: Nur wer sich bewegt, hört seine Ketten rasseln
Die staatlichen Organe der DDR ahnten, dass Punk ihnen gefährlich werden konnte. Sie antworteten mit Gewalt. „Tanz auf dem Vulkan“ erzählt die beeindruckenden Geschichten von widerständigen Punk-Frauen
Von Ulrich Gutmair
Keine sollte sich für das Unrecht schämen müssen, das ihr angetan wurde. Schämen müssten sich diejenigen, die sich als Stasi-Offiziere und Parteikader, als Wächterinnen in Knästen, als Erzieher in Jugendwerkhöfen, als Lehrer, Richter und Volkspolizisten oder als Pflegerinnen und Ärzte an Verbrechen gegenüber Frauen schuldig gemacht haben, die nichts getan hatten, außer selbstbestimmt leben zu wollen.
Gesellschaften neigen dazu, den Opfern ihrer Gewalt die Schuld zuzuschieben, weil deren Leid sie an ihr opportunistisches Wegsehen und Mitmachen erinnert. Die einst Terrorisierten sollen still leiden, keine Unruhe stiften und den Gang der Dinge nicht stören. Stattdessen wird heute mit Ostalgie Geld verdient, werden mit DDR-Verkitschung in der Politik Stimmen gesammelt.
Anders ist nicht zu erklären, warum viele aus ihrem damaligen Freundeskreis nicht über ihre Zeit als Punks in der DDR reden wollen, wie Kim aus Karl-Marx-Stadt in Geralf Pochops Buch „Tanz auf dem Vulkan“ erzählt, das sich den Biografien, Erlebnissen und Reflexionen von „widerständigen Punk-Frauen in der DDR“ widmet. Es gebe deutlich mehr Frauen als Männer, die sich für ihre DDR-Punkzeit schämten, meint Kim. „Die schämen sich dafür, dass sie so waren oder wie sie gelebt haben. Viele möchten darüber nicht reden. Sie möchten auch nicht, dass Fotos in Umlauf gebracht werden, obwohl es damals toll war.“
Die 23 Frauen, die in diesem Buch über ihre familiären Umstände, über ihre Kindheit und Jugend, über ihre Punkzeit und die damit verbundenen Repressionen erzählen, kennen diese Scham nicht oder haben sie überwunden. Als Opfer habe sich damals jedenfalls keine gesehen, schreibt Geralf Pochop, einst selbst Punk und Hausbesetzer, in seinem Vorwort. Jana Schloßer, Sängerin der Band Namenlos, bestätigt das: „Ich wusste mit Sicherheit: Wir werden behandelt wie Verbrecher, aber eigentlich ist es ein Verbrechen, uns so zu behandeln.“
Das Ausmaß der staatlichen Gewalt, der Punk-Frauen physisch und psychisch im „antifaschistischen“ „Friedensstaat“ DDR ausgesetzt waren, ist beim Lesen ihrer Geschichten dennoch schwer zu ertragen. Am Ende ist man beeindruckt und dankbar für die radikale Offenheit, mit der die Frauen über die eigenen Verletzungen und ihren Widerstand erzählen.
Weil sie sich öffnen, erfahren wir zum einen, wie menschenverachtend dieses Regime gegen Menschen vorging, die es als „negativ-dekadent“ oder gar als „faschistisch“ brandmarkte, und zum anderen, wie die Punks mit Solidarität, Renitenz und Resilienz wesentlich dazu beitrugen, dieses System auf den Müllhaufen der Geschichte zu befördern. Conny Mareth aus Leipzig berichtet: „Das hat auch Spaß gemacht, also dass die so viel Macht hatten und es trotzdem diese Momente gab, in denen wir so ein bisschen das Zepter in der Hand hatten. Für einen kurzen Moment. Die Lacher auf unserer Seite! Die Intelligenz auf unserer Seite!“
Wie überall wurden junge Leute in der DDR Punks, weil sie instinktiv oder durch Beobachtung ihres Umfelds verstanden, dass mit der Welt grundsätzlich was nicht stimmt. Sie kamen aus behüteten Elternhäusern, die sie zum Teil unterstützten, und aus dysfunktionalen Familien, die leichtes Opfer der Machenschaften der Stasi wurden und ihre eigenen Kinder verrieten.
Die erste Punkgeneration spürte die Folgen des Befehls des Ministers für Staatssicherheit Erich Mielke an die staatlichen Organe im Jahr 1983, „Härte gegen Punks“ zu zeigen, am eigenen Leib. Aber auch die Jüngeren haben die Erfahrung gemacht, von Volkspolizei und Transportpolizei schikaniert, von Behörden in Erziehungseinrichtungen eingewiesen, von der Stasi überwacht und in miese, zum Teil gesundheitsschädigende Jobs gezwungen oder mittels verschiedener Gummiparagrafen zu Haftstrafen verurteilt zu werden. In staatlichen Anstalten wurden sie diszipliniert, misshandelt und zum Teil gefoltert. In ihrem sozialen Umfeld diskriminiert, isoliert und „zersetzt“, wie es im Terrorslang der Stasi hieß.
Wer von Polizei und Stasi verhört wurde, wusste nie, welche Folgen das haben würde. „Oft hatte ich Angst, dass ich im Gefängnis oder im Jugendwerkhof lande. Außerdem hatte ich Angst, dass mein Leben nicht so verlaufen könnte, wie ich es mir vorgestellt hatte. Mir ist damals bewusst geworden, dass, wenn man anders ist, sich nicht anpasst und eine eigene Meinung vertritt, die nicht ins sozialistische Weltbild passt, man ein sehr schweres Leben in der DDR zu erwarten hat“, sagt Silke „Nina“ Schrödter aus Weimar. Kim aus Karl-Marx-Stadt, die der dortigen Stasi als „Inspiratorin“ der Punkszene galt, hatte auf ihrer Lederjacke geschrieben: „Nur wer sich bewegt, hört seine Ketten rasseln.“
Geralf Pochop: „Tanz auf dem Vulkan. Widerständige Punk-Frauen
in der DDR“. Hirnkost,
Berlin 2025,
392 Seiten,
32 Euro
Die meisten Mädchen, die Punks werden, sind anfangs unpolitisch, werden aber durch die Repression schnell politisiert. Waren die Funktionäre von SED und Stasi also schlicht dumm, indem sie sich ohne Not Feindinnen schufen, deren Widerstandsgeist sie durch ihre Gewaltmaßnahmen weiter anfachten? Oder hatten sie vielmehr sehr gut verstanden, dass Punk für sie gefährlich werden könnte?
Jana Schloßer legt das nahe: Das „Zittern der Angst vor dem Machtverlust“ habe sich durch die gesamte Ära der Diktatur des Proletariats gezogen, „von Stalin bis Honecker“. Wenn „ein rigides System wie eine Diktatur anfängt zu bröckeln, kann es nicht schaden, wenn Opposition nicht nur im Untergrund brodelt, sondern auch an der Oberfläche sichtbar wird. Und das waren wir: unübersehbar, schrill und oft auch unüberhörbar.“
Conny aus Leipzig arbeitete in der Leipziger Kommissions- und Großbuchhandelsgesellschaft. Dort riefen immer wieder einmal Sekretärinnen des Politbüros an, um etwa George Orwells „1984“ und „Farm der Tiere“ zu bestellen. Wollte sich Willi Stoph mit dieser Lektüre über die Zustände im Land informieren oder herausfinden, warum in der DDR diese Bücher niemand lesen durfte?
Silke „Nina“ Schrödter
Fast alle Frauen berichten davon, dass sie ihnen ständig auf der Straße gesagt wurde, so was wie sie hätte man früher vergast. Sie erinnern aber auch daran, dass viele Normalos die Punks dafür bewunderten, sich nicht anzupassen. Die zeigten, dass es auch anders gehen kann in einer Gesellschaft, in der alle davor Angst hatten, „was die Leute denken werden“. Schloßer weist darauf hin, dass die Punks gut mit anderen systemkritischen Kräften vernetzt waren: „Wir hatten Kontakte zur Umwelt- und Friedensbewegung, zur Kirche sowieso und zu Künstler:innen, die sich in ihrem kreativen Schaffen nicht der Norm anpassen konnten oder wollten.“ Die Rolle der Kirche und ihrer „Offenen Arbeit“ wird in den Beiträgen immer wieder gewürdigt. Viele Konzerte und die wenigen Punkfestivals der DDR fanden im geschützten Raum von Kirchen statt.
Die Leipziger Punk-Frauen berichten davon, wie es sich anfühlte als dort die Massendemonstrationen begannen. Conny war da schon im Westen, sah im Fernsehen „diese Tausende um den Ring laufen“ und fragte sich, wo die Demonstrierenden die Monate zuvor gewesen waren. „Diese ganzen Pissbirnen liefen da mit. Jetzt, wo es fast sicher war. Keine vier Wochen vorher hätten die einen noch bei der Stasi angezeigt.“ Ihre Kollegin Connie Mareth: „Alles wurde anders, als die Deutschland-Rufe, die Rufe nach Wiedervereinigung und auch die rassistischen Parolen immer lauter wurden. An einem Montag entschieden wir uns, nicht mehr mitzulaufen.“ Stattdessen gehen die Punks nun in Gegenrichtung – und müssen sich von braven Leipzigern nun anhören, sie seien „Wandlitz-Kinder“, die die Stasi wohl vergessen habe. Die kollektive Amnesie der DDR-Bürger über die eigene Beteiligung am Systemerhalt beginnt schon im Herbst 1989.
Als Punks wurden die Frauen genauso terrorisiert wie die Männer. Als Frauen berichten sie von sexuellen Übergriffen, die laut ihrer Berichte in der Szene eher selten vorkamen, seitens „normaler“ Männer und der Staatsorgane aber häufig. Das krasseste Kapitel dieses Buchs ist das letzte. Darin befasst sich Liane Pförtner, Tochter einer DDR-Punk-Frau, mit der geschlossenen Venerologischen Station der Poliklinik Mitte in Halle (Saale), eine von mehreren im Volksmund „Tripperburgen“ genannten Einrichtungen in der DDR, die der „Umerziehung“ von Frauen diente, die als gefährlich für die Volksgesundheit eingestuft wurden. Das dort herrschende Terrorsystem lässt sich sowohl gemäß seiner Ausrichtung als auch seiner Folterpraktiken nicht anders als faschistisch bezeichnen. Namenlos sangen 1983: „Nazis wieder in Ost-Berlin.“ Damit konnten die neonazistischen Umtriebe in der Hauptstadt der DDR gemeint sein – aber auch das Regime als solches.
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