Belgische Serie „The Best Immigrant“: Flämisch spielen
Eine satirische Serie nimmt den rechten Remigrationsdiskurs mit einer fiktiven Gameshow ins Visier. Inzwischen wurde sie von der Realität eingeholt.
„Diese Geschichte basiert nicht auf Tatsachen, aber auf einer Realität, die ihr zu nahe kommt.“ Mit diesem verschachtelten Disclaimer beginnt die belgische Serie „The Best Immigrant“, die seit Mitte Dezember auf der Streaming-Plattform Streamz zu sehen ist.
Regisseur Michael Abay dachte über den Satz nach eigener Aussage einen ganzen Sommer nach, um so die poröser werdende Trennlinie zwischen Fiktion und Wirklichkeit zu charakterisieren.
Empfohlener externer Inhalt
Was sich in seiner fünfteiligen satirischen Serie an dieser Linie entlang abspielt: Belgien, wie wir es kennen, ist zerfallen, Flandern, der nördliche niederländischsprachige Landesteil, ist unabhängig.
Die rechtsextreme Flämische Partei für Freiheit (VPV) gewinnt die Wahlen mit einem derartig großen Vorsprung, dass sie sogleich zu drastischen Maßnahmen greift: „Wir schieben alle nichteuropäischen Migrant:innen ab, ob illegal oder nicht“, kündigt Präsident Roeland Peeters an.
Rabiat-biederes Herrenmenschentum
Die einzige „Chance, um zu bleiben“, so der Titel der viel diskutierten ersten Folge, ist die Gameshow, nach der die Serie benannt ist. Die Kandidat:innen, gekleidet in T-Shirts mit der Flagge ihrer Herkunftsländer, müssen dort sprachlich, kulinarisch und landeskundlich ihre Kenntnisse über Flandern beweisen und damit den Grad ihrer Integration.
Wer gewinnt, bekommt eine Aufenthaltsgenehmigung, den anderen steht die Abschiebung bevor. Mitten drin in diesem beklemmend dick aufgetragenen Sarkasmus zwischen Karbonade mit Fritten und Tanzeinlagen: das junge Lehrer:innenpaar Muna und Jamal.
Dystopisch – so charakterisieren die meisten belgischen Rezensionen die Serie. Entsprechend häufig werden Vergleiche mit „Squid Game“ oder „The Hunger Games“ gezogen.
Was die Selbstverständlichkeit von Rassismus und zynischem Empathiemangel angeht, womit die Kandidat:innen in der Show behandelt werden, und das zur Schau gestellte rabiat-biedere flämische Herrenmenschentum ist das durchaus zutreffend. Doch kommt man nicht umhin, ganz im Sinne des Regisseurs zu konstatieren, dass diese Dystopie in Riesenschritten auf uns zustürmt.
Mit absoluter Mehrheit
Die Razzien der US-amerikanischen ICE gegen Migrant:innen; die Forderung nach „Remigration“, die quer durch Europa den politischen Diskurs prägt; das Städtchen Ninove, wo 2024 erstmals ein Bürgermeister des rechtsextremen Vlaams Belang gewählt wurde, mit absoluter Mehrheit: Als die Drehbuchautor:innen Cristina Poppe und Raoul Grrothuizen ein Jahr zuvor mit ihrem Konzept für „The Best Immigrant“ den Nachwuchswettbewerb Streamz Academy gewannen, waren solche Zustände noch fiktional.
Die Angleichung an sie geschah in einem solchen Tempo, dass es wohl selbst dem einstigen Vlaams-Belang-Chef Filip Dewinter ein wenig blümerant wurde.
„Klassische multicul-Propaganda, verpackt als Fiktion“, nennt er die Serie, die mit dem Bild eines „rassistischen Flanderns, regiert von der extremen Rechten“, Wähler:innen „negativ beeinflussen“ wolle. Die parteinahe rechtsextreme Nachrichten-Seite V-Nieuws klagt: „Jede:r merkt sofort, auf welche Partei die politische Propaganda der Macher:innen abzielt, und selbst der Slogan ‚Flandern wieder unser‘ wird schamlos missbraucht.“
All die Ehre ist für den Vlaams Belang tatsächlich ein wenig zu viel. Nicht nur, weil Programm und Rhetorik der fiktiven VPV aus der Serie auch in anderen Ländern nur allzu bekannt klingen; dazu kommt, dass in Flandern nach wie vor „bruine aap“ eine alltägliche Beleidigung für Schwarze Personen ist. Mit ähnlichen Worten äußerte sich übrigens 2023 auch der sozialdemokratische Parteichef Conner Rousseau spätabends in einem Café. Er entschuldigte sich für sein „betrunkenes Geschwätz“, trat zurück und kehrte nach einem halben Jahr Läuterungspause wieder, als sei nichts geschehen.
Jennifer Heylen, die Protagonistin Muna spielt und als Tochter ruandischer Eltern in Brüssel geboren wurde, kommentierte unlängst, ihre Vorbereitung auf die Rolle habe bereits bei ihrer Geburt begonnen. Für das Szenario, das „The Best Immigrant“ entwirft, hat sie drei Worte: „Fucked-up shit, man!“
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert