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„Wir sprechen jetzt ganz anders über Angst, Hoffnung oder Wut“

Serhij Zhadan ist Schriftsteller und Soldat. Ein Gespräch darüber, wie der Krieg in der Ukraine die Gesellschaft verändert, die Zeit­wahrnehmung verschiebt und Sprache präzisiert

„Sprache ist immer politisch“ – der Schriftsteller Serhij Zhadan Foto: Friedrich Bungert/SZ Photo/picture alliance

Interview Barbara Oertel

taz: Herr Zhadan, Russlands vollumfänglicher Angriffskrieg in der Ukrai­ne dauert nunmehr seit fast vier Jahren an. Haben Sie noch ein Gefühl für Zeit?

Serhij Zhadan: Die Zeit verläuft für die Ukraine nicht mehr linear. Das Zeitgefühl ist ein anderes geworden, etwas ist zerbrochen. Die vier Jahre sind wie ein langer Tag, wie eine Verdichtung der Zeit. Ich kann mich noch an ganz kleine Details von vor vier Jahren erinnern. Auch das Gefühl für die Zukunft hat sich verändert. Wir alle sind komplett im gegenwärtigen Moment gefangen. Das ist, als ob du in einem Strom steckst, hinein gesaugt wirst und nicht heraus kannst.

taz: Als Schriftsteller sind Sie ein Mann des Worts. Wie hat sich die Sprache verändert?

Zhadan: Die Sprache der Ukrainer, ja die ukrainische Sprache an sich, ist viel präziser geworden. Ein bisschen mehr schwarz-weiß, würde ich sagen. Wenn du über den Feind sprichst oder den, der dir gegenübersteht, versuchst du nicht versöhnliche Worte zu finden, sondern nennst die Dinge beim Namen. Die Worte sind offener und ehrlicher geworden, ganz schonungslos und sehr emotional. Besonders das aber ist sehr ermüdend und zermürbend.

taz: Inwiefern?

Zhadan: Weil du ständig in einer Stress­situation bist, auf einer emo­tio­na­len Schaukel. Ja, die Welt ist vom Krieg in der Ukraine müde geworden, aber auch die ukrainische Gesellschaft ist es, sehr sogar. Dabei geht es nicht um physische, sondern emotionale Müdigkeit. Rein physisch hält unsere Armee weiter die Front. Auch im Hinterland läuft es – Kultur, Business, aber alle sind müde. Das schlägt sich eben auch in der Sprache nieder. Ich glaube, dass wir jetzt auf der Suche sind – nach einer neuen Intonation, einem neuen Narrativ.

taz: Gilt das auch für die Literatur?

Zhadan: Auch die Literatur ist auf der Suche, aber wir haben diese Sprache noch nicht gefunden, das ist noch im Werden.

taz: Wie fühlt sich das an?

Zhadan: Es ist ein sehr schmerzhafter Prozess, weil vieles neu wahrgenommen, gedacht und überdacht werden muss. Wir sprechen jetzt ganz anders über Angst, Hoffnung oder Wut. Das sind elementare Emotionen, die jetzt aber eine ganz andere Bedeutung haben. So über diese Emotionen zu sprechen, wie vor 2022, geht nicht, das kann nicht das ausdrücken, was wir jetzt fühlen. Das gilt besonders für Schrift­steller, aber auch andere Kulturschaffende.

taz: Gibt es Themen in der neueren Literatur jenseits des Kriegs?

Zhadan: Wir sind ja schon seit 2014 im Krieg, und es ist mittlerweile eine ganze Bibliothek ukrainischer Literatur entstanden, die vom Krieg erzählt. Viele Bücher wurden von Leuten geschrieben, die unmittelbar am Krieg beteiligt waren. Literatur der Frontkämpfer, Frontowiki, hieß das bis 2022. Heute passt dieser Terminus nicht mehr, denn die gesamte Literatur ist auf irgendeine Weise mit dem Krieg verbunden.

taz: Nicht nur in der Ukraine, sondern generell in den Staaten des postsowjetischen Raums war und ist die russische Sprache ein Politikum. Ein bulgarischer Übersetzer hat einmal gesagt, die meisten Menschen hätten ein Haus, womit er die Muttersprache meinte. Wie viele Häuser haben Sie?

