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Trump beim WeltwirtschaftsforumUnd morgen die ganze Welt?

Barbara Junge

Kommentar von

Barbara Junge

Donald Trumps Auftritt in Davos war die Nachhilfestunde eines Wahnsinnigen. Wer ihm noch entgegenkommen wollte, sollte nun eines Besseren belehrt sein.

US-Präsident Trump an Bord der Air Force One, nachdem er Davos in Richtung Washington verlassen hat Foto: Evan Vucci/AP/dpa

M an muss Donald Trump wirklich dankbar sein. Die Schweiz zum Beispiel. Sie würde es in ihrer jetzigen Form gar nicht geben, wäre da nicht Amerika. Oder Venezuela. Das war mal ein schönes Land, dann wurde dort ganz schlecht regiert, und jetzt geben die USA Venezuela die Hälfte des venezolanischen Öls ab. Ohne das US-Militär – auch das musste einmal (von Trump) gesagt werden – wäre die Welt mit unvorstellbaren Bedrohungen konfrontiert. Kurz gefasst, auch das mit Trumps eigenen Worten in Davos: „Die Vereinigten Staaten halten die Welt am Laufen.“ Und die Vereinigten Staaten, die sind bekanntlich Donald Trump. Washington, D. C., übrigens habe auch nur deshalb ordentlich geschnittene Rasenflächen, weil der US-Präsident die Nationalgarde hinbeordert hat, um, nun ja, Ordnung zu schaffen.

Oder eben Grönland. Keine andere Nation sei in der Lage, diese strategisch wichtige Insel zu schützen. Schon im Zweiten Weltkrieg hätten die USA (das immerhin historisch korrekt) Grönland verteidigt, als die Deutschen in Dänemark einmarschiert waren. Ohne die USA und ihren Einsatz, erklärte Trump der globalen Elite in Davos, sprächen heute alle im Saal Deutsch oder Japanisch. Und jetzt müsse dieses „große, schöne Stück Eis“ wieder verteidigt werden, gegen Russland und China selbstverständlich. Dafür müsse er, Trump, eben Grönland bekommen. Übermäßige Stärke und Gewalt wolle er aber nicht anwenden. Und jetzt verzichtet er sogar auf Zölle und die komplette Übernahme. Ist das nicht einen Dank wert?

Ehrlich gesagt: Nein. Wer das als Entgegenkommen von Trump und gar – einmal mehr und einmal mehr zu viel – als Erfolg der Verhandlungsstrategie interpretiert, hat es immer noch nicht kapiert. Was für Europa und Kanada eine Frage von Völkerrecht, Bündnistreue und geregelter Weltordnung ist, stellt sich für Trump allein als Kräftemessen dar. Sollte es nicht zur kompletten Übernahme Grönlands kommen – nun ist von territorialen Pockets, US-Territorium auf Grönland, die Rede –, dann läge das nicht an der unerträglich unterwürfigen Schmeichelei von Nato-Generalsekretär Mark Rutte. Den US-Präsidenten zum Abwägen gebracht hätten der glaubhafte Widerstand der europäischen Nato-Staaten und gewiss auch die Reaktion der Aktienmärkte. Jemand muss Trump da eingeflüstert haben, dass eine militärische Konfrontation mit anderen Nato-Staaten möglicherweise mehr Sprengkraft hätte, als ihm lieb wäre, es ihn möglicherweise auch bei seiner MAGA-Bewegung Zustimmung kosten könnte und dass ein 2-Prozent-Dip an der Börse nur eine Warnung gewesen sein dürfte.

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Widerstand gegen Trump hat seinen Preis. Europa hängt militärisch und wirtschaftlich von den USA ab. Die deutsche Wirtschaft hat im ersten Jahr Trump unter dessen Zollpolitik spürbar gelitten. Weitere Zölle könnten die populistischen Kräfte stärken. Doch wie die Alternative dazu aussieht, hat sich Europa jetzt ein Jahr lang angesehen. Zölle verhängt Trump, wie es den USA politisch und wirtschaftlich nützt. Wenn nicht im Grönlandkonflikt, könnten sie bald als Druckmittel für die nächste politische Begehrlichkeit dienen. Und Grönland könnte doch noch das Faustpfand weiterer US-Hilfe für die Ukraine werden. Aber wollte man sich überhaupt darauf verlassen, dass Trump der Ukraine hilft, wenn Dänemark und Europa das große, schöne Stück Eis preisgäben? Die Zukunft Grönlands, der Ukraine, Europas darf auf jeden Fall nicht von dieser Illusion abhängen. Der Weg des Appeasements ist gescheitert.

Und ist nicht Grönland ohnehin nur Teil eines Puzzles in einem viel größeren Plan? Nicht zufällig ebenfalls auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos hat Trump sein „Board of Peace“ gegründet. 60 Staaten waren eingeladen, sich an seiner neuen Organisation zu beteiligen. Wer eine Milliarde US-Dollar auf den Tisch lege, solle sogar einen dauerhaften Sitz erhalten können. Der Vorsitz liegt bei Trump persönlich, nicht beim Amt des US-Präsidenten. Beschlüsse fasst dieses Gremium des Weltfriedens nur, wenn Trump kein Veto einlegt. Und einen potenziellen Nachfolger würde ebenfalls er persönlich bestimmen. Was als – ebenfalls nicht legitimiertes – Gremium zur Zukunft Palästinas angelegt war, soll nun zur Gegen-UN aufgebaut werden.

Wer noch Nachhilfe zu Trumps Anspruch auf globale Dominanz gebraucht hätte, bekam sie in Davos frei Haus. Diese nun auch materialisierte Trump’sche Parallelwelt ist eine moderne Weltbeherrschungsfantasie eines Wahnsinnigen.

Aber die Welt der Eliten ist wendig. Hoffentlich hat in Davos jemand genau notiert, wer da alles nach der Rede des US-Präsidenten zu Dank und Standing Ovations aufgesprungen ist.

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Barbara Junge
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taz-Chefredakteurin, Initiatorin der taz-Klima-Offensive und des taz Klimahubs. Ehemals US-Korrespondentin des Tagesspiegel in Washington.
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