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Windstrom von Nord nach Süd bringenSchneise durch den Lübecker Wald nicht alternativlos

Stromnetzbetreiber Tennet will Bäume in altem Wald fällen, statt mit Land­wir­ten über anderen Trassenverlauf zu reden. Ein breites Bündnis wehrt sich.

Gegen die Stromtrasse: Mehr als 100 Menschen sind gekommen, um für den Erhalt des Lübecker Stadtwalds zu demonstrieren Foto: Holger Braack

Mehr als 100 Menschen haben am Donnerstag für den Erhalt des Lübecker Stadtwalds demonstriert. Das Waldstück am Rand der Stadt gehört zu den wenigen naturnahen Wäldern Deutschlands und war durch seine Lage an der innerdeutschen Grenze jahrzehntelang unberührt geblieben. Quer hindurch will Stromnetzbetreiber Tennet die Elbe-Lübeck-Leitung mit mehreren Masten führen und dafür eine Fläche von fünf bis zehn Hektar roden.

Die Elbe-Lübeck-Leitung, die vom Umspannwerk Lübeck West bis zur Elbe reicht, spielt eine wichtige Rolle dabei, Windstrom aus dem Norden in den Süden zu bringen. Die Mitglieder des breiten Bündnisses gegen die Trasse durch den Stadtwald stellen aber eine grundsätzliche Frage: Muss beim Konflikt zwischen Energiewende und Umweltschutz immer die Natur zurückstehen oder gibt es Alternativen?

Am Morgen danach, nach Demo, Besuch von Schleswig-Holsteins Umweltminister Tobias Goldschmidt (Grüne) und feierlicher Übergabe einer 7.285 Namen langen Unterschriftenliste, sind Sarah Kolbe, Sigrid Strehler und Lutz Fähser vor allem eines: weiter kämpferisch. Die drei gehören zum Bündnis „Lübecker Stadtwald retten“, einer von zahlreichen Gruppen und Einzelpersonen getragenen Initiative, die den Bau der Stromtrasse verhindern will.

„Tragisch ist der Verlust von Wald in jedem Fall, aber hier besonders“, sagt Fähser. Der ehemalige Forstdirektor hatte 1994 im Stadtwald die naturnahe Bewirtschaftung eingeführt. Bis heute ist der Lübecker Forst damit ein bundes- und inzwischen sogar EU-weites Modell für den Umgang mit Baumbeständen. Das Bündnis schlägt daher eine Umgehung vor.

Tragisch ist der Verlust von Wald in jedem Fall, aber hier besonders

Lutz Fähser, ehemaliger Forstdirektor, der 1994 im Stadtwald die naturnahe Bewirtschaftung einführte

Doch für die Firma Tennet ist die Axt im Walde offenbar der einfachere Weg. Bauleitplaner Philipp Schröder sagte dem NDR: „Im Bereich der Umgehungstrasse werden mehrheitlich private Flächen in Anspruch genommen.“ Die „eigentumsrechtlichen Belange“ sprächen „deutlich“ gegen die Variante.

Tatsächlich wären mehrere private Be­sit­ze­r:in­nen betroffen. Elf Land­wir­t:in­nen haben die Bündnismitglieder ausgemacht und einfach mal angerufen. „Sechs haben gesagt, sie könnten es sich vorstellen, drei waren dagegen, zwei weitere haben sich nicht geäußert“, berichtet Strehler. „Aber das war nur ein erstes Telefonat.“ Bei ernsthaften Gesprächen und Entschädigungsangeboten ließen sich die Zögernden vielleicht überzeugen. „Dafür müsste man eben mal vorbeigehen und mit den Leuten reden.“

Umgehungsvariante offenbar nie geprüft

Aber offenbar wurde die Umgehungsvariante nie auch nur geprüft, sagt Sarah Kolbe, die Gründerin des Bündnisses „Lübecker Stadtwald retten“. Wie die Trasse um den Wald herumführen könnte, haben Bündnismitglieder erarbeitet. Würden die Masten auf Feldern errichtet, wären sie weit besser zugänglich, nicht nur in der Bauphase, sondern auch später für Reparaturen. Der Trassenverlauf wäre kaum länger, und das Argument, die Strecke sei nicht mehr schnurgerade, nennt Fähser vorgeschoben: „Bei 80 Kilometern gibt es immer Knicks und Bögen.“

Seit gut einem Jahr kämpft das Bündnis gegen die geplante Trasse durch den Wald. Nun steht immerhin ein neuer Vorschlag im Raum: Die Leitung könnte auf hohen Masten über die Bäume geführt werden. Ein „guter Kompromiss“, sagte Schleswig-Holsteins Umwelt- und Energiewendeminister Tobias Goldschmidt (Grüne) im taz-Interview: „Statt dauerhaft zehn Hektar Wald müssten nur fünf Hektar Wald in Anspruch genommen werden, und das auch nur zeitweise. Der Großteil der Fläche kann wieder aufgeforstet werden.“

Diese Meinung teilt inzwischen auch die Stadt Lübeck. Im Juli 2025 hatte sich die Ratsversammlung noch für die Nord-Umgehung ausgesprochen. Im November erklärte Umweltsenator Ludger Hinsen (parteilos): „Der Schutz des Stadtwalds hat für uns hohe Priorität. Wenn sich durch eine technische Lösung wie die Waldüberspannung ein deutlich geringerer Eingriff in den Naturraum erreichen lässt, ist das der verantwortungsvollere Weg.“ Ziel der Stadt sei es, „die Energiewende zu unterstützen – mit größtmöglicher Rücksicht auf Natur- und Eigentumsbelange“.