Zhadan: Ich habe nur ein Haus, Ukrai­nisch. Diese Sprache spreche ich seit meiner Kindheit, und ich habe immer auf Ukrainisch geschrieben. In der Tat ist Sprache immer politisch. Das gilt vor allem für Imperien, wo mit Sprache versucht wird, Identitäten zu unterdrücken. Und natürlich wird Sprache unter solch einem Druck zu einem Ausdruck von Identität.

taz: Finden Sie es übergriffig, wenn Sie auf Russisch angesprochen werden, weil es keine andere Möglichkeit der Verständigung gibt?

Zhadan: Ganz ehrlich, fernab von Ideologie und Propaganda: Wenn mich jemand auf Russisch anspricht, werde ich angespannt. Höre ich Ukrai­nisch, weiß ich sofort, dass das einer von uns ist und auf welcher Seite des Kriegs er steht. Es gibt natürlich viele Menschen, die in der Ukraine weiterhin Russisch sprechen. Auch sie kämpfen an der Front für die Ukraine, aber sie sprechen eben untereinander Russisch. Und das ist jetzt eine Trennlinie, die sehr deutlich zu spüren ist.

taz: Seit 2024 gehören Sie der 13. Brigade der ukrainischen Nationalgarde an, die Brigade Khartia ist in der Region Charkiw aktiv. Wie ist es für Sie bei dieser Einheit, und was sind Ihre Aufgaben?

Zhadan: Ich werde nicht direkt bei Kampfhandlungen an der Front eingesetzt. Im Hinterland bin ich für Kommunikation, Medien, aber auch die psychologische Arbeit mit unseren Soldaten zuständig.

taz: Was konkret kann man sich unter dieser psychologischen Arbeit vorstellen?

Zhadan: Es geht um Bildung in Form von Vorlesungen, Gesprächen. Es ist ein ständiges Miteinander, ein ständiges Sprechen. Die ukrainische Armee ist ein sehr großer komplexer Mechanismus, hier sind alle Berufe vertreten, von Businessleuten, Bankern bis zu Handwerkern und Bauern. Unterschiedliche Menschen mit ganz unterschiedlichem kulturellen Hintergrund und einem unterschiedlichen Level an Motivation. Viele, die einberufen werden, haben Angst und große Barrieren. Psychologisch machen sie harte Zeiten durch. Wenn sie in die Armee kommen, ist es wichtig, ihnen sofort klarzumachen, wo sie gelandet sind: An einem Ort, an dem sie als Menschen geschätzt werden und wo versucht wird, für ihre Sicherheit zu sorgen.

taz: Sind Sie immer noch bei Radio Khartia tätig, dem ersten Radiosender der ukrai­ni­schen Armee?

Serhij Zhadan geboren 1974, wuchs in Charkiw auf. Für seinen Roman „Die Erfindung des Jazz im Donbass“ wurde er mehrfach ausgezeichnet. Seine Bücher erscheinen im Suhrkamp-Verlag. 2022 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Seit Mai 2024 ist er Soldat.

Zhadan: Ja. Als wir den Sender 2024 gegründet haben, wollten wir zu einer Brücke zwischen der Armee und der Gesellschaft werden.

taz: Hat das funktioniert?

