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Genozid-GedenkenAls Ruandas Witwen nicht mehr schwiegen

Der Völkermord an den Tutsi in Ruanda 1994 hinterließ unzählige Witwen. Sie trockneten ihre Tränen und organisierten sich - und veränderten das Land.

Esther Mujawayo verlor beim Völkermord an den Tutsi in Ruanda fast ihre ganze Familie und gründete danach eine Witwenorganisation Foto: Jessica Gow/TT/imago

E s gab in Ruanda noch kein Wort für „Völkermord“, als im Frühjahr 1994 bis zu eine Million Tutsi systematisch getötet wurden – zerhackt, erschlagen, erschossen, totgeprügelt, verstümmelt, ertränkt, verbrannt, lebendig begraben, zerrissen, erhängt. Es gab auch kein Wort für „Trauma“, als Ruandas Tutsi-Guerilla RPF im Sommer 1994 das Land eroberte und die für den Völkermord verantwortliche Armee und Hutu-Milizen nach Kongo verjagte. Gerade rechtzeitig, bevor alle Tutsi tot waren.

In Ruandas traditioneller Kultur spricht man nicht über schlimme Erlebnisse, schreibt die Völkermordüberlebende Esther Mujawayo in ihren Memoiren: „Was du für dich in deinem Bauch behältst, das kann dir niemand nehmen. Aber was wir im Genozid durchlebt und überlebt haben, das kann kein Mensch in einem Bauch behalten, sonst würde alles im Bauch explodieren.“

Direkt nach dem Genozid sind 70 Prozent der Bevölkerung Ruandas Frauen. Viele von ihnen sind Witwen, viele Tutsi-Frauen haben alles verloren. Ihre Familien sind tot. In ihren alten Häusern leben Mörder, unbehelligt. Die Leichen des Mannes und der Kinder und der Tanten und Onkel und Neffen und Nichten und Schwiegereltern und Freunde und Bekannten verwesen alle irgendwo, verscharrt vielleicht direkt unter der Erde, oder in der Latrine im Garten, oder hinter den Bananenstauden am Haus - wo genau, wissen nur die Mörder, aber sie verraten es nicht und die neue RPF-Staatsmacht hat andere Sorgen.

wochentaz

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Esther Mujawayo berichtet, wie sie Tutsi-Witwen in verlassenen Schweineställen vorfand – Autos von Hilfswerken brausten blind an der Straße vorbei, auf dem Weg in ein Lager für flüchtige Hutu. Wie kommt man damit klar, ohne dass „alles im Bauch explodiert“?

„Es gab nur Weinen“

„Es gab nur Weinen, Weinen, Dunkel“, erinnert sich im Gespräch Denise Uwimana, selbst Völkermordwitwe, die im äußersten Südwesten des Landes ihren Mann und weitere Angehörige verlor und im Versteck ihr drittes Kind zur Welt brachte. „Man wusste nicht, was kommt“. Denn auch nach dem Ende des Völkermordes wurden Überlebende immer wieder von marodierenden Tätern angegriffen, und die Frauen ohne Angehörige waren schutzlos. Irgendwann begannen die Witwen, sich zu treffen: „Im Dorf, nachts. Denn am Tag hatten wir Angst, dass die Mörder uns wiederfinden. Wir haben darüber gesprochen, wie wir leben: alleine.“

Was wir im Genozid durchlebt haben, das kann kein Mensch in einem Bauch behalten

Esther Mujawayo

Auch Esther Mujawayo, die fast ihre gesamte Großfamilie verlor, erinnert sich an ihre ersten Witwentreffen. In einem Vortrag schildert sie: „Wir sind zusammengekommen und wir haben angefangen zu weinen. Zu erzählen, zu reden. Und langsam haben wir gemerkt: Die Frauen haben überlebt, weil sie vergewaltigt wurden. Jeden Tag, für drei Monate.“

Aus den Witwentreffen wurde die Witwenorganisation Avega (Association des Veuves du Génocide), Verband der Witwen des Völkermordes vom April. Amahozo, der ruandische Zusatz des Namens, bedeutet: Trockne deine Tränen. Die Organisation wurde am 15. Januar 1995 in Kigali gegründet, Esther Mujawayo wurde Vizepräsidentin. Avega machte schnell von sich reden. Am 6. April 1995, zum ersten Völkermordjahrestag, schrieb Mujawayo in der taz, ihr Verband habe im März eine Demonstration organisiert, damit die neue Regierung Verantwortung für die Witwen übernimmt. Die Frauen wollten nicht mehr schweigen.

