Rekrutierung für Bundeswehr: „Klar, bei der Bundeswehr schießt man“
Warum entscheiden sich junge Menschen für eine Laufbahn bei der Bundeswehr? Ein Besuch im Karrierebüro der deutschen Armee.
Vieles erinnert an ein Bewerbungsgespräch: Seine Hände hat Leon ineinander verschränkt auf den Tisch gelegt, er bewegt sich kaum. Der 19-Jährige ist sichtlich bemüht, nichts Falsches zu sagen, die richtigen Antworten zu geben. Ihm gegenüber sitzt Stabsfeldwebel Uwe. Er führt hier, in einem unscheinbaren Bürogebäude in Berlin-Mitte, Karriereberatungen durch. Uwe hat einen grauen Vollbart und Glatze, trägt eine Uniform im Camouflage-Muster. In der Zeitung möchten beide nur beim Vornamen genannt werden.
Dass die deutsche Armee ein Nachwuchsproblem hat, ist spätestens seit der Debatte über die Wiedereinführung der Wehrpflicht bekannt. Anfang des Jahres verfügte das Heer über rund 180.000 aktive Soldat*innen – bis 2035 soll diese Zahl auf 260.000 ansteigen. Der Unterschied zu regulären Bewerbungsgesprächen ist deshalb auch klar: Nicht der Bewerber muss sich anstrengen, sondern die Bundeswehr als Arbeitgeber.
Doch Leon scheint sich seiner Sache ohnehin sicher zu sein: Er habe einen erweiterten Hauptschulabschluss und gerade erst seine Ausbildung zum Koch abgeschlossen – ein Beruf, in dem er für sich allerdings keine Perspektive sehe. „Ich arbeite gerne an der frischen Luft“, sagt Leon. Bei der Bundeswehr interessiere er sich für eine Ausbildung im Bereich Logistik, alternativ auch für eine Laufbahn als Feldjäger. Sein Vater sei selbst bei der Bundeswehr gewesen, mit einem Freund habe er sich bereits ausgetauscht. Bis zu acht Jahre möchte er sich verpflichten. Da er ohnehin gerne Sport treibe, würde ihm die Grundausbildung sicher viel Spaß bringen, schließt der 19-Jährige seine Motivationsrede.
Sollte sich Leon tatsächlich für die Bundeswehr entscheiden, wäre er einer von etwa 16.000 Menschen, die sich in diesem Jahr schon für eine militärische Laufbahn beworben haben. Im Vergleich zum Vorjahr ist das ein Anstieg um 20 Prozent. Aber ob das ausreicht, um die Ziele der Bundesregierung zu erreichen, ist mehr als fraglich.
Wichtigstes Argument: Das Gehalt
Mit seiner positiven Einstellung gegenüber einer Karriere bei der Bundeswehr sei Leon unter jungen Menschen eher die Ausnahme, sagt Hendrick Hegemann. Er forscht am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg zu gesellschaftlichen Debatten rund um den Wehrdienst – einem Thema, das er regelmäßig auch an Schulen bespricht. Dort nimmt er ein großes Interesse an den Diskussionen wahr, aber auch eine ambivalente Stimmung: Die meisten Schüler*innen wollten selbst nicht zur Bundeswehr, nähmen aber auch nicht an den „Streiks gegen die Wehrpflicht“ teil, fasst Hegemann zusammen.
Diese Haltung der Jugendlichen beschreibt er als „Ja, aber“: Ja, die Schüler*innen nähmen die geopolitischen Entwicklungen wahr und fänden auch, dass man sicherheitspolitisch darauf reagieren müsse. Warum sie aber selbst zur Bundeswehr gehen sollen, sehen die Jugendlichen nicht ein. Schließlich kümmere sich die Politik auch nicht um ihre Interessen: Wenn der Staat sich nicht für uns interessiert, warum sollten wir für ihn in den Krieg ziehen? So lautet das Argument, das auch von vielen jungen Wehrdienstgegner*innen angeführt wird.
