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Alternativmedien früher und heuteGeschäft mit der Angst

Angst ist eine treibende Kraft von Alternativmedien. Während Rechte sie zur Zerstörungslust einsetzen, nutzten Linke sie nach Tschornobyl produktiv.

Verzweifelt protestiert die Alternativ­bewegung 1986 gegen das Waldsterben Foto: Wolfgang Maria Weber/imago

Als die Reiseredakteurin hereinkam und ihren nassen Regenschirm auf den Tisch knallte, „haben alle aufgeschrien, ob sie jetzt komplett verrückt geworden sei“, erinnert sich ein früherer taz-Redakteur an die Tage nach der Tschornobylkatastrophe. Ein Kollege lief derweil „mit seinem Geigerzähler grinsend durch die Redaktionsflure. Er hat uns ausgemessen, ob wir noch sauber tickten.“

Die Explosion des Reaktors traf 1986 in Deutschland eine Gesellschaft, in der zwei große kollektive Ängste jahrelang öffentlich verhandelt worden waren: die vor dem Atomkrieg und die vor der ökologischen Zerstörung. Im Tschornobyl-GAU verschmolzen beide – und läuteten die große Stunde der Alternativmedien ein.

Der Historiker Frank Biess hat in seinem Werk „Republik der Angst“ die Genese der bundesrepublikanischen Ängste nachgezeichnet. Angst hatten demnach alle. Die Unterschiede in den politischen Milieus aber sind interessant.

Die emotionale Verpanzerung der Kriegsgeneration aufgebrochen zu haben, war wesentlicher Kern der aufbegehrenden Nachkriegsgeneration. Folglich wurde das Emotionale betont, Ängste wurden offensiv artikuliert, teils wurden sie zur Grundlage von Subkultur. Auch deshalb wurden für die politischen Kämpfe des Alternativmilieus zwei Themen zentral: Frieden und Umwelt.

Grafische Darstellung eines AKW-Kühlturms, aus dem eine Wolke mit einem Radioaktivitätssymbol kommt.
40 Jahre nach dem Super-GAU in Tschornobyl

Am 26. April 1986 kam es im ukrainischen, damals sowjetischen Tschornobyl (russisch Tschernobyl) zum Super-GAU. Eine radioaktive Wolke verseuchte große Teile Europas. 40 Jahre später blickt die taz in einem Schwerpunkt zurück und nach vorn. Die taz verwendet bei ukrainischen Orten grundsätzlich die Schreibweise in Landessprache, nicht die russische – so auch bei Tschornobyl.

Der Kampf gegen die Atomkraft nahm darin eine besondere Rolle ein, in ihm berührten sich diese angstbesetzten Themen. Der Staat, der AKWs baut, ist auch einer, der Atomraketen duldet. Und er ist einer, der die zum Krieg nötige Härte bereits im Zivilen gegen seine Bürger wendet, um die Atomkraftnutzung durchzusetzen. Diese Überzeugungen waren für das Alternativmilieu konstitutiv. Entsprechend galten die im „Atomstaat“ Herrschenden als verlogene Feinde echter Demokratie. Ähnlich blickte man auf die ihnen verbunden scheinenden „bürgerlichen“ Medien.

Also mussten Alternativmedien her. So entstand die taz 1979, aber auch das Magazin Pflasterstrand, die Zeitschrift Bürgerrechte & Polizei, der Informations-Dienst zur Verbreitung unterbliebener Nachrichten (ID) sowie diverse Piratensender und Stadtzeitungen. Es war ein publizistisches Ökosystem von unten, das „Gegenöffentlichkeit“ gleichermaßen herstellen wie diese informieren wollte.

Der Apokalypse nah

Als im Mai 1986 die Strahlenwolken aus Tschornobyl heranwehten, war dem Fallout kaum zu entkommen: Milch, Böden, Wälder, Felder wurden zur Gefahr. Nur wenig triggert Ängste mehr als das Gefühl des Ausgeliefertseins. Und so fühlten sich viele der Apokalypse, die die Alternativbewegung ohnehin erwartet hatte, nah.

Einige Tage ließ die Sowjetunion die Welt über den GAU im Unklaren. Danach berichteten die Alternativmedien alarmierter und kritischer als die Etablierten, warfen Regierung und Behörden vor, die Lage zu verharmlosen. „Vor Entwarnung wird gewarnt“, schrieb etwa die taz. Sie bestätigten damit ihre Le­se­r:in­nen in deren – teils übersteigertem – Misstrauen gegenüber offiziellen Grenzwerten, die damals vielen als politisch festgelegt galten.

Auch in ARD und ZDF war sehr wohl zu hören, dass man den Salat besser nicht isst. Doch die Alternativmedien boten mehr konkrete Tipps, regionale Messwerte, eigene Interpretationen. Es gab Erfahrungsberichte, Interviews mit kritischen Wissenschaftlern, Ärzten und Umweltaktivisten zu lesen, die in großen Medien nicht auftauchten.

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Als einzige Zeitung warnte die taz nach Rücksprache mit den Meteorologen davor, am 1. Mai, als die radioaktive Wolke Deutschland erreichte, die Kinder rauszulassen. „Als Atomgegner hatten wir uns jahrelang mit einer möglichen Katastrophe befasst, das war unser Vorsprung“, schrieb später der taz-Redakteur Harald Schumann.

Die Alternativmedien-Landschaft differenzierte sich. Spezialisierte Publikationen wie Strahlentelex entstanden, finanziert von Vereinen wie Mütter und Väter gegen atomare Bedrohung e. V. Staatliche Messstellen durften keine Radioaktivitätswerte konkreter Produkte oder Firmen nennen. Strahlentelex aber maß die Belastung in Milch und Babynahrung. „Besorgte Eltern bekamen so erstmals unverschlüsselte Daten, die es ihnen ermöglichten, die Strahlenbelastung ihrer Kinder so gering wie möglich zu halten“, behaupteten sie.

