: Die Mitte machte mit
Götz Alys neues Buch versammelt die Erkenntnisse seiner jahrzehntelangen Forschung zum Nationalsozialismus. Es versucht die zentrale Frage zu beantworten: „Wie konnte das geschehen?“

Von Ulrich Gutmair
Wie konnte das geschehen? Das fragt sich Götz Aly in seinem neuen Buch, in dem er die Erkenntnisse seiner Forschungen seit den 1980ern zusammengefasst und in Teilen neu akzentuiert hat. „Wie konnte das geschehen?“ darf man als Summa dieses Gelehrten bezeichnen, dessen Bücher immer wieder überrascht und Widerspruch erregt haben. Was es mit diesem „Das“ auf sich hat, ist nicht so selbstverständlich. Viele wollten es nach 1945 auch gar nicht so genau wissen, zu sehr waren sie darin verstrickt gewesen.
Obwohl die Geschichtswissenschaft immer gründlicher „alle möglichen Teilprobleme“ ausleuchte, sei die „zentrale Frage aller deutschen Fragen“ – wie es dazu kommen konnte – in Vergessenheit geraten, meint Aly. Sich mit ihr zu befassen, sei von seiner Tochter bei einem Besuch der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen angestoßen worden: „Sag’ mal, und bei all dem war Opa irgendwie dabei?“ Ja, lautet die Antwort Alys. Sein Vater habe seine Aufgaben mit Schwung und Erfolg erledigt. „Mit Morden und Kriegsverbrechen hatte er nichts zu tun, mehrfach davon gehört sehr wohl.“ Zweifellos habe auch der Vater eine der vielen kleinen Stützen Hitlerdeutschlands gebildet.
Diese vielen kleinen Stützen, aber auch die Skeptiker, wurden von der modernen, multimedialen Propaganda aus dem Ministerium von Joseph Goebbels, von Hitlers pokernder Politik, von Annexionen und Blitzkriegen in ständige Spannung, Angst, Atemlosigkeit und immer nur kurze Erleichterung versetzt. Es galt, wie Aly anschaulich zeigt, ein hohes Tempo vorzulegen, die Leute nicht zur Ruhe und zum Nachdenken kommen zu lassen. Goebbels spannte die hochentwickelte deutsche Unterhaltungsindustrie für seine Zwecke ein und beschäftigte die besten Regisseure, Schauspielerinnen, Komponisten und Sängerinnen. Ob die schwul oder aus der linken Kulturelite der Weimarer Republik stammten, war dem Propagandaminister egal. Die „Kulturschaffenden“ machten gern mit, sie wurden gut bezahlt.
Aly blickt auf die Interdependenzen zwischen Führung und Volk: Wer Macht ausüben will, tut auch in einer Diktatur gut daran, sich des Wohlwollens und des Mitmachens einer Mehrheit, in Hitlers Worten: „der Masse der Mitte“, zu versichern. Aly zeigt anhand vieler Biografien, Tagebucheinträge und Briefe ganz normaler Deutscher, vom BdM-Mädel bis zum Professor, wie Hitlers Regime die Gesellschaft in Begeisterung versetzte, atomisierte, aktivierte, ihren Bedürfnissen entgegenkam, sie in die eigenen Verbrechen verwickelte, etwa durch das Ersteigern jüdischen Hausrats. Schließlich drohte man den Deutschen mit der Beteiligung an diesen Verbrechen: Mitgefangen, mitgehangen. Im Falle einer Niederlage werde es den Deutschen nicht anders ergehen als ihren Opfern, bleuten Goebbels und Hitler den Deutschen seit 1942 ein.
Wie konnte das also geschehen? Für Aly gibt es nicht eine, sondern mehrere Antworten, die je nach Phase – im Frieden, in der erfolgreichen ersten und in der von der absehbaren Niederlage bestimmten zweiten Hälfte des Kriegs – unterschiedlich ausfallen. Die geburtenstarken Jahrgänge einer laut Thomas Mann so aufmüpfigen wie autoritären Jugend strebten nach oben. Sie hatten „Lust, Klassengrenzen zu überschreiten“ und nahmen die Angebote des Regimes zur Teilhabe genauso gern an wie die durch den Ausschluss der Juden aus der Volksgemeinschaft frei gewordenen Stellen. Die Protestanten gehörten zur Kernklientel der NSDAP. Führende Vertreter der Evangelischen Kirche (die Bekennende Kirche keineswegs ausgenommen) bejubelten Hitlers „Machtergreifung“ als „Geschenk und Wunder Gottes“.
Man kann sich nur einmal mehr darüber wundern, wie es dieser Kirche nach 1945 gelungen ist, so zu tun, als hätte sie gegen das Regime gekämpft. Auch Gewerkschaften setzten mancherorts einiges daran, den Mythos ihrer Zerschlagung aufrechtzuerhalten, obwohl sie sich im Großen und Ganzen relativ geschmeidig gleichschalten ließen. Das hatte mit den Gerechtigkeitsversprechen der Nazis zu tun, die sie durch sozialpolitische Wohltaten auch einlösten.
1933 votierte nur die SPD gegen das Ermächtigungsgesetz. Die anderen vier Parteien der Mitte stimmten zu, auch das katholische Zentrum. Allerdings war es der katholische Bischof von Münster, Clemens August Graf von Galen, der im Sommer 1941 in drei Predigten gegen das Euthanasieprogramm wetterte, mit dem das Morden begann. Aly stellt die berechtigte Frage, was passiert wäre, wenn Galen früher seine Stimme erhoben und wenn er vor allem nicht allein auf weiter Flur geblieben wäre.
