Anthropologe über Ethnonationalismus: „Rassismus ist ein modernes Phänomen“
Mihir Sharma forscht zum politischen Leben des Begriffs „white working class“ und zeigt, wie die Kategorie „weiß“ konstruiert wird.
taz: Herr Sharma, Sie sprechen über die „white working class“. Gibt es die überhaupt?
Mihir Sharma: Es gibt sie als Begriff, vor allem in den USA, unter vielen rassifizierten anderen Begriffen. Differenzkategorien wie race sind konstruiert, und haben als soziale Fakten materielle Konsequenzen. Die Frage bleibt, was der Mehrwert und Effekte des Begriffs sind – historisch kann man über Bewusstsein der rassifizierten Klassenverhältnisse sprechen. Eine solche Gruppe durch den Begriff wäre eine Verdinglichung heterogenen und komplexen sozialen Verhältnisse.
taz: Was meinen Sie damit?
Sharma: Differenzkategorien wie race werden konstruiert. Rassismus ist ein modernes Phänomen. Vor der Erfindung des Rassismus war weiß-sein keine vorhandene Subjektivität. Ethnonationalismus wird als Differenzkategorie überspitzt, um eine Mehrheitspolitik machen zu können. Das ist nicht einzigartig für die USA oder Deutschland: Hindunationalist*innen in Indien oder die AKP in der Türkei machen das auch.
Jg. 1989, hat in den USA, Großbritannien und Deutschland Anthropologie studiert. In seiner Promotion hat er sich mit der Black-Lives-Matter-Bewegung beschäftigt, jetzt forscht und lehrt er an der Universität Bremen zu sozialen Bewegungen und (Anti-)Rassismus.
taz: Ist es nicht naheliegend, dass es in Europa keinen Rassismus gab, wenn vor dem Kolonialismus die meisten Menschen weiß waren?
Sharma: Es gab eine Art Urrassismus, zum Beispiel gegen Jüd*innen oder Sinti und Roma. Spanien wurde zum ersten ethno-nationalistischem Staat, als 1492 Jüd*innen verbannt wurden. Rassismus ist eine der ersten modernen Herrschaftstechniken, die Herrschaftsverhältnisse auf globaler Ebene geprägt haben. Als Deutsche in Massen nach Pennsylvania immigriert sind, hat Benjamin Franklin davon geredet, dass die Mehrheit der Immigrant*innen nicht weiß sind. Damit meinte er auch Deutsche, Schwed*innen, Italiener*innen, Spanier*innen.
taz: Was bedeutet die Konstruktion einer „white working class“?
Sharma: Wenn wir diese Gruppe konstruieren, hat das Konsequenzen. Nicht nur für nationale und internationale Politik, sondern insbesondere für Menschen, die von einer ethno-nationalistischen Mehrheitspolitik betroffen sind. Als Wissenschaftler*innen sollten wir kritischer im Umgang mit medialen und populären Begriffen sein. Wir sollten rechtspopulistische Vorstellungen nicht weiterverbreiten.
„White Working Class“: Das politische Leben eines Begriffs. Vortrag von Mihir Sharma im Rahmen der Ringvorlesung „Bilden und Gebildet-Werden in Klassenverhältnissen: Impulse aus den Sozialwissenschaften“. 20.1., 16:15 Uhr im Studierhaus Universität Bremen, Bibliothekstraße 1, Eintritt frei
taz: Warum ist der Begriff rechtspopulistisch?
Sharma: Wenn behauptet wird, dass es die „white working class“ gibt, impliziert das, dass diese Klasse bestimmte Begehren, Absichten und deswegen auch Verhaltensweisen hat. Es besteht die Gefahr, dass sich Menschen mit bestimmten Parteien, die vermeintlich die Interessen dieser angeblichen Klasse vertreten, identifizieren.
taz: Parteien wie die CDU, die auf Wahlplakaten mit „Politik für normale Leute“ werben.
Sharma: Genau. Der Diskurs über die „white working class“ hat Parallelen mit dem vom „kleinen Mann“ oder den „einfachen Leuten“. Die Rede ist von einem Subjekt, das imaginiert wird als „normale“ Person, als Idealsubjekt für die Nation. Auch die AfD hat den Begriff „Normalität“ in der letzten Bundestagswahl genutzt. Es ergibt Sinn, dass die CDU das macht. Sie wollen ja nicht nur die Migrationspolitik oder Verteidigungspolitik der AfD übernehmen, sondern auch diese auf Normalität basierte populistische Vorstellung, sie seien sozusagen für die Mehrheit der bürgerlichen Gesellschaft da. Gleichzeitig nutzen wir den Begriff als eine Art Shaming.
taz: Was meinen Sie damit?
Sharma: Die vermeintliche „white working class“ wird genutzt, um den Anstieg der Rechten in weiß dominierten Gesellschaften zu erklären. Aus Erklärungsnot werden pauschal arme weiße Menschen zum Sündenbock zum Anstieg der rechten gemacht.
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