Tunesien räumt Flüchtlingscamps: Neue Feindbilder in Nordafrika
Am Strand von Sfax leben Tausende afrikanischer Migrant:innen unter menschenunwürdigen Bedingungen. Jetzt haben nordafrikanische Länder mit der Deportation begonnen.

Seit fast zwei Jahren ist der 60 Kilometer lange Küstenstreifen nördlich der Hafenstadt Sfax Sammelpunkt derjenigen, die auf einen Platz in einem Boot nach Lampedusa oder Sizilien hoffen. Seitdem viele libysche Milizen von den Angehörigen inhaftierter Migrant:innen Geld erpressen, gilt Tunesien als die sicherste Route nach Europa.
Doch seit August 2024, nachdem die Brüsseler EU-Kommission mit Präsident Kaïs Saied ein Migrationsabkommen unterzeichnete, fängt die tunesische Küstenwache fast alle Boote mit Migrant:innen an Bord ab.
Gleichzeitig kommen über die algerische und libysche Grenze immer mehr Menschen an die Küste. Die Spannungen zwischen der lokalen Bevölkerung und den aus Subsahara-Afrika kommenden Menschen steigen. Noch während der Corona-Pandemie hatten beide Gemeinschaften einträglich zusammengelebt, auch weil die Migrant:innen als unterbezahlte Tagelöhner:innen viele Betriebe im Servicebereich durch die Wirtschaftskrise geholfen hatten.
Helfende kriminalisiert, medizinische Hilfe verboten
Dann entfachte eine Wutrede des Präsidenten im vergangenen Sommer eine Welle der Gewalt, die Nationalisten mit Videos auf sozialen Medien geschickt vorbereitet hatten. Statt zusammen mit der EU eine geordnete Rückführung der Migrant:innen zu organisieren, bezeichnete Saied die Migration als Verschwörung fremder Mächte gegen die arabische und islamische Identität Nordafrikas. Nach gewaltsamen Übergriffen auf dunkelhäutige Menschen in Tunis und Sfax flohen Migrant:innen in die endlosen Olivenhaine bei Sfax.
Um in Algerien, Mali oder Libyen Wartende von der Reise nach Sfax abzuhalten, wurde der UN-Organsiation IOM de facto die Arbeitslizenz entzogen. Viele Aktivist:innen privater tunesischer Hilfsorganisationen aus Sfax wurden wegen angeblichem finanziellem Missbrauch von Spenden oder wegen des Empfangs von Geldern aus dem Ausland zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt.
„In den letzten Wochen durften uns auch die Apotheken keine Medikamente mehr aushändigen“, klagt Ibrahim Foufana, der in mehreren Lagern Feldkrankenhäuser aufgebaut hat. Der 26-jährige angehende Chirurg aus Guinea behandelt zusammen mit einem Freiwilligenteam seit dem letzten Sommer Verletzte, chronisch Kranke und hilft schwangeren Frauen bei der Geburt.
In der „Kilometer 30“ genannten Zeltstadt ist Foufanas aus Plastikplanen und mit Klebebändern zusammengehaltenen Lazarett der einzige Anlaufpunkt für über 4000 Menschen. „Seitdem die tunesischen Krankenhäuser selbst hochschwangere Migrant:innen ablehnen, werden hier Kinder unter unglaublich schlechten hygienischen Bedingungen zur Welt gebracht“, sagt der junge Arzt.
„Nicht Europas Grenzschützer sein“
Durchschnittlich starben in den Lagern wöchentlich fünf Menschen an Infektionen oder Schwäche, berichtet das medizinische Personal gegenüber der taz in Al Amra, einem kleinen Fischerdorf, in dem es letzte Woche zu Straßenprotesten gegen die „Afrikaner“ gekommen war. „Für uns steigen wegen der bis zu 70.000 Migranten im Süden Tunesiens die Lebensmittelpreise“, klagt zum Beispiel Zied Melulli, der Gründer einer Bürgerinitiative für die Wiederherstellung von Recht und Ordnung in Sfax. „Doch von der Finanzhilfe aus Brüssel ist gerade hier in der Provinz, wo das Zusammenleben lange gut funktioniert hatte, nichts angekommen. Wir sind es leid Europas Grenzschützer zu sein.“
Die italienische Regierung hatte am Mittwoch angekündigt, Tunesien bei der „Repatriierung“ der Migrant:innen mit 20 Millionen Euro zu unterstützen. Die Bundesregierung unterstützt die Küstenwache und Nationalgarde mit technischem Gerät und Ausbildung.
Deportation an die algerische Grenze
Am Freitag morgen hatten sich mehrere hundert Migranten bei einer Delegation gemeldet, die in Westen von IOM zur Zeltstadt „Kilometer 30“ gekommen war. Doch statt in das von den Vereinten Nationen standardisierte Rückführungsprogramm aufgenommen und nach mehreren Wochen Wartezeit in die Heimat geflogen zu werden, setzten Beamte der Nationalgarde sie in Busse, die sie an die algerische Grenze transportierten. In anderen Lagern zerstörten die Sicherheitskräfte die Zelte der Bewohner, die in Panik flohen. „Niemand ist mehr sicher,“, berichtet Saiko Jeng vom Kilometer 31. „Selbst vor IOM-Mitarbeitern haben wir Angst.“
In der Nähe der algerischen Grenzstadt Tebessa werden seit Monaten aus Sfax deportierte Migranten von Straßenbanden aufgelesen und an die algerische Polizei übergeben. Diese bringt die oft ausgehungerten Menschen an die Grenze zum Niger, von wo sie sich sich mit einem 15 Kilometer langen Fußmarsch durch die Sahara in das IOM-Center in der Stadt Assamaka durchschlagen.
Libyen schließt sich den Pushback-Plänen an
Am Mittwoch hat sich nun auch die libysche Regierung dem großen Pushback-Plan Tunesiens und Algeriens angeschlossen. Salem Geith, der Sprecher der „internen Sicherheitsagentur“ (ISA), einem Inlandsgeheimdienst, verkündete ein Arbeitsverbot für 10 internationale Nichtregierungsorganisationen, die Flüchtlinge und Migrant:innen mit Lebensmitteln und Medikamenten helfen.
Dem Norwegischen Flüchtlingsrat (NRC), Ärzten ohne Grenzen, Terre des Hommes und anderen Hilfsorganisationen wird vorgeworfen, die Menschen in Libyen ansiedeln zu wollen. Vier Millionen Illegale Migranten würden zur Zeit in Libyen leben, behauptete Innenminister Emad Trabelsi kürzlich vor Journalisten in Tripolis und warnte. „Europa müsse helfen die libyschen Grenzen zu sichern oder man werde das Problem wie die Nachbarländer lösen.“
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