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Die WahrheitStaatliches Sandmännchen

Vor 69 Jahren endete ein bizarres TV-Ritual: Bis dahin war die BBC gesetzlich dazu verpflichtet, für eine Stunde das Fernsehprogramm zu unterbrechen.

D ie Diskussionen, ob der Zugang zu sozialen Medien für Jugendliche unter 16 Jahren verboten werden soll, löst bei über 70-jährigen Briten und Britinnen amüsierte Erinnerungen aus. Vorigen Montag war es nämlich genau 69 Jahre her, dass ein bizarres Ritual abgeschafft wurde: der „Kleinkind-Waffenstillstand“, wie das Time Magazine es formulierte.

Bis dahin wurde das Fernseh-Programm täglich zwischen 18 und 19 Uhr unterbrochen. Das sollte es den Eltern ermöglichen, „ihre Kleinen auszuwringen und ins Bett zu bringen“, schrieb das Magazin. Außerdem wollte man damit sicherstellen, dass Kinder nicht versehentlich in Kontakt mit der gefährlichen Welt des Erwachsenenfernsehens gerieten.

Meine Eltern wären über eine solche Regelung hocherfreut gewesen, hätten sie doch die Schuld für den abendlichen Marschbefehl auf das Gesetz schieben können. Aber wir hatten ja nicht mal einen Fernseher, der wurde erst später angeschafft, als die Nachbarn längst an der Glotze hingen. Dafür hatte unser Gerät eine Fernbedienung, die an einem langen Kabel hing. Man konnte damit laut und leise stellen sowie mit einer Taste Bässe oder Höhen hinzuschalten.

Der Fernseher sah aus wie eine kleine Anrichte und hatte eine Ziehharmonikatür. Jeden Abend gab es Kämpfe, weil ich aufbleiben wollte, um die großartige Serie „Mit Schirm, Charme und Melone“ zu sehen, die ab 1966 im deutschen Fernsehen lief. Irgendwann hatte ich die Eltern zermürbt, und schon bald hing der Starschnitt von Emma Peel in ihrem roten Catsuit über meinem Bett.

Die britische Fernsehpause am Abend hatte aber nicht nur mit der Kinderfürsorge zu tun, sondern auch damit, dass die BBC nur zwölf Stunden am Tag senden durfte. Samstags waren es sogar nur acht und sonntags siebeneinhalb Stunden. Außerdem durften sonntags zwischen 14 und 16 Uhr keine Kindersendungen ausgestrahlt werden, damit die Kleinen nicht vom Bibelstudium abgehalten wurden.

Widerstand gegen Zwangspause

Im Jahr 1950 hatten ohnehin nur 350.000 Haushalte in Großbritannien einen Fernseher. Bis 1960 war die Zahl allerdings auf fast drei Viertel der Haushalte gestiegen, sodass sich Widerstand gegen die Zwangspause formierte. Hinzu kam die Gründung von ITV im Jahr 1955. Die BBC befürwortete die einstündige Unterbrechung, da sie Rundfunkgebühren kassierte und durch die kürzere Sendezeit Geld sparte. Für ITV hingegen, das sich aus Werbeeinnahmen finanzierte, bedeutete die tägliche Sendepause den Verlust von lukrativer Werbezeit zur Tea Time.

Als Charles Hill 1955 Postminister wurde, schaffte er den Kleinkind-Waffenstillstand am 16. Februar 1957 schließlich ab. Es gab nur sechs Beschwerden von Elternpaaren, die beklagten, dass ihre renitenten Kleinkinder nicht mehr ins Bett wollten.

Die Bravo-Starschnitte kann man übrigens immer noch kaufen, Emma Peel kostet 16,95 Euro. Für drei Euro mehr bekommt man sie zusammengeklebt.

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Ralf Sotscheck
Korrespondent Irland/GB
Geboren 1954 in Berlin. 1976 bis 1977 Aufenthalt in Belfast als Deutschlehrer. 1984 nach 22 Semestern Studium an der Freien Universität Berlin Diplom als Wirtschaftspädagoge ohne Aussicht auf einen Job. Deshalb 1985 Umzug nach Dublin und erste Versuche als Irland-Korrespondent für die taz, zwei Jahre später auch für Großbritannien zuständig. Und dabei ist es bisher geblieben. Verfasser unzähliger Bücher und Reiseführer über Irland, England und Schottland. U.a.: „Irland. Tückische Insel“, „In Schlucken zwei Spechte“ (mit Harry Rowohlt), „Nichts gegen Iren“, „Der gläserne Trinker“, "Türzwerge schlägt man nicht", "Zocken mit Jesus" (alle Edition Tiamat), „Dublin Blues“ (Rotbuch), "Mein Irland" (Mare) etc. www.sotscheck.net
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1 Kommentar

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  • Wenn gewisses Privatfernsehen hierzulande von Beginn an 23:59 h am Tag Pause gehabt hätte, ginge es unserer Gesellschaft im Kopfe wohl erheblich besser.