Statt dauerhaft zehn Hektar Wald müssten nur fünf Hektar Wald in Anspruch genommen werden, und das auch nur zeitweise. Der Großteil der Fläche kann wieder aufgeforstet werden.

Tobias Goldschmidt, Grüne, Schleswig-Holsteins Umwelt- und Energiewendeminister, über den Vorschlag, Die Leitung auf hohen Masten über die Bäume im Stadtwald zu führen

Auch das Bündnis will die Energiewende. „Wir sind nicht gegen die Trasse“, betont Fähser. Doch der vorgeschlagene Kompromiss sei keiner. „Es ist ein altbekanntes Spiel von Firmen und Planungsbehörden, erst einen Gruselvorschlag vorzulegen. Wenn die erwartbaren Proteste kommen, knickt man scheinbar ein und tut das, was man ohnehin tun wollte.“ Nur sei die Idee einer Überleitung weder nachhaltig noch wirtschaftlich sinnvoll: „Die Region heißt nicht ohne Grund Lübeck-Moorgarten. Schwere Masten auf sumpfigem Grund, das kann nicht klappen.“ Die Politik in Stadt und Land sei vor Tennet eingeknickt, kritisieren die Bündnismitglieder.

Sie wollen weitermachen. Mit Öffentlichkeits- und Überzeugungsarbeit, aber auch auf andere Weise. Denkbar ist eine Klage gegen die Planung. „Und wir haben auch Menschen in der Gruppe, die auf Bäume klettern können“, sagt Strehler. Sarah Kolbe sieht im Kampf um den Lübecker Wald mehr als einen Einzelfall: „Die Frage lautet, wie wir in Zeiten der Krise mit der Natur umgehen.“

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7 Kommentare

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  • Obwohl der Trassenverlauf sogar verlinkt ist, schlecht recherchiert: Das Bartelsholz, durch das die Leitung gebaut werden soll, ist zwar Teil des Lübecker Stadtwalds, allerdings nicht an der ehemaligen innerdeutschen Grenze gelegen. Es ist ein isoliertes Fleckchen Wald von etwa einem Quadratkilometer, was das Fällen der Bäume dort nicht weniger tragisch macht, aber auch nicht so katastrophal wie suggeriert. Ich hoffe es kann drumherum gebaut werden. Die Landwirte hier oben sitzen auf vergoldetem Boden und wären dumm, wenn sie ein Angebot für die Trassenführung ablehnen würden.

  • Haetten sie doch mal geplant, auf die Strommasten so kleine 10cm Spielzeugwindraeder draufsetzen, und alles waere in Ordnung gewesen ;-)

  • Und so macht der Umweltschutzt den Umweltschutz kaputt. Solche Projekte haben jahrzehntelangen Vorlauf und nu muss sich auch noch jahrzehntelang mit Grundstücksbeseitzern geeeinigt werden. Und am Ende wird gefragt warum das alles so lange dauert und wir deswegen die Zele verfehlen.



    Und je länger es dauert desto mehr Chancen hat der politische Wind Zeit sich zu drehen.

    • @metalhead86:

      Liggers. But



      Herr Metalschädel - wie hättens des denn gern?



      Par ordre mufti? Dr Lampenschirm 🥬 shorty?



      Frag janur - war einige Jährchen in Westfälisch Sibirien für sojet als Richter zuständig! Woll

  • Jeder Baum, der gefällt wird, ist ein großer Schaden fürs Klima, egal wieviel danach aufgeforstet wird. Denn selbst wenn man es richtig macht -- also nur standortheimische Bäume sät bzw. einfach von selbst kommen lässt --dauert es viele Jahrzehnte, bis wieder ein gleichwertiger Wald mit der selben Kohlenstoff-Aufnahmeleistung entstanden ist. Aber wir müssen das Klima jetzt schützen. Also lasst alle Bäume stehen und gebt lieber den Landwirten eine fette Entschädigung. Denn weil der Staat -- bestehend aus Regierung und Zentralbank -- das Geldschöpfungsmonopol hat, kann ihm nie das Geld ausgehen (Artikel: "Zentralbanken schöpfen das Geld mit der Tastatur" und "Ressourcen sind endlich, Geld ist es nicht")

  • Der Einwand mit dem Moor ist mE berechtigt.



    Das Deepenmoor ist near by.



    Wo einst der Marienkirchenfälscher Malskat auf stacheldrahtbewehrten kleinen Inseln mit seinen Hunden hauste & wir Jugendbanden in Stadtwald & Lauerholz unser Unwesen trieben & unsere Kämpfe ausfochten.



    Was ich nicht verstehe - daß müßte doch Teil eines Planungsverfahrens sein - odr?



    Und sind Goldschmidt & Hinsen angesichts einer Endmoränenlandschaft wirklich so naiv ohne Bodengutachten für die anvisierten Standtorte der Masten dieser Lösung den Vorzug zu geben?

    kurz - dranbleiben, Rechtswege ausschöpfen



    Drücke die Daumen 👍

    unterm——-Malskat



    www.google.com/img...s=0d4e1d2845b211df



    Btw “Ritbrookpfad“ - wo ich einst im Medebach Wasserspitzmäuse am/im Ufer Stichlinge im💦👀

  • Unbedingt schützen!



    .



    Einfach, weil das Geldargument nicht zieht. Hier wird gerade eine Nord-Südtrasse in der Bayern-Variante vorbereitet. Also Erdkabel. Kilometerweise verlegt in privaten Äckern. Alle 100m Probebohrungen. Sprich, Kosten ohne Ende. Für einen Bruchteil der Kosten kann man den Wald stehen lassen und eine oberirdische (!) Leitung etwas länger werden lassen.