Leon sieht es anders. Im Gespräch mit der taz lässt der 19-Jährige durchblicken, warum er wirklich zur Bundeswehr will: Der Arbeitsmarkt für Köch*innen sei „scheiße“, nach seiner Ausbildung müsste er sich für den Mindestlohn „kaputt schuften“. Er habe deshalb überlegt, in die Pflege zu wechseln, dort bestehe ja Personalbedarf, habe er gehört. Ein Quereinstieg sei allerdings nicht möglich, eine weitere Ausbildung finanziell nicht zu stemmen – er habe eine kleine Tochter. Die Kombination aus Gehalt und Ausbildungsmöglichkeiten bei der Bundeswehr sei unschlagbar. Folglich habe er sich für diesen Weg entschieden. Und seine Partnerin sei auch dafür.
2.400 Euro Netto plus Kinderzuschlag könnte Leon zu Beginn der Grundausbildung verdienen, rechnet Staatsfeldwebel Uwe in seinem Büro vor. Sogar Leons Kind könne über ihn mitversichert werden. „Muss mene Kleene dann auch zum Truppenarzt?“, fragt der 19-Jährige. Die Antwort, dass seine Tochter als normale Privatpatientin überall behandelt werden kann, stellt Leon zufrieden. Uwe erzählt derweil weiter, vom kostenlosen Bahnfahren in Uniform.
Hendrick Hegemann, Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik, Universität Hamburg
Das gute Gehalt, Zuschüsse zum Führerschein oder Ausbildungsmöglichkeiten betone die Bundeswehr gezielt, um junge Menschen anzuwerben, erklärt Politikwissenschaftler Hegemann. „Benefits“ heißt sowas heute in der Wirtschaftssprache. In den Rekrutierungsstrategien der Armee spielten die finanziellen Anreize eine zentrale Rolle. Auch ein Interesse an Technik, Abenteuern oder körperlicher Fitness könne junge Menschen von einer Laufbahn bei der Bundeswehr überzeugen.
„Soldatentypische Aufgaben“
Einige junge Menschen leiteten die Notwendigkeit ihres Engagements allerdings auch aus der sicherheitspolitischen Lage ab, sagt Hegemann. Auch wenn sich die jungen Leute der möglichen Folgen bewusst sein mögen, sieht er die Bundeswehr trotzdem dazu verpflichtet, mit offenen Karten zu spielen: „Es ist wichtig, dass die Bundeswehr ehrlich ist und klarmacht, welche Risiken die Weltlage birgt“, sagt der Wissenschaftler. Seit der russischen Annexion der Krim, spätestens aber seit der Vollinvasion in der Ukraine, gehe die Entscheidung, sich zu verpflichten, mit einem anderen Risiko einher als vorher. Im Kriegsfall bedeutet Soldat sein: kämpfen, töten, getötet werden.
„Klar, bei der Bundeswehr schießt man, geht ins Ausland und erledigt soldatentypische Aufgaben“, sagt Uwe, während er mit seinem Stift immer wieder auf die Folien auf seinem Bildschirm zeigt – die aktuelle trägt die Überschrift „Berufsbild Soldat“. Trump und Putin allerdings spielen an diesem Vormittag im Karrierebüro in Berlin-Mitte keine Rolle. Ob es auch bereits in der Grundausbildung zu Auslandseinsätzen kommen könne, fragt Leon immerhin. Stabsfeldwebel Uwe antwortet uneindeutig. Später stellt die Pressestelle klar: „Nein, grundsätzlich werden Sie für Ihre Verwendung ausgebildet und erst danach entsprechend eingesetzt.“
Nach einer knappen Stunde hat Leon keine Fragen mehr. In seinem Wunschbereich Logistik gibt es für ihn genügend freie Ausbildungsplätze – auch in Brandenburg und damit nicht allzu weit entfernt von seiner Tochter, die er womöglich bald nur noch am Wochenende sehen wird. Der Juli als Beginn für die Ausbildung sei durchaus realistisch, findet Uwe und fragt: „Möchten Sie die Bewerbungsunterlagen haben?“ Leon antwortet: „Ja, bitte. Ich kümmere mich direkt darum.“
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