten überrascht.

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