Im Zentrum der Analyse steht – wenig überraschend, das hat er bereits anderswo dargelegt – Alys Charakterisierung der Hitlerschen Politik als „hochkriminell durchorganisierte, blutigste Konkursverschleppung der Weltgeschichte“. Die Aufrüstung der Wehrmacht war nur durch massive Staatsverschuldung möglich, was den Krieg unausweichlich machte, der die Verschuldung weiter erhöhte. So wurden die deutschen Juden enteignet, die besetzten Länder ausgeraubt und diesen nahegelegt, ebenfalls ihre Juden zu enteignen. Wurden die Lebensmittel in Deutschland knapp, plante man das Verhungernlassen ganzer Städte in der Sowjetunion.
Viele Deutsche, die dabei mitwirkten, waren keine NSDAP-Mitglieder, sie kamen „aus der Mitte der Gesellschaft“. Die Regierung, die Staat und Gesellschaft zusehends verschmolz, konnte „auf Millionen von aktiven Unterstützern, von gleichgültigen, fungiblen Mitläufern und mehreren Hunderttausend an den Schreibtischen, in der Logistik und der Verwaltung sowie in den Stätten zur Menschenvernichtung tätigen Exekutoren“ bauen. Weshalb Aly bevorzugt, von Hitlerdeutschland und den Deutschen, nicht von „den Nationalsozialisten“ zu sprechen. Auch die ersten Opfer des Regimes, das sich durch hohe innere Pluralität auszeichnete, waren Deutsche, die als politische Gegner exemplarisch verhaftet wurden. Seit 1934 richtete sich die Gewalt gegen „Inländer, die von der gesellschaftlichen Mehrheit als unliebsame, das kerndeutsche Miteinander beeinträchtigende Randgruppen angesehen wurden“, schreibt Aly.
Er wendet sich dagegen, diesen „auf das aktive oder passive Mittun der Volksmassen gestützten Schurkenstaat“ unter dem allgemeinen, sehr unterschiedliche Regime beschreibenden Begriff „Faschismus“ zu subsumieren. Die Adjektive „nationalsozialistisch“ und „völkisch“ erscheinen ihm hohl, auch wenn man sie mit dem inhaltlich entleerten Schimpfwort „Ideologie“ kombiniere.
Der Holocaust habe auf dem Antisemitismus basiert, „hätte jedoch ohne einen insgesamt mörderisch geführten, allein von Deutschland zu verantwortenden Großkrieg nicht ins Werk gesetzt werden können“. Aly versucht zu zeigen, dass es das Scheitern des Kriegs war, das Hitler im Winter 1941 zum Entschluss brachte, das von seinen SS-Generälen, Besatzungs- und Umvolkungsmanagern begonnene Mordprogramm auf die Gesamtheit der europäischen Juden auszuweiten, um das Volk auf den „Endsieg“ einschwören zu können. Die Ermordung der Juden, von Menschen mit Behinderung, von sowjetischen und polnischen Zivilisten und Kriegsgefangenen erzeugten laut Aly die mafiose Schweige-Gemeinschaft von Volk und Führung, die das Weitermachen bis zum Schluss ermöglichte.
Aly betont, dass es erstens die Nazi-Ideologie nicht gab, sondern situativ der Lage angepasste Programme, und zweitens sich der Mord an den Juden nicht ausschließlich aus antisemitischem Hass, Irrationalismus oder „Wahn“ erklären lässt. Er weist aber selbst darauf hin, dass das Regime politisch umsetzte, was etwa am ersten Lehrstuhl für Rassenhygiene an der Münchener LMU oder am Berliner Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik, wo Dr. Dr. Josef Mengele studierte, vorgedacht wurde. Alys barsche Zurückweisung des Begriffs der Ideologie liest sich daher arg polemisch. Werden Menschen erst als „lebensunwert“ oder „Untermenschen“ gezeichnet, ist ihre potenzielle Vernichtung mitgedacht.
Wo aber fing das Übel an? Aufstieg und Machtübernahme der NSDAP könnten nicht allein dem rechten Lager zur Last gelegt werden, die Weimarer Republik sei nicht nur am verlorenen Krieg, dem Versailler Diktat, Wirtschaftskrisen, rechten Beamten, Richtern und Militärs gescheitert, argumentiert Aly. Die Kommunisten hatten die Republik genauso vehement bekämpft wie die Nazis. Der Historiker richtet den Blick auf die vielen jungen und protestantischen Wählerinnen und Wähler, die bei zwei Wahlen im Jahr 1932 die NSDAP zur stärksten Fraktion im Reichstag machten. Bei beiden Wahlen errangen Parteien, die ein Ende der Republik anstrebten, über 50 Prozent der Stimmen.
Bald habe sich der Nationalsozialismus als identitäre Massenbewegung präsentiert, „die für das Ende erlittener Demütigungen eintrat, Denkmäler stürzte, Straßen umbenannte und ihre Anhänger als per se bessere Menschen qualifizierte, denen die Zukunft gehörte“. Das erscheint Aly „nicht unaktuell“.
Eine der Lehren, die sich seiner Meinung nach aus dieser Analyse ziehen ließen, lautet, „dass ähnlich agierende, auf ständigen Aktionismus und Daueraggression setzende politische Regime frühzeitig in ihren Bewegungsmöglichkeiten gestoppt, zumindest deutlich abgebremst werden müssen“. Wenn man sich derzeit in der Welt umsieht, scheint das allerdings leichter gesagt als getan. Allen, die aber verstehen wollen, „wie das geschehen konnte“, weil es wieder geschehen kann, sei Alys Buch zur Lektüre empfohlen.
Götz Aly: „Wie konnte das geschehen? Deutschland 1933 bis 1945“. S. Fischer, Frankfurt am Main 2025, 768 Seiten, 34 Euro
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