Grenzübergang zwischen Gaza und Ägypten: Begrenzte Perspektive
Die Grenze zwischen Gaza und Ägypten in Rafah ist geöffnet. Das ist Teil des 20-Punkte-Plans. Doch medizinische Notfälle konnten bisher kaum ausreisen.
Umm Abdallah – Mutter von Abdallah –, wie sich die 70-Jährige nur nennt, ist zurück im Gazastreifen. Am Dienstag überquerte sie den Grenzübergang Rafah zwischen Ägypten und dem Gazastreifen. Erst am Tag zuvor wurde er nach monatelanger Schließung wieder für den Personenverkehr geöffnet. Drei Monate lang, erzählt Umm Abdallah, ließ sie sich in Ägypten behandeln. Was genau ihr fehlt, führt sie nicht aus. Doch die alte Dame hat nur ein Auge.
Sie ist eine von nur 16 Menschen, die am Dienstag die Grenze Richtung Gaza überquerten. Bis zu 50 Personen sollen aus Ägypten täglich nach Gaza einreisen dürfen. Und 50 Kranke und Versehrte, mit je zwei Begleitpersonen, sollen dafür täglich nach Ägypten ausreisen dürfen.
Dass der Grenzübergang wieder geöffnet werden muss, ist Teil des 20-Punkte-Plans der US-Administration unter Donald Trump. Eigentlich hätte er mit dem Beginn der relativen Waffenruhe wieder geöffnet werden sollen. Doch Israel hatte darauf bestanden, dass zuerst alle israelischen Geiseln – ob lebendig oder tot – zurückgebracht werden. Ende Januar fanden dann israelische Sicherheitskräfte die Leiche des Polizisten Ran Gvili in einem Friedhof in Nordgaza. Damit war die Bedingung erfüllt gewesen.
Doch bereits zuvor war der Druck auf Israel, die Grenze zu öffnen, deutlich gewachsen, berichtete etwa die Times of Israel: Die am Friedensprozes beteiligten Staaten – USA, Ägypten, Katar und Türkei – hatten während des Weltwirtschaftsforums in Davos Mitte Januar die Öffnung einfach verkündet. In dem schweizerischen Skiort war die Charta für Trumps „Friedensrat“ unterzeichnet worden, ders laut eigenem Bekunden Friedensprozesse in der Welt voranbringen will, aber von vielen europäischen Staaten, unter anderem von Deutschland, als Konkurrenzorganisation zu den Vereinten Nationen kritisiert wird.
25 Grenzübertritte nach Gaza am Mittwoch
Die Grenzöffnung in Rafah ist jedenfalls nur schleppend angelaufen: Am Montag kehrten zwölf Gazanerinnen und Gazaner in ihre Heimat zurück, am Dienstag 16, am Mittwoch nach Bericht des katarischen Mediums Al Jazeera 25 Personen.
Der Prozess funktioniert so: Wer rauswill aus dem Gazastreifen, muss sich als Patient mit dringend benötigter Ausreise zum Zweck der Behandlung registrieren lassen. Die Namen werden dann den ägyptischen Behörden mitgeteilt, das sie wiederum mit den israelischen Sicherheitsbehörden teilt. So beschreibt es eine Quelle der taz. Wer danach die Erlaubnis zur Ausreise erhält, wird vom Roten Kreuz in der benachbarten Stadt Chan Junis durch von der israelischen Armee kontrolliertes Gebiet zum Grenzübergang gebracht.
Dort werden sie von Mitarbeitern der EU-Mission EUBAM Rafah kontrolliert und durchgescannt. Augenscheinlich sind auch deutsche Polizisten unter den Entsandten. Bewaffnete Kräfte, ohne gut erkennbare Zuordnung zu einem Staat oder einer Organisation, überwachen die Szenerie. Dann überprüfen Sicherheitskräfte der palästinensischen Autonomiebehörde die Pässe der Ausreisenden. Auf der anderen Seite der Grenze warten schließlich die Krankenwagen der Hilfsorganisation Ägyptischer Roter Halbmond.
Rosen für Gaza
Der Prozess der Einreise nach Gaza ist komplizierter. Umm Abdallah erzählt: Drei Stunden habe sie gebraucht, um von der ägyptischen Metropole Kairo bis nach Rafah zu kommen. Dort habe der Ägyptische Rote Halbmond auf sie gewartet, ihr unter anderem Rosen und Kinderspielzeug überreicht, zur Mitnahme nach Gaza.
Dann, erzählt sie, habe sie die ägyptische Seite passiert. Auf der Gaza-Seite beginne aber erst der eigentliche Prozess.
„Sie haben uns mitgenommen in ein Gebiet bei Rafah, das von der Abu-Shabab-Miliz kontrolliert wird“, erzählt sie. Dieses Gebiet liegt innerhalb der gelben Linie, also der knappen Hälfte des Gazastreifens, die von der israelischen Armee kontrolliert wird. So ist es im Waffenruhe-Deal vereinbart worden. Die Gebiete außerhalb der gelben Linie, die flächenmäßig die andere Hälfte des Gazastreifens ausmachen, werden von der Hamas kontrolliert.
Im Abu-Shabab-Gebiet hätten zwei Männer und eine Frau auf sie und zwei weitere Palästinenser, die mit ihr die Grenze überquerten, gewartet. „Kollaborateure der Armee“, nennt Umm Abdallah die Miliz. Sie hätten ihr Handschellen angelegt, ihr die Augen verbunden, sie selbst und ihre Sachen durchsucht. Das Spielzeug, das ihr die Ägypter überreicht hatten, sei ihr gleich wieder weggenommen worden.
