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Volksbegehren gegen Olympia in Berlin„Lasst die Finger von Berlin!“

NOlympia setzt sich gegen eine Bewerbung Berlins als Austragungsort für Olympische Spiele ein. Das Geld werde dringend woanders benötigt, sagt Mit-Initiator Uwe Hiksch.

Spitzenreiter beim Protest: Das NOlympia-Bündnis in Berlin läuft sich schon mal warm. Ab Mittwoch sammeln sie Unterschriften Foto: Stefan Boness/Ipon

Interview von

Martha Lippert

taz: Herr Hiksch, Sie sind in der Antiatombewegung aktiv, setzen sich gegen TTIP, Aufrüstung und nun auch für NOlympia ein. Ist das eine generelle Antihaltung, die Sie da an den Tag legen?

Uwe Hiksch: Es ist das genaue Gegenteil. Ich setze mich für regenerative Energien und für einen gerechten Welthandel ein. Ich bin gegen Aufrüstung, weil ich dafür bin, dass Geld nicht in Rüstung, sondern in Schulen, in Sport oder in Kitas fließt. Das ist eine Prohaltung. Auch die Arbeit jetzt gegen die olympische Bewerbung hat sehr viel mit einer Grundphilosophie zu tun: Wie sehe ich eine Stadt und wie sehe ich eine Gesellschaft?

taz: Wofür steht denn NOlympia?

Im Interview: Uwe Hiksch

ist Mitglied der Naturfreunden Berlin und in der Koordination des Bündnisses NOlympia Berlin.

Hiksch: Das Bündnis setzt sich zusammen aus Umweltverbänden, Mieterinitiativen und Stadt-für-alle-Initiativen, die gemeinsam dafür eintreten, dass Berlin sich in den Jahren 2036, 2040 und 2044 nicht für die Olympischen Spiele bewirbt. Am Mittwoch, also am 22. April, starten wir mit einer Unterschriftenaktion. Das ist die erste Stufe des Volksbegehrens gegen eine Olympiabewerbung. Wir wollen stattdessen, dass sich die Stadt nachhaltig entwickelt und nicht für Großevents umgebaut wird.

taz: Das Internationale Olympische Komitee (IOC) vermarkte die Spiele als nachhaltig. Kann davon im Zusammenhang mit Olympia überhaupt die Rede sein?

Hiksch: So, wie sie geplant sind, haben die Spiele mit Nachhaltigkeit und Klimagerechtigkeit überhaupt nichts zu tun. Das ist reines Greenwashing. Auch wenn das IOC und die Berliner Politik das im Vornherein bestreiten, werden wir auch in Berlin feststellen, dass im Rahmen der Bewerbung neue Groß-Sportanlagen gebaut werden müssen, die wahnsinnig viel CO2 produzieren werden.

taz: Allerdings heißt es seitens der Stadt, dass etwa 90 Prozent der Spielstätten für Olympia bereits vorhanden seien. Müsste überhaupt noch viel gebaut werden?

Hiksch: Das IOC hat ganz klare Richtlinien. Wie müssen Stadien aussehen? Wie viele Plätze müssen vorhanden sein, welche Abstände müssen eingehalten werden? Das wird für Berlin bedeuten, dass viele der Sportstätten, die angedacht werden, eben nicht IOC-tauglich sind und das Land Berlin teuer nachrüsten muss. Wenn der Berliner Senat davon redet, dass sehr viele Spielstätten da sind, dann streut er den Menschen einfach Sand in die Augen.

taz: Wenn Gebäude und Infrastruktur für die Spiele saniert werden, könnte Olympia dann nicht auch eine Chance auf Modernisierung sein?

Hiksch: Wenn man Modernisierung nur für Großevents und Veranstaltungsstätten denkt, dann ja. Das Geld, das ausgegeben werden soll für die Olympischen Spiele, fehlt woanders. Es kann beispielsweise nicht in den Breitensport gesteckt werden. Berlin benötigt rund 1,2 Milliarden Euro, um marode Sportstätten herzurichten. Viele Kinder in Berlin haben keine Chance auf Schwimmunterricht, weil es deswegen zu wenige Schwimmbäder gibt.

taz: Was denken Sie, wie teuer werden die Spiele für Berlin?

Hiksch: Wir gehen davon aus, dass sich die Kosten für die Olympischen Spiele irgendwo zwischen 6 und 16 Milliarden Euro bewegen werden. Die letzten Winterspiele in Cortina waren 85 Prozent über dem geplanten Budget. Schaut man vergangene Spiele an, wurden die Kosten immer deutlich überschritten.

taz: Eigentlich soll Olympia Sport und Sport­le­r:in­nen zelebrieren, auch in Deutschland. Das ist doch eine gute Sache oder wie sehen Sie das?

Hiksch: Ich selbst war immer ein Kritiker des Spitzensportes, so wie er sich in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat. Ich komme aus der Tradition, die sagt, alle Menschen sollten die Chance bekommen, Sport zu machen. Die Aufgabe von Sportförderung besteht darin, den Menschen diese Möglichkeit zu geben. Und nicht die Gelder immer weiter auf den Spitzensport zu konzentrieren.

taz: Waren Sie denn schon einmal bei den Olympischen Spielen?

Olympia-Bewerbungen aus Deutschland

Das NOlympia-Bündnis in Berlin startet am Mittwoch mit dem Sammeln von Unterschriften für ein Volksbegehren gegen eine Bewerbung für die Olympischen Spiele. Eine Befragung durch den Senat ist nicht geplant.

In NRW wurde dagegen am Sonntag eine wichtige Hürde genommen. Bei Bürgerentscheiden stimmten 66 Prozent für eine Bewerbung der Region „KölnRheinRuhr“ um die Sommerspiele 2036, 2040 oder 2044. Im vergangenen Oktober hatten sich bereits die Münchener in einem Bürgerentscheid für Olympia ausgesprochen. Hamburg stimmt am 31. Mai ab.

Klara Schedlich, sportpolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion im Abgeordnetenhaus kommentierte: „Mit seinem klaren Ja für eine Olympia-Bewerbung hat nun sogar die Region Köln-Rhein-Ruhr Berlin abgehängt.“ Sie forderte, dass Berlin seine Bewerbung nun fallen lässt. „Während Hamburg, München und Köln-Rhein-Ruhr längst die Menschen überzeugt und nachhaltige Konzepte vorgelegt haben, gibt es aus Berlin noch immer null. Berlin hat bislang null Elan und null Plan für eine Olympiabewerbung präsentiert und gleichzeitig fehlt eine Milliarde bei kaputtgesparten Sportanlagen“, sagte sie. (taz)

Hiksch: Diese großen sportlichen Ereignisse ziehen mich überhaupt nicht an. Ich war auch noch nie in einem Fußballstadion. Wenn ein paar Millionäre über den Rasen laufen, ist das für mich persönlich nicht so spannend.

taz: Trotzdem berichten viele Menschen, die zum Beispiel Paris 2024 während Olympia besucht haben, von einem unglaublichen Lebensgefühl. Von einer Magie, die durch Olympia entfacht wird. Ist an den Spielen wirklich alles so schlecht?

Hiksch: Ich sage nicht, dass alles schlecht ist. In Paris gibt es auch zwei Sichtweisen. Die Offiziellen, übrigens auch Teile der Stadtverwaltung von Paris, sprachen von einem großen Ruck, der durch die Stadt gegangen ist. Dass viele die Spiele zelebriert haben. Das Gegenteil ist meiner Überzeugung nach richtig.

taz: Inwiefern?

Hiksch: Die Pariser Innenstadt war über Tage und Wochen gesperrt. Pariserinnen und Pariser konnten sich nur schwer zu ihrer Arbeit oder Wohnung bewegen und haben deswegen während dieser Zeit die Stadt verlassen. Außerdem wurden 13.000 Menschen aus der Innenstadt vertrieben, um eine saubere und schöne Stadt zu präsentieren. Die Pariser Polizei hat Menschen ohne Obdach in Busse gesetzt, raus in die Provinz gefahren und den Menschen verboten, sich in der Zeit der Olympischen Spiele in Paris zu bewegen. Durch Olympia wurden dort einfache Leute eingeschränkt und arme Leute vertrieben. Eine solche Stadtentwicklung kann ich mir persönlich nicht vorstellen.

taz: Aktuell laufen in Berlin auch noch zwei weitere Volksbegehren. „Berlin autofrei“ und „Berlin werbefrei“. Diese beiden drohen schon jetzt zu scheitern. Steht hinter NOlympia überhaupt eine breite Bewegung, die sich durchsetzen kann?