Die Angst, die das Alternativmilieu in besonderer Weise ergriffen hatte, ließ seine eigenen Medien erregter, aber auch substanzieller über Umweltthemen berichten. Ihr „Es ist viel schlimmer, als sie zugeben“ stand der Aufklärung nicht im Weg, sondern ermöglichte sie. Die Forderungen der Umweltbewegung wurden übersetzbar in Politik, auch weil sie ihre frühere, teils grundlegende Technologie- und Wissenschaftsskepsis korrigierte. Rationale und progressive Stimmen verschafften sich Raum und Reichweite.

So fanden die hochgekochten kollektiven Ängste in der Gegenöffentlichkeit Ventile. Und die wiederum unterstützten die Suche nach produktiven, rationalen Auswegen. Langfristig zeigt sich das heute in vielen Erfolgen der Umweltbewegung: beim Ozonloch, dem Waldschutz oder der Schadstoffbegrenzung.

Unproduktiver Alarmismus

Heute haben Ängste wieder Hochkonjunktur. Doch die Art, wie sie verhandelt werden, ist dysfunktionaler geworden. Wieder spielen Milieuunterschiede eine wichtige Rolle. Das progressive Lager fürchtet sich heute oft vor den Folgen der Klimakrise, des Artensterbens, vor (KI-)Faschismus oder Sozialabbau. Wer rechts denkt, hat hingegen vielfach Angst vor dem Wirtschaftscrash, vor Migration, Kriminalität, „Heimatverlust“.

Das sind eben jene Themen, die heute ein neues, florierendes Ökosystem rechter Alternativmedien und mit ihnen verbundene Social-Media-Kanäle bewirtschaftet. Auf1, Apollo News, Compact, Deutschland-Kurier, Journalistenwatch, Nius, Tichys Einblick und viele mehr reklamieren den Begriff der Gegenöffentlichkeit für sich. Sie machen sich das schwindende Vertrauen in etablierte Medien zunutze und befeuern es.

Sie reklamieren eine Rolle für sich, die dem Selbstbild der Alternativmedien von einst ähnelt: Als „Stimme des Widerstands“, Kämpfer für Meinungsfreiheit, als marginalisiert vom Mainstream, bedroht oder gar verfolgt. Ihre Kernbotschaft: Verfall überall, den Eliten ist nicht zu trauen, Medien lügen. Die etablierten Parteien treiben den Untergang bewusst voran. Sie müssen entmachtet werden, doch dafür bleibt nur wenig Zeit.

Ähnlich wie früher sieht man sich als „wahre Opposition“. Wo sich einst von „bürgerlichen Medien“ abgegrenzt wurde, sind heute „Systemmedien“ der Gegner, wo früher „Establishment“ und „Schweinesystem“ wegsollten, geht es heute gegen „Volksverräter“, „Grün-links“ oder einen „tiefen Staat“. Die Inhalte der rechten Alternativmedien sind des vielfach progressiven Charakters ihrer nominellen Vorgänger beraubt und ins Gegenteil verkehrt.

Eine neue, „bewegungsnahe“ Partei, deren Erfolg herbeigeschrieben werden soll, gibt es auch. Die Grünen sollten einst das Land von AKWs und Pershing-Raketen befreien. Die AfD soll aufräumen mit Migration, Gender, EU oder Klimapolitik.

Das wirksamste Mittel: Angstmacherei

Reichweite, Radikalität und Selbstverständnis der neuen rechten Alternativmedien unterscheiden sich. Ihnen gemein ist, dass sie für die Abwicklung von Errungenschaften sozialer Bewegungen werben, um den angeblichen Zusammenbruch zu stoppen. Das wirksamste Mittel dafür ist Angstmacherei: vor dem Islam, vor Flüchtlingen, der „Transideologie“, dem Verbrenner-Aus, kriegstreiberischen „Globalisten“, die Wirtschaft zerstörenden Grünen.

In der Umweltbewegung der 1970er und 1980er Jahre waren Wissenschaftsskepsis, Verschwörungsglaube und Irrationalismus durchaus verbreitet, etwa bei der Gentechnik und Esoterik. Letztlich wandte sich die ökologische Linke aber der Naturwissenschaft zu, um sie aufklärerisch zu nutzen. In den heutigen Alternativmedien gelten Klimawissenschaftler als gefährliche Sekte, deren Einfluss zurückgedrängt gehört. Wissenschaftliche Ratio wird als Feind des gesunden Volksempfindens gesehen, sofern sie nicht zufällig zur eigenen Agenda passt: „Lasst euch von den Eierköppen nichts erzählen!“

Bei allen Unterschieden diskreditieren Nius & Co die liberale Demokratie und ebnen so dem Autoritarismus den Weg. Auf die ökologischen und sozialen Probleme der Gegenwart hat diese teils rechtsextrem gepolte Gegenöffentlichkeit keine Antworten. Ihr Alarmismus ist deshalb nicht produktiv. Er kann und will kollektive Ängste nicht rational bearbeiten und dadurch regulieren. Stattdessen peitscht er sie für einen destruktiven Umsturz immer weiter auf. Dabei setzen die rechten Alternativmedien neben Angstmacherei auch auf Desinformation.

Das beste Mittel dagegen ist eine unabhängige Presse, die kollektive Ängste nicht anheizt, sondern Risiken rational verhandelt. Dann trägt sie dazu bei, dass Ängste nicht in autoritäre Politik umschlagen, sondern – das zeigt die Erfahrung – Aufklärung voranzutreiben helfen.

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