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Schloss Rheinsberg geht neue WegeGanz neue Töne

Zeitgenössische Musik elitär und kopflastig? Mit dem partizipativen Projekt Musiktheater 360° beweisen Jugendliche von Förderschulen das Gegenteil.

Irgendwo zwischen Schauspiel, Musik und Selbstermächtigung: Kinder auf der Bühne in Schloss Rheinsberg Foto: Stefan Gloede

Aus Rheinsberg

Anna Schors

Ein zartes Rauschen füllt den Raum, als ein halbes Dutzend Schü­le­r:in­nen zwischen 11 und 16 Jahren bunt bemalte Stäbe zu schütteln beginnt. „Rain Maker“ heißen diese mit Kieseln gefüllten Rasseln. Sie klingen wie frischer Nieselregen. Viele der Kinder stehen heute zum ersten Mal für eine einmalige Aufführung auf der Bühne. Im Publikum sitzen Eltern, Leh­re­r:in­nen und Geschwisterkinder.

Der Regen schwillt an zu einer hybriden Klanglandschaft, angereichert mit elektronischen Einspielern aus verzerrten Wassergeräuschen und Vogelstimmen und wird zur Begleitmusik einer düsteren szenischen Traumsequenz: Ein Entenmensch mit schwarzen Flügeln und Schnabelmaske macht Jagd auf ein Mädchen und frisst es.

Sogleich kippt die Szene ins Komische. Durch einen goldenen Vorhang schlüpft ein „Tagesschau“-Sprecher namens „Ente kross“: Zeugen sollen bitte anrufen, die Telefonnummer endet auf den Ziffern 6 und 7. „Six Seven!“ johlt es begeistert aus dem Publikum. Was genau dieses beliebte Jugendwort bedeutet, weiß keiner so genau, aber der Wiedererkennungswert ist offensichtlich groß – auch bei den Erwachsenen.

Diese anarchisch anmutenden Szenen sind Teil des Projekts Musiktheater 360<sub>o</sub> der Musikakademie Rheinsberg, eine Stückentwicklung mit 32 Kindern von Schulen aus dem ländlichen Raum mit Förderschwerpunkt Lernen. Mit Ex­per­t:in­nen verschiedener Sparten – von Kostüm über Tanz bis hin zu Sounddesign – haben sie einen musikalischen Theaterabend erarbeitet. Der Titel: „Kings* and Queens* – eine musikalische Machtübernahme“. Vorbereitet wurde das Ganze in einer intensiven Probenwoche auf Schloss Rheinsberg.

Wenn sie Königin oder König wären …

Mit dabei waren auch Fieby und Helene von der Clara-Zetkin-Schule: Obwohl sie am Vormittag noch eine Deutschprüfung schreiben mussten, erscheinen sie überpünktlich zur Probe, um weiter am Text zu arbeiten. Sie hätten viel darüber geredet, was sie tun würden, wenn sie Königin oder König ihrer Stadt wären: „Bei uns würde es überall Koalas geben und kostenloses Eis für alle“, sagt Fieby.

Jetzt geht es dann aber eher um die Basics der Bühnenarbeit: „Sprich nach vorne“, ermutigt Projektleiterin Nathalie Himpel. Auch an den Dialogen wird gefeilt: In einer kurzen Improvisation entsteht ein hitziger Wortwechsel zwischen Königin und Prinzessin (gespielt von Helene in Tutu und Glitzerkrone), der in einem vernichtenden „Mama, du bist scheiße“ gipfelt. Eine andere Gruppe produziert derzeit kurze Videos auf dem Gelände: Sie rennen ausgelassen durch den sonnigen Schlosspark und erobern schließlich durch offene Fenster kletternd das Gebäude.

Musiktheater 360o gibt auch Lehrkräften die Chance, ihre Schü­le­r:in­nen neu kennenzulernen: „Eine Schülerin, mit der ich mich oft zoffe, erlebe ich hier auf einmal als liebebedürftig und weich“, erzählt Anke Scheunemann, Leiterin der Max-Lindow-Schule und mehrfache Teilnehmerin. „Man darf jetzt nicht erwarten, dass sie danach alle sofort zur Musikschule rennen“, meint sie. „Aber sie denken lange daran und erinnern sich gegenseitig: Weißt du noch, damals? Als Kinder von der Förderschule kriegen sie viel Stigmatisierung mit. Hier lernen sie, dass sie nicht falsch sind. Sie dürfen Regeln aufstellen und mitbestimmen.“

Der Einfall für ein Musiktheater-Projekt mit Brandenburger Jugendlichen kam ursprünglich von den Mu­si­ke­r:in­nen des Ensemble Quillo aus Falkenhagen, das seit über 20 Jahren Neue Musik in den ländlichen Raum bringt. Anfangs hieß das Projekt auch einfach „Werkstatt Quillo.“

Wissend nickende Zuhörer in Rollkragenpullovern

Begriffe wie Neue Musik und zeitgenössische Musik werden schließlich oft mit urbaner Avantgarde in Verbindung gebracht. Man denkt an lärmende Dissonanzen, Instrumente, die mehr quietschen als singen, und an wissend nickende Zuhörer in schwarzen Rollkragenpullovern, die aus der Enträtselung eines entrückten Kunsterlebnisses einen selbstgefälligen Sport machen.

Dabei war die Absicht berühmter Vertreter der Neuen Musik alles andere als elitär. Bei John Cages „4’33“ von 1952 etwa – ein dreisätziges Stück, in dem kein einziger Ton gespielt wird – geht es um den Klang der Stille. Was auf den ersten Blick wie Arbeitsverweigerung aussieht, ist eine Einladung, den Klängen der Umgebung zu lauschen: dem Räuspern und Husten des Publikums oder dem eigenen Atem.

Auch Karlheinz Stockhausen trieb die Emanzipation des Geräuschs auf durchaus inklusive Weise voran: Die Uraufführung von „Gesang der Jünglinge“ (1956), wo er als einer der Ersten die menschliche Stimme mit Elektronik mischte, sang ein 12-jähriger Junge, der keine Noten lesen konnte. Was und wie er singen sollte, machte ihm der Komponist vor.

Diese Arbeit mit Mitteln, die jedem von uns zur Verfügung stehen, führt das Ensemble Quillo fort: „Zeitgenössische Musik ist oft voraussetzungsloser und partizipativer, das Gegenüber spielt schon in der Ursprungsidee eine Rolle“, erklärt Quillo-Gründerin Ursula Weiler. 2007 bauten die Quillos einen traditionellen Vierseithof zu einer kulturellen Begegnungsstätte um: Das ehemalige Bauernhaus wurde zum Konzertsaal, und dort, wo früher ein Pferdestall war, gibt es einmal im Monat Kino mit Popcorn.

Vom Europäischen Sozialfonds gefördert

Für Werkstatt Quillo erhielt das Ensemble 2025 den Musikpreis Opus Klassik. Erst danach gab Quillo Projekt und Know-how an die Musikakademie Rheinsberg ab, wo es nun vom Europäischen Sozialfonds gefördert wird und jährlich stattfinden soll.

wochentaz

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Im Fokus standen von Anfang an sozial benachteiligte Kinder mit sonderpädagogischem Bedarf. „Wir wollten im ländlichen Raum etwas anbieten für Kinder mit einem etwas schwereren Rucksack“, so Weiler. Die Aufgabe, mit Jugendlichen ohne Notenkenntnisse Musiktheater zu entwickeln und zu Papier zu bringen, mag auf den ersten Blick gigantisch wirken, doch Weiler meint: „Ich habe da nie Herausforderungen gesehen, sondern immer nur Möglichkeiten.“

Um ihre Klangvorstellungen umzusetzen, könnten Schü­le­r:in­nen Melodien zum Beispiel in gemalte Bilder übersetzen oder mit Worten aufschreiben – eine Notationspraxis, die auch in der Welt der zeitgenössischen und Neuen Musik verbreitet sei: „Partituren von Helmut Lachenmann haben ja auch immer seitenlange Legenden, wo genau beschrieben ist, wie welche Klänge zu spielen sind.“

Für „Kings* & Queens*“ greift mit Andreas Völk diesmal ein Berufsmusiker den Jugendlichen unter die Arme. Er hat eine triumphale und höchst tonale Ouvertüre und einige Zwischenspiele geschrieben. Weihevolle Bläsermotive gemahnen an höfische Musik – und treffen auf Klänge aus der jugendlichen Lebenswelt: Eine Schülerin in Reifrock gib einen Song aus „Die Schule der magischen Tiere“ zum Besten und eine andere mischt von Schü­le­r:in­nen gesammelte Geräusche – sogenannte field recordings – an einem DJ-Pult mit bassigen Techno-Beats.

So mündet die Vorführung in eine große Party: Gelöst und vorsichtig selbstbewusst tanzen die Jugendlichen über die Bühne – mit Gesichtern, die aussehen, als hätte jemand darin das Licht angeknipst.

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