Sophie Fichtner Vorschlaghammer: Der Trend, auf seinen Blutzucker zu achten, ist inzwischen im Drogeriemarkt angekommen. Aber schmeckt das?
Neulich stand ich mal wieder sehr dick angezogen in einem gut beheizten Drogeriemarkt und bekam Durst. Im Getränkekühlschrank waren Eistee, Limo, Wasser. Kokoswasser! Aber auf einer anderen Dose las ich „ballaststoffreich“, „zuckerfrei“, „the drink of tomorrow“ – und fühlte mich abenteuerlustig genug, dieses Getränk schon heute zu probieren.
Über die Dose kurvte ein bunter Schlauch, wie unser Darm durch den Bauchraum. Erfrischungsgetränk mit Apfelessig stand auf der Rückseite. Es musste irgendwann so kommen: Softdrinks gegen Blutzuckerspitzen. Denn Apfelessig soll den Blutzuckerspiegel stabilisieren und Heißhungerattacken eindämmen.
Den Trend, auf seinen Blutzucker zu achten, ihn möglichst stabil zu halten und für keine Glucoseachterbahn zu sorgen, hat meine Mitbewohnerin schon vor ein paar Jahren erwischt. Morgens trank sie ein Glas Wasser mit zwei Löffeln Apfelessig. Immer mit Strohhalm, sonst greift die Säure den Zahnschmelz an. Ich schaute ihr zu und sippte provokant an meinem extragroßen Kaffee mit Hafermilch. Es war auch die Zeit, in der sie versuchte, sich mit Erbsenmilch anzufreunden. Hafer hat viel Zucker und wird deshalb unter Blutzuckergurus verschmäht.
Den Blutzuckertrend hat vor allem die französische Influencerin und Biochemikerin Jessie Inchauspé losgetreten. Sie sagt, zu viele Blutzuckerspitzen sorgten für Entzündungen und so langfristig für chronische Krankheiten. Immer häufiger sieht man Menschen mit Zuckersensoren am Oberarm, die ursprünglich für Diabetiker:innen entwickelt wurden.
Inchauspé nennt sich Glucose Goddess. Ihre Tipps für einen stabilen Blutzucker: Morgens auf keinen Fall Süßes essen, sonst habe man den Rest des Tages Bock auf noch mehr Zucker. Bei Mahlzeiten gilt die Reihenfolge: erst Gemüse, dann Proteine, danach die Kohlehydrate. Den Nachtisch soll man direkt im Anschluss essen, statt eines Kuchens am Nachmittag. So wird der Zucker langsamer ins Blut abgegeben, weil der Magen durch die Ballaststoffe beschäftigt ist. Diese Abfolge halte das Glucosehoch möglichst klein.
Das Ding ist aber, dass die von Inchauspé zitierten Studien auf Tierversuchen basieren oder mit Diabetiker:innen durchgeführt wurden. Für Diabetiker:innen sind hohe Blutzuckerwerte ein Risiko. Dass Blutzuckerspitzen für gesunde Menschen ungesund sind, ist nicht bewiesen. Außerdem reagiert jeder Mensch unterschiedlich auf Mahlzeiten. Ein Stück Käsekuchen kann bei meiner Mitbewohnerin eine kleine Kurve zeichnen, aber auf meiner Blutzuckerkurve für einen steilen Gipfel sorgen.
Aber ich wollte ja eigentlich dieses Getränk probieren. Beim Öffnen zischt die Dose genauso verheißungsvoll wie eine Cola bei 32 Grad im Schatten. Ich nehme einen großen Schluck. Das Problem rieche ich schon, bevor ich es schmecke: Essig. Ich denke ans Badputzen, an Kalkränder, die ich vergeblich einweiche. Dann zieht sich mein Mund zusammen. Das Getränk ist unangenehm sauer und einen Strohhalm habe ich auch nicht dabei. Ich nippe noch ein paar Mal, bevor ich die Dose auf einem Stromkasten zurücklasse. Der Essiggeruch haftet noch eine Weile in meiner Nase.
Mir fällt der Film „Remember Me“ mit Robert Pattinson und Emilie de Ravin ein. Da bestellt sie im Restaurant wie immer den Nachtisch vor dem Hauptgericht. Falls sie beim Essen unerwartet stirbt, möchte sie wenigstens noch das Dessert gegessen haben. Weil, das Leben ist kurz.
Sophie Fichtner, 29, ist Redakteurin der wochentaz. Jeden Monat erhält sie einen Rat fürs bessere Leben und testet: Ist das Fortschritt oder Bullshit?
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