Missbrauch in der katholischen Kirche: Systematischer Täterschutz
Neue Studie legt „Vertuschungsspiralen“ im Erzbistum Paderborn offen. Betroffene von sexualisiertem Missbrauch stießen lange Zeit auf taube Ohren.
epd/dpa/taz | Nach der Veröffentlichung einer neuen Missbrauchsstudie für das Erzbistum Paderborn hat Erzbischof Udo Markus Bentz um Verzeihung gebeten und Konsequenzen angekündigt. Die Studie zeige, dass Vorfälle verharmlost und bagatellisiert worden seien, sagte Bentz am Freitag in Paderborn. „Es ist mir persönlich wichtig, um Verzeihung zu bitten – im Namen der Kirche von Paderborn.“
Vor allem Priester, aber auch andere Mitarbeitende im kirchlichen Dienst hätten laut der Studie Kinder, Jugendliche und Schutzbefohlene missbraucht und seien schuldig geworden, sagte Bentz. Schuldig geworden seien auch Verantwortliche im Erzbistum. Es gehe nicht nur um individuelles Fehlverhalten, sondern um institutionelles Versagen.
Laut der am Donnerstag von der Universität Paderborn vorgestellten Studie haben im Erzbistum Paderborn in den Jahren 1941 bis 2002 deutlich mehr Priester Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht als bisher bekannt. Bislang galten laut 2018 veröffentlichen Zahlen der Deutschen Bischofskonferenz für diesen Zeitraum 111 Priester als Beschuldigte.
„Diese Zahlen sind stark zu korrigieren“, sagte die Mitautorin und Historikerin Nicole Priesching. Jetzt gebe es Hinweise auf 210 Beschuldigte, die 489 Kinder und Jugendliche missbraucht haben sollen. Aufgeteilt auf die Amtszeiten der Kardinäle Lorenz Jaeger und Johannes Joachim Degenhardt nannte Priesching ebenfalls Zahlen. Unter Jaeger (1941-1973 im Amt) wurden 144 Priester beschuldigt, 316 Kinder missbraucht zu haben. Bei Degenhardt (1974 bis 2002) waren es 98 Beschuldigte und 195 Betroffene.
Vertuschung und Täterschutz durch Kardinäle
Unter beiden Kardinälen sei versucht worden, die Fälle zu vertuschen und die Täter zu schützen. Die Opfer und deren Familien seien unter Druck gesetzt worden, die Anzeigen zurückzuziehen, sagte die Historikerin Priesching. Wenn Priester geständig waren, die Fälle aber in der Öffentlichkeit noch nicht bekannt waren, hätten sie ihre Arbeit in der Regel fortsetzen können.
Das soziale Umfeld in den katholischen Kirchengemeinden habe dafür gesorgt, dass die Opfer den Beschuldigten weiter ausgeliefert blieben. Ihnen sei suggeriert worden, dass sie selbst schuld seien. Sie hätten sich dreckig gefühlt und gedacht, jeder gucke auf sie. Ein Opfer habe ihr berichtet, wie ein Priester vor ihm masturbiert habe. Als das Kind dann geweint habe, habe der Geistliche weiter Spaß gehabt. „Dann war die Kinderseele zerstört“, sagte Priesching.
Unter dem erzkonservativen Kardinal Degenhardt hätten auch Therapien für die Priester nur dazu gedient, dass sie ihre Arbeit anschließend fortführen konnten. Das Schlimmste, was sie bei ihrer Forschung gelesen habe, sei ein Brief von Degenhardt an einen gerade verurteilten Priester gewesen. „Darin teilte der Kardinal dem Kleriker sein ganzes Mitgefühl mit“, sagte die Studienautorin. „Danach konnte ich eine Nacht nicht schlafen.“
Für die Studie haben die Wissenschaftlerinnen zahlreiche Interviews mit Opfern und Personalverantwortlichen des Bistums geführt, schriftliche Quellen ausgewertet wie Personalakten, aber auch bislang geheime Akten eingesehen. Priesching geht davon aus, dass die Zahlen der Beschuldigten und Opfer noch deutlich höher liegen als nunmehr bekannt. „Beim Dunkelfeld können wir nur spekulieren“, sagte Priesching.