Zhadan: Wir arbeiten weiter, und ich kann sagen, dass unser Auditorium wächst. Als ich noch nicht in der Armee war, habe ich ein Problem erkannt: dass zu wenig über die Armee gesprochen wurde, und wenn doch, wie das geschah. Entweder wird die ukrai­ni­sche Armee heroisiert. Oder aber sie wird dämonisiert, was dem Einfluss der russischen Propaganda geschuldet ist. Es fehlt an einer ehrlichen, menschlichen Intonation in diesem Gespräch. In dieser Armee kämpfen ganz normale Bürger, keine Superhelden oder Außerirdischen. Das sind Menschen wie du und ich, die gestern noch Zivilisten waren. Sie brauchen jetzt Unterstützung und Verständnis und das umso mehr in der Zukunft, wenn sie wieder nach Hause zurückkehren. Wir versuchen, in genau diesem Ton über die Armee zu sprechen.

taz: Was hat dieser Krieg seit 2022 persönlich mit Ihnen gemacht?

Zhadan: Grundsätzlich hat sich bei mir nichts verändert. Ich tue das, was ich vorher getan habe. Auch mein persönliches Umfeld ist dasselbe geblieben. Dennoch blicke ich auf bestimmte Dinge jetzt anders, zum Beispiel Karriere oder Materielles. Aber ich bin ja auch nicht mehr 20. Deshalb ist das für mich keine allzu große Erschütterung. Bei vielen Bekannten bemerke ich aber, dass dieser Krieg sie verändert hat. Die einen haben an sich ungeahnte Kräfte und Resilienz entdeckt, die anderen sind gebrochen. Der Krieg ist eine Zäsur für unsere gesamte Gesellschaft, jeder ist davon betroffen.

taz: In Genf hat in dieser Woche gerade eine weitere Runde von Gesprächen zwischen der Ukraine, Russland und den USA stattgefunden, um den Krieg in der Ukraine zu beenden. Wie blicken Sie auf diesen Verhandlungsprozess?

Zhadan: Ein Ende des Kriegs ist nicht in Sicht. Aber es muss Verhandlungen und ein Format dafür geben, um in der Zukunft etwas unterschreiben zu können. Die einzigen wichtigen Verhandlungen laufen derzeit direkt an der Front. Solange die Ukrainer die Frontlinie halten, haben die Russen keine zusätzlichen Argumente. Da können sie noch so oft fordern, die Ukraine solle weitere Gebiete abtreten. An der Frontlinie erreichen sie das nicht. Die Verhandlungen sind für mich nichts anderes als Bluff und Erpressung.

taz: Könnte es dennoch einen Diktatfrieden geben?

In dieser Armee kämpfen ganz normale Bürger, keine Superhelden oder Außerirdischen

Zhadan: Diese große Gefahr besteht, ja. US-Präsident Donald Trump geht es nicht um Frieden, sondern um eine Kapitulation der Ukraine.

taz: Derzeit weiß niemand, wann und wie dieser Krieg enden wird. Was wird das Erbe sein, vor allem für die junge Generation?

Zhadan: Ein dramatisches. Wer seine Kindheit und Jugend im Krieg verbringt, wird für das ganze Leben geprägt. Vor dem Krieg habe ich viel mit Kindern gearbeitet, das mache ich auch jetzt noch. Das ist eine traumatisierte Generation, aber zugleich auch eine sehr starke. Deshalb ist es auch so wichtig, wie dieser Krieg beendet wird. Nicht durch eine Kapitulation, sondern zu fairen Bedingungen. Das wäre eine Motivation und zugleich ein wichtiges ­Signal für diese Generation, dass Menschlichkeit und Gerechtigkeit doch noch existieren.

taz: Haben Sie Pläne für ein neues Buch?

Zhadan: Ich habe eine Idee für einen Roman, aber jetzt leider keine Möglichkeit dazu. Es geht um den Beginn des Kriegs in Charkiw, wie das damals alles angefangen hat. Da gab es viele Dinge, an die ich mich heute zum Teil noch sehr gut und scharf erinnere. Das hat viel mit Zeit zu tun und dem Gefühl dafür. Darüber möchte ich schreiben.

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