Hiksch: Ich denke ja. Unter anderem sind die vier großen Umweltverbände aus Berlin dabei: Wir Naturfreunde, der BUND, der Nabu und die Grüne Liga. Es sind auch die Mietergemeinschaft und eine ganze Reihe von Organisationen dabei. Die Grünen und die Linke stehen hinter dem Volksbegehren, auch die GEW hat bereits den Beschluss gefasst, NOlympia zu unterstützen. Hunderte Menschen warten darauf, endlich mit dem Sammeln der Unterschriften zu beginnen.

taz: Doch laut einer jüngsten Umfrage des Deutschen olympischen Sportbundes (DOSB) stimmen rund 60 Prozent der Ber­li­ne­r:in­nen nun doch für die Spiele in der Hauptstadt. Was sagen Sie dazu?

Hiksch: In dieser Umfrage wurde ganz allgemein gefragt, „Können Sie sich vorstellen, dass Berlin sich eventuell für die Olympischen Spiele bewirbt?“ Da haben natürlich viele Menschen, die sich noch nicht mit den Auswirkungen der Olympischen Spiele beschäftigt haben, vielleicht Ja gesagt. Wenn die Menschen jetzt mitbekommen, was es konkret für Berlin bedeutet, dass wegen Olympia kein Geld mehr für den Breitensport da ist, für den sozialen Wohnungsbau oder um den ÖPNV auszubauen, wird sich diese Stimmung ganz schnell umkehren. Das IOC hatte diese Umfrage selbst beauftragt. Ich nehme sie selbst nicht ernst. Im letzten Jahr hat sich gezeigt, 67 Prozent, also die Mehrheit der Berlinerinnen und Berliner ist gegen Olympia. Die neue Umfrage ist reine Publicity: Das IOC versucht damit, Abstimmungen vor der Entscheidung zu beeinflussen.

taz: Auch Hamburg befindet sich im Rennen um die Olympiabewerbung. Dort findet im Mai ein Bürgerschaftsreferendum statt, das über seine Kandidatur entscheiden soll. Hätten Sie sich auch für Berlin eine Abstimmung „von oben“ gewünscht, anstatt des Volksbegehrens „von unten“?

Hiksch: Dafür kritisiere ich dem Senat nicht, denn vonseiten des Senats oder des Abgeordnetenhauses können in Berlin keine Volksentscheide eingeleitet werden. Erst nachdem genügend Unterschriften gesammelt wurden und diese einer juristischen Prüfung unterzogen wurden, kann es zum eigentlichen Volksentscheid kommen.

taz: Das dauert also noch eine Weile.

Hiksch: Wir werden die Unterschriften sammeln und vor der Sommerpause einbringen. Weil wir auch verhindern wollen, dass sich die Unterschriftenaktion gleichzeitig mit dem zunehmenden Wahlkampf um das Abgeordnetenhaus vermischt. Und wir hoffen natürlich, mit unseren Unterschriften in den Wahlkampf dahingehend eingreifen zu können, dass Parteien sich sehr gut überlegen müssen, wie sie mit ihrer Position zu Olympia umgehen.

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taz: In der ersten Stufe des Volksbegehrens müsstet ihr 20.000 gültige Unterschriften sammeln. Ist das realistisch?

Hiksch: Wir sind der festen Überzeugung, das sehr fix umsetzen zu können. Wir werden auch, nachdem wir am 22. April gestartet haben, ein Sammelwochenende auf der Tempelhofer Freiheit machen und natürlich bei größeren Demonstrationen, die in Berlin stattfinden, unterwegs sein und sammeln. Falls nötig, werden wir auch die zweite Stufe konsequent durchziehen. Wir rechnen damit, dass irgendwann nächstes Jahr, vor oder nach der Sommerpause, Volksabstimmungen stattfinden können.

taz: Solltet ihr 20.000 Unterschriften zusammenbekommen, müsst ihr in der zweiten Stufe innerhalb von vier Monaten rund 180.000 Unterschriften sammeln. Das ist ganz schön sportlich.

Hiksch: Na ja, es geht ja auch um Olympia. Das hat etwas mit Sport zu tun.

taz: Schon im September entscheidet der DOSB, welcher der Bewerber der Austragungsort wird. Sind ihr da nicht zu spät dran mit dem Volksbegehren?

Hiksch: Wir sind da gar nicht spät dran. Falls sich der DOSB für Berlin entscheidet, muss er immer damit rechnen, dass spätestens im nächsten Jahr ein Volksentscheid stattfindet und die Mehrheit der Berlinerinnen und Berliner Nein zu Olympia sagen kann. Dann hätten sie eine Stadt ins Rennen geschickt, die gar nicht in der Lage ist, die Olympischen Spiele durchzuführen. Und wir wollen mit dieser Sammlung der Unterschriften dem IOC auch signalisieren, lasst die Finger von Berlin!

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