Sie bedankte sich ausdrücklich bei den Opfern, die sich für die Interviews gemeldet haben. Für das Jahr 2027 kündigte die Professorin die zweite Studie an. In dieser Arbeit geht es um die Zeit von Hans-Josef Beckers. Der noch lebende Erzbischof war von 2002 bis 2022 im Amt.
Viele Betroffene bis heute schwer traumatisiert
Im benachbarten Bistum Münster war 2022 eine unabhängige wissenschaftliche Studie zu sexuellem Missbrauch vorgestellt worden. Zwischen 1945 und 2020 gab es nach den Untersuchungen des fünfköpfigen Forscherteams mindestens 196 Kleriker als Täter und 610 minderjährige Opfer von sexuellem Missbrauch. Nachweisen konnten die Forscher:innen auch hier jahrzehntelanges Versagen in der Bistumsleitung, Vertuschen und Strafvereitelung durch Personalverantwortliche in verschiedenen Fällen.
Angesichts der neuen Paderborner Studie fordern Betroffenenvertreter schnellere Hilfen. Reinhold Harnisch, der der unabhängigen Aufarbeitungskommission für das Erzbistum Paderborn angehört, sprach von einem wichtigen Meilenstein, der die Aufarbeitung „richtig in den Fokus rückt“, sagte er WDR2.
„Das ist schon eine schlimme Situation, wenn man das mit sich rumträgt. Und jeder hat andere Bewältigungsstrategien“, sagte Harnisch. Viele Opfer seien „so schwer traumatisiert, dass sie den Weg ins Leben gar nicht richtig gefunden haben, dass sie heute in prekären Verhältnissen leben, dass sie ganz schwer geschädigt sind und gar nicht ihre Stimme erheben können, gar nicht sprechen können“, verdeutlichte er. Sie öffneten sich in Betroffenentreffen und seien froh, das jemand für sie spreche.
Zuvor hatte Harnisch bereits in der WDR-Lokalzeit OWL deutlich gemacht: „Wir erwarten schon, dass das Erzbistum in Paderborn Verantwortung für die Fälle übernimmt, nicht an andere Institution die Verantwortung delegiert, sondern das, was der Erzbischof entscheiden kann, das soll er am besten auch vor Ort selber entscheiden, damit es zu schnellen Lösungen für Betroffene kommt.“
Kirchliche Unterstützung von Opfern nicht ausreichend
Matthias Katsch von der Betroffenen-Initiative „Eckiger Tisch“ äußerte sich im WDR5: „Es ist leider aber so, dass die Frage der Fürsorge, der Unterstützung, auch der Entschädigung von Opfern längst noch nicht so weit ist, wie man sich das eigentlich vorstellen würde, angesichts des Ausmaßes nicht nur der Verbrechen, sondern auch des Systemversagens, was dahinter steckt.“
Dafür müsse die heutige Kirche die Verantwortung übernehmen, da die Verantwortungsträger der Vergangenheit nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden könnten. „Dafür hat dieser elend lange Prozess ja gesorgt, dass da niemand mehr da ist, an den man sich wenden könnte“, sagte Katsch.
Das Erzbistum Paderborn kündigte für die vertiefte Auseinandersetzung mit der Studie Informations- und Unterstützungsangebote an. Mit den Erkenntnissen der Studie solle der bisherige Weg der Aufarbeitung kritisch abgeglichen werden. So solle etwa die Priesterausbildung im Erzbistum auf den Prüfstand.
Erzbischof Bentz verwies auch auf ein kürzlich gegründetes Therapienetzwerk des Erzbistums sowie auf seelsorgerliche Begleitung und Unterstützung bei der Anerkennung des Leids. Zudem kündigte Bentz eine Bewertung der Studie gemeinsam mit der Unabhängigen Aufarbeitungskommission an.
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