„Wir müssen die Leute begraben, wir müssen die Gräber unserer Familien markieren“, berichtete Mujawayo. „Meine Tante wurde auf einer Toilette umgebracht, also haben wir sie überdacht und gekennzeichnet.“ Und sie beschrieb die Wut der Überlebenden: „In meinem Elternhaus ist nichts mehr übrig - nur ein paar Ziegelsteine. Daneben sind zwei Häuser, die den Mördern gehören - wenn ich nun hinginge und die Häuser zerstörte, würde man mich verhaften, aber diese Leute haben meine Familie umgebracht und werden nicht bestraft. Die Politiker reden vom Zusammenleben, aber das ist Gerede – die Wirklichkeit ist viel schwerer.“

Mujawayo ließ sich in Großbritannien als Traumatherapeutin schulen und machte mit ihren Freundinnen aus Avega einen großen Verband mit inzwischen Zehntausenden Mitgliedern. Es gibt Selbsthilfeprojekte, Rechts- und Gesundheitsberatung, Unterstützung im Alltag, Witwen nehmen Waisen auf.

Denise Uwimana mit einer Bewohnerin der Seniorenresidenz ihres Witwenverbandes in Mukoma, Ruanda Foto: Denise Uwimana
der anstoß

Wie beginnt Veränderung? In der Kolumne „Der Anstoß“ erzählen wir jede Woche von einem historischen Moment, der etwas angestoßen hat.

„Die Witwen haben sich entwickelt“, bilanziert auch Denise Uwimana, die ihren eigenen christlich orientierten Witwenverband gegründet hat, Iriba Shalom – Quelle des Friedens. Anders als in den ersten Jahren kann man heute die Toten begraben und beweinen, stellt sie fest und erzählt von ihrer 100-jährigen Schwiegermutter, die in einer von ihrem Witwenverband eingerichteten Seniorenresidenz lebt: Neulich sang dort vor den alten Frauen ein Chor von Kindern der Mörder. Ein Völkermordtäter fragte die Witwen, ob sein Sohn bei ihnen seine Hochzeit ausrichten kann. Nach einigem Überlegen sagten sie: ja. Man müsse das Böse mit Gutem überwinden, sagt Denise Uwimana, mit den Nachbarn gut umgehen statt böse wie 1994.

Die Alten sind Heldinnen eines Kulturwandels, der die ruandische Gesellschaft von den Rändern aus ergriffen hat. Das Gedenken an den Genozid von 1994 beginnt in Ruanda jedes Jahr am 7. April. Viele der Witwen von damals leben nicht mehr. Aber sie haben das Land verändert. Ruanda hat den höchsten Frauenanteil im Parlament weltweit und gilt als führend bei der Gleichstellung von Frauen – gleiche Erbrechte seit 1999, gleiche Landrechte seit 2005, Förderprogramme für Alleinstehende, um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Das wäre ohne die Witwenverbände nicht denkbar gewesen, ebenso wenig der Umstand, dass viel mehr Frauen heute in Ruanda selbstbewusst und eigenständig auftreten und auch prägen, wie in der Gesellschaft über die dunkle Vergangenheit gesprochen wird. All das liegt auch an Gesichtern wie Esther Mujawayo und Denise Uwimana, die beide heute in Deutschland leben.

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Dominic Johnson
Ressortleiter Ausland
Seit 2011 Co-Leiter des taz-Auslandsressorts und seit 1990 Afrikaredakteur der taz.
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1 Kommentar

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  • Den Überlebenden alles Gute, den TäterInnen die Selbsterkenntnis.