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Michal Ajvaz „Die andere Stadt“Der Hai auf dem Kirchturm

Magisches Prag: In Michal Ajvaz’ „Die andere Stadt“ öffnen sich hinter urbanen Fassaden suggestive surreale Erzählwelten.

Mit der Traumstraßenbahn in eine andere Welt: Das Prag des Erzählers Michal Ajvaz Foto: imago

Es wimmelt von Tieren in der „anderen“ Stadt, von der dieser außergewöhnliche Roman zu berichten hat. In schöner Regelmäßigkeit, und nicht immer in freundlicher Absicht, kreuzen diese den Weg des Erzählers.

Doch geht ausnahmslos jede seiner Begegnungen mit anderen Lebewesen auf wundersame Weise glimpflich aus, was ein Indiz dafür ist, dass wir es – wenn wir uns entscheiden, eine durchgehende erzählerische Logik hinter dem Text erkennen zu wollen – nicht mit einer manifesten Gegenwelt, sondern mit einer phantasmagorischen Traumwelt zu tun haben, deren Grenzen zur allgemein anerkannten Realität für den Ich-Erzähler allerdings sehr viel durchlässiger sind, als wir uns normalerweise vorstellen können.

Er selbst formuliert zwar zu Beginn: „Sinnhaft und begreifbar ist für uns nur das, was sich in den Bahnen unserer Welt bewegt“, oder „Die Grenze unserer Welt ist eine Linie, die nur eine Seite hat, es gibt keinen Weg hinaus und kann es auch nicht geben“. Und doch beweist er mit seinen Erzählungen sozusagen das Gegenteil.

Das Buch

Michal Ajvaz: „Die andere Stadt“. Aus dem Tschechischen von Veronika Siska. Allee Verlag, München 2025, 208 Seiten, 27 Euro

Eine Stadt hinter der Stadt

In einem Antiquariat findet der Erzähler ein Buch, das in einer seltsamen, ihm unbekannten Schrift gedruckt wurde. Er kauft es, beginnt die unverständlichen Zeichen zu studieren und zu ahnen, dass sie zu einer anderen, ihm nicht zugänglichen Welt gehören, zu einer Stadt hinter dem Prag, das er kennt. Er beginnt diese andere Stadt zu suchen – oder vielleicht auch jetzt erst wirklich zu sehen.

Nachts begibt er sich zu verschiedenen Orten, die ein gänzlich anderes Wesen offenbaren als bei Tag – und in denen sich gänzlich andere Wesen tummeln. Auf dem Petřínhügel entdeckt er eine unterirdische Kathedrale, in der ein Priester predigt, den er tags darauf in einem Café als Kellner wiedererkennt.

Die Tochter dieses Kellners, tagsüber eine zerstreute Caféaushilfe mit Rechenschwäche, mutiert nachts zu einer streitbaren Verteidigerin der anderen Welt. Auf dem Turm des St.-Nikolaus-Doms hetzt sie einen Hai auf den Erzähler, und es entbrennt ein blutiger Kampf auf Leben und Tod.

Die Traumstraßenbahn in die andere Welt

Andere Episoden involvieren, nur zum Beispiel, einen über die Dächer von Prag fliegenden Rochen, ein in der Moldau ertrunkenes, aber höchst lebendiges Liebespaar oder eine Herde von Miniaturelchen, die in den Statuen der Karlsbrücke wohnen. Eine grüne, marmorne Traumstraßenbahn, die, wie der Erzähler in Erfahrung bringt, Menschen unwiederbringlich aus der realen in die andere Stadt entführt, taucht leitmotivisch wiederholt auf, lässt sich von ihm selbst aber niemals einholen.

„Die andere Stadt“ ist einerseits keine auf herkömmliche Art leichte Lektüre. Andererseits ist es am besten, sie als genau solche zu behandeln. Es finden sich sehr viele Sätze darin, die man aufspießen und sich an die Wand hängen möchte – zum einen der Schönheit von Ajvaz’ Sprache wegen, die Veronika Siska in ein nicht minder schönes Deutsch überführt hat; zum anderen, weil es sich lohnen könnte, an der ein oder anderen Stelle gedanklich länger zu bleiben.

Doch womöglich ist es hier gar nicht am wichtigsten, gedanklich hinter etwas zu kommen, sondern gilt es eher, sich möglichst willenlos dem zwischen den Welten hin und her mäandernden Erzählfluss zu ergeben – um erspüren zu können, wie es ist, wenn man unversehens durch die Macht der Zeichen von der sichtbaren in die unsichtbare Welt getragen wird, vom Konkreten ins dahinter Verborgene.

Michal Ajvaz, 1949 geboren, konnte seine literarischen Texte in der ČSSR nicht offiziell publizieren und begann seine wahre Existenz als Schriftsteller, Literaturredakteur und Literaturwissenschaftler erst nach der Samtenen Revolution von 1989.

Die Doppelgesichtigkeit Prags

„Die andere Stadt“, im Original 1993 erschienen, spielt in einem Prag, das in der Realität noch nicht sehr lange befreit war von seiner kulturellen Doppelgesichtigkeit – einer Stadt, in der es jahrzehntelang neben der öffentlich sichtbaren Kultur auch einen sehr lebendigen Underground gegeben hatte. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass das eingeübte Grundgefühl einer unfreiwilligen Doppelexistenz eingeflossen ist in Michal Ajvaz’ Poetik einer verborgenen Welt jenseits der oberflächlichen Wahrnehmungsgrenze.

Und zweifellos hat auch Franz Kafka Pate gestanden bei Ajvaz’ „anderem“ Prag, wenngleich Kafka in seiner somnambulen Prosa die Stadt zwar oft recht genau beschrieb, aber niemals Orte benannte. Ajvaz macht genau das Gegenteil, hakt seine Erzählung geradezu fest an Namen real existierender Straßen, Plätze, Brücken, Gebäude und Cafés. Wenn sich nun hinter dieser sehr pointiert konkretisierten äußeren Stadt jene „andere“ Stadt zeigt, verschiebt sich bei der Lektüre das Gefühl dafür, was hier das „Eigentliche“ sein mag.

Die sichtbaren Orte der Stadt scheinen sich ins Arbiträre aufzulösen, ihre wahre Bedeutung scheint jenseits ihrer äußeren Gestalt zu liegen. Die konkrete Stadt ist ein Reich der Zeichen, und dahinter liegt ein Meer an erzählerischen Möglichkeiten.

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