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Ex-Nato-Botschafter der USA„Europa ist auf sich allein gestellt“

Der frühere amerikanische Nato-Botschafter Ivo Daalder kommentiert Trumps Rede zum Irankrieg. Für das Verteidigungsbündnis hat er eine klare Vision.

Als Ivo H. Daalder noch Nato-Botschafter der USA war, im Jahr 2012 Foto: Laurie Diefembacq/Belga/imago

Interview von

Hansjürgen Mai

taz: Was halten Sie von Präsident Trumps Rede zum Kriegsgeschehen im Iran?

Ivo Daalder: Ich glaube nicht, dass irgendjemand irgendetwas Neues erfahren hat. Jeder, der auf der Suche nach einer Antwort war – sei es, was dieser Krieg eigentlich erreichen sollte, sei es, wie er enden würde –, dürfte enttäuscht worden sein. Trump behauptete, wir hätten bereits gesiegt, doch seien noch weitere zwei bis drei Wochen Bombardements nötig. Ich bin deshalb – und ich glaube, es geht jedem so, der diese Rede gehört hat – genauso verwirrt, warum wir diesen Krieg überhaupt führen, wie ich es schon zu Beginn vor 32 Tagen war.

taz: Sollten die USA den Krieg wirklich innerhalb der kommenden Wochen für beendet erklären, was genau wäre dann das Resultat?

Daalder: Ein Großteil der militärischen Kapazitäten, über die der Iran am 28. Februar noch verfügte, steht ihm nun nicht mehr zur Verfügung – entweder, weil sie aufgebraucht oder weil sie zerstört wurden. Das bedeutet aber nicht, dass der Iran insgesamt als Bedrohung an Bedeutung verloren hätten. Ich glaube vielmehr, dass die Wahrscheinlichkeit, dass der Iran nun asymmetrische Kriegsführung zu betreiben versucht, gewachsen ist. In gewisser Hinsicht wird die Welt dadurch zu einem gefährlicheren Ort. Auch hat der Krieg die Entschlossenheit und das Bestreben der Iraner, Atomwaffen zu erlangen, noch weiter gefestigt. In zwei Wochen wird die militärische Leistungsfähigkeit des Iran zwar geschwächt sein. Doch die allgemeine Bedrohung, die der Iran auf lange Sicht für die Region und langfristig sogar für die USA darstellt, könnte dann womöglich sogar noch größer geworden sein.

Im Interview: Ivo Daalder

ist ein amerikanischer Sicherheitsexperte und Diplomat. Von 2009 bis 2013 war er in der Regierung von Präsident Barack Obama Botschafter beim Nato-Rat in Brüssel.

taz: Trump hatte vor seiner Rede in einem Interview erklärt, dass er ernsthaft darüber nachdenke, der Nato den Rücken zu kehren. Doch jetzt erwähnte er die Nato gar nicht. Was heißt das?

Daalder: Ich messe dem keine große Bedeutung bei. Der Präsident gibt seit Jahren unmissverständlich zu verstehen, dass er in der Nato keinerlei Nutzen sieht; dass er sie für eine Organisation hält, die den amerikanischen Steuerzahler nur Geld kostet, den USA aber keinerlei Vorteile bringt. Er betrachtet die Ereignisse der letzten vier Wochen als eine Bestätigung seiner Ansicht, die er schon lange vertritt.

taz: Hat die Nato ohne klare Rückendeckung der USA denn überhaupt eine Zukunft?

Daalder: Ja, das hat sie. Es bedeutet lediglich, dass die militärische Rolle, die die Vereinigten Staaten bislang gespielt haben – eine äußerst bedeutende Rolle –, künftig zunehmend von den Europäern übernommen werden muss und von den Kanadiern natürlich. Warum sollten sie dazu nicht in der Lage sein? Es gibt keinen Grund, warum die europäischen Volkswirtschaften, die europäische Rüstungsproduktion und die europäischen Verteidigungsfähigkeiten nicht auf das notwendige Niveau ausgebaut werden könnten, um Europa gegen einen russischen Angriff zu verteidigen. Ich bin fest davon überzeugt, dass es im amerikanischen Interesse liegt, eine starke Beteiligung an einer starken Nato zu haben. Aber wenn dies in den nächsten Jahren nicht mehr der Fall ist, bedeutet das nicht, dass die Nato verschwindet.

taz: Haben die Europäer die Botschaft ihrer Meinung nach auch verstanden?

Daalder: Ja, ich glaube, das haben sie. Ich denke, es war tatsächlich Grönland, das diese Erkenntnis wirklich verankert hat. Der aktuelle Krieg untermauert dies nur noch zusätzlich. Die Erkenntnis, dass die Vereinigten Staaten im Grunde nicht mehr die Führungsmacht des Westens darstellen – und auch kein vertrauenswürdiger, verlässlicher Bündnispartner mehr innerhalb der Nato sind –, hat sich unter den Europäern mittlerweile weitgehend durchgesetzt. Zwar gibt es nach wie vor Versuche, den Anschein zu wahren, die USA seien weiterhin an Bord. Doch gleichzeitig lautet das Fazit der Europäer meiner Meinung nach: Wir sind auf uns allein gestellt.

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1 Kommentar

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  • Ein Verbündeter der einen Krieg vom Zaun bricht, ohne vorher die verbündeten Nationen zu konsultieren, ist im Grunde kein Verbündeter mehr, denn er stürzt mutwillig die Welt in eine nicht vorhersehbare Krise mit offenem Ausgang. Das ist zutiefst unanständig und verwerflich. Trump soll froh sein, dass die Europäer die amerikanischen Truppen nicht schon vor die Tür gesetzt haben. Wenn Ramstein oder Souda in Kreta für die Amerikaner geschloßen würden, wären alle Aktionen im mittleren Osten kaum mehr möglich. Ersatz für den angerichteten Schaden zu fordern, könnte sich Europa, aber auch SüdOst-Asien überlegen. Ganz zu schweigen vom Iran.