Die Milizionäre fragen, warum sie wieder nach Gaza wolle
Und die Milizionäre hätten ihr Fragen gestellt: Warum sie wieder nach Gaza wolle? Was sie in Ägypten gemacht habe? Und dass sie der Hamas ausrichten solle, keine Zivilistinnen und Zivilisten mehr als humanitäre Schutzschilde zu missbrauchen. So erzählt sie es. Auch nach ihrem im Krieg verstorbenen Sohn hätte sie gefragt. Woran er gestorben ist, führt sie nicht aus.
Drei Stunden, sagt sie, habe die Befragung gedauert. Ihre Angaben lassen sich nicht unabhängig überprüfen. Doch sie decken sich mit den Berichten anderer Rückkehrer. Mit über zehn von ihnen spricht die taz an diesem Tag. Die Männer erzählen außerdem, dass sie gezwungen worden seien, die graue Häftlingskleidung überzustreifen, in der auch die palästinensischen Gefangenen aus israelischen Gefängnissen im Zuge der Waffenruhe freikamen.
Nach über sechs Stunden Prozedere ist Umm Abdallah wieder im Gazastreifen. Sie will nun weiter gen Norden, zu den Überresten ihres zerstörten Hauses: „Ich will über den Schutt steigen und die Erde küssen.“
Ein in der Nähe stehender Mitarbeiter des der Hamas unterstellten Gesundheitsministeriums ruft, die alte Dame übertönend: Man werde alles wieder aufbauen. Ganz Gaza werde man wieder herstellen.
Schutt auf den Straßen
Der Aufbau des ganzen Gazastreifens liegt derweil in weiter Ferne. Zwar gibt es aus dem ganzen Gebiet Berichte, dass der Schutt von den Straßen geräumt wird, erste Gebäude wieder aufgebaut werden, manche Bewohnerinnen und Bewohner Renovierungsarbeiten selbst in die Hand nehmen.
Doch um einen echten, auch mit ausländischem Geld – etwa aus den Golfstaaten – finanzierten Wiederaufbau zu beginnen, brauche es eine politische Lösung: Das machten jüngst Vertreter möglicher Gebernationen wieder deutlich, berichtet die Nachrichtenagentur Reuters.
Und eine solche Lösung ist nicht in Sicht. Zwar hat mit der Überführung der letzten Geisel nach Israel und der Öffnung von Rafah die zweite Phase des Friedensplans theoretisch begonnen. Doch nun stünde die eigentliche Arbeit an: Die Hamas soll in dieser Phase nämlich entwaffnet werden. Und trotz Beteuerungen der USA, dass sie dem schon nachkommen werden, ist seitens Hamas kaum eine solche Bereitschaft bemerkbar.
Im Gegenteil: Im von ihr kontrollierten Teil des Gazastreifens hat sie ihre Kontrolle über die Bevölkerung wieder gefestigt. Sie zieht Steuern und Abgaben ein – auf Konsumgüter, aber auch auf Gelder, die nach Gaza hinein transferiert werden. Auf Zigaretten, aber auch auf den Boden, auf dem manch Vertriebener sein Zelt aufgebaut hat. Immer wieder gehen Mitglieder der Hamas außerdem öffentlich und brutal gegen Kritiker und angebliche Kollaborateure mit Israel vor. Und das israelische Militär vermeldet immer wieder, Hamas-Kämpfer gesichtet oder von diesen angegriffen worden zu sein.
Keine echte Waffenruhe
Auch die Waffenruhe ist keine echte Waffenruhe. Immer wieder töten Israels Militär nach eigenen Angaben Hamas-Mitglieder und -Angehörige; darunter auch Frauen und Kinder, das vermelden etwa die Vereinten Nationen. Insgesamt über 500 Menschen kamen seit Beginn der Waffenruhe am 10. Oktober 2025 ums Leben.
Die Hamas zu entwaffnen, dürfte eine Mammutaufgabe sein. Der israelischen Armee ist es in über zwei Jahren Krieg – dessen Führung etwa nach Meinung des Internationalen Gerichtshofs gegen das Völkerrecht verstieß – nicht gelungen, ihr die Kontrolle über das Gebiet tatsächlich zu entreißen.
Zwar hat das israelische Militär in ganz Gaza Tunnel zerstört und führende Hamas-Köpfe getötet. Die israelische Kriegsführung hat außerdem ganze Stadtviertel in Gaza völlig zerbombt und monatelang Hilfsgüter blockiert, von deren Verteilung die Hamas profitiert haben soll und es wohl auch tat.
Trotzdem patrouillieren auf den Straßen außerhalb der gelben Zone nun wieder bewaffnete Hamas-Einheiten. Selbst in der von Israel kontrollierten gelben Zone waren Hamas-Einheiten aktiv.
Etwa 18.500 Menschen warten laut dem Amt der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) in Gaza darauf, für ihre Behandlung auszureisen. Darunter sind auch etwa 4.000 Kinder. Selbst wenn täglich 50 von ihnen wie geplant ausreisen dürfen, würde es über ein Jahr dauern, bis es alle hinausgeschafft haben. Echte Perspektiven sehen anders aus, ein echter Frieden ebenfalls.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert