US-Armee unter Trump: Der Kampf um Fort Bragg
Trumps Verteidigungsminister Pete Hegseth kommt nicht aus den Schlagzeilen. Wie gehen die Menschen rund um die größte Militärbasis der USA damit um?

In Fayetteville, North Carolina, liegt der Armeestützpunkt Fort Bragg: der Wirtschaftsmotor der Region und ein Name, der wie kein anderer auf der Welt für US-amerikanische Macht steht. Aus Fort Bragg entsandte man mehr Soldat:innen nach Afghanistan und Irak als von jeder anderen US-Basis. Fast 50.000 Soldat:innen sind hier untergebracht, viele weitere Angestellte und Veteranen leben mit ihren Familien in Fayetteville. Spezialkommandoeinheiten sowie das Zentrum für militärische Terrorismusbekämpfung sind in Fort Bragg stationiert.
Wie blicken Angehörige des Militärs und Veteranen in Zeiten wie diesen, in denen die Ordnung der Welt sich neu sortiert, auf ihr Land?
Im November 2024 gewann Donald J. Trump zum zweiten Mal eine Präsidentschaftswahl in den USA und amtiert seit Januar 2025 als 47. Präsident. Er treibt den Umbau öffentlicher Einrichtungen und einen Kurswechsel in der Außenpolitik voran.
Black Lives Matter – immer noch?
Auf halber Strecke zwischen Militärbasis und dem mickrigen Stadtzentrum leuchtet in neongelben Lettern die Aufschrift „Liberty Island Foods“. Draußen drückt die Mittagssonne auf den Asphaltdschungel Fayettevilles. Drinnen warten der Veteran Marvin Samuels und seine Frau in einem fast leeren Restaurant für Spezialitäten aus Jamaika auf Kundschaft.
Samuel, ein kräftiger Schwarzer Mann, serviert Reis mit gebratenen Kochbananen und Akee, ein gekochtes Seifenbaumgewächs. Unpolitisch wolle er bleiben, sagt er. Aber ein Name entfalte nun einmal auch eine gewisse Wirkung. Liberty. Er lacht. Im Januar, nachdem er aus dem Armeedienst ausgeschieden war, eröffnete er sein Restaurant. Der Name sollte eine Hommage an seine Basis sein, in der er fast 20 Jahre stationiert war. Doch dann kam alles anders.
Seit seiner Gründung 1918 verdankte der Stützpunkt seinen Namen Braxton Bragg, einem General der Konföderierten, der auch nach Ende des Bürgerkrieges eine Plantage mit über 100 Sklaven besaß. Nach den Black-Lives-Matter-Protesten benannte das Verteidigungsministerium Fort Bragg 2023 in „Fort Liberty“ um. Die Umbenennung kostete mehr als sechs Millionen Dollar.
Pete Hegseth sorgt für Umbenennung
Im Februar ordnete Trumps neuer Verteidigungsminister Pete Hegseth mit dem Befehl „Bragg is back!“ die Rückbenennung an, offiziell nunmehr zu Ehren von Roland L. Bragg, einem einfachen Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg. Der Familie des 1999 verstorbenen hatte niemand Bescheid gesagt. Sie erfuhren durch einem Lokalreporter davon.
„Fort Bragg verkörperte für uns Soldaten immer den Stolz, hier zu dienen. Ich kannte die historische Bedeutung des Namen nicht“, sagt Marvin Samuels. Wenige Wochen nach der Eröffnung seines Restaurants erfuhr er, dass aus Liberty wieder Bragg werden sollte. Er zuckt mit den Schultern. Die Probleme, die jetzt auf ihn zukommen könnten, fühlen sich größer an als ein Name.
Der Konflikt um den neuen alten Namen wirkt wie ein Vorbote. Pete Hegseth, dem jede politische Erfahrung fehlt, verwaltet ein Budget von etwa 800 Milliarden Dollar und übernimmt die Verantwortung für Rüstungsprojekte und sicherheitspolitische Entscheidungen.
Alkohol, sexuelle Übergriffe, White Supremacy
Die Ernennung des ehemaligen Fox-Moderators zum Verteidigungsminister war selbst unter Republikanern kontrovers. Er gilt als Trinker, seine Ex-Frau soll sich aus Angst vor ihm im Schrank versteckt haben. Wegen sexueller Übergriffe hatte er 2017 einer Frau 50.000 Dollar zahlen müssen.
Auf seiner Brust trägt Hegseth das sogenannte Jerusalem-Kreuz eintätowiert. Ein Symbol, das häufig mit ultrarechten christlichen Kreisen der White Surpremacy in Verbindung gebracht wird. In Zukunft solle sich das Pentagon auf „tödliche Schlagkraft, Leistungsprinzip, Kriegsführung und Bereitschaft konzentrieren“, sagte er bei der Senatsanhörung vor seiner Ernennung.
Das Budget des Pentagons soll in den nächsten fünf Jahren um jeweils acht Prozent gekürzt werden: pro Jahr um 50 Milliarden Dollar. Im Kriegsveteranenministerium will man 80.000 Mitarbeiter:innen entlassen. Einige der bereits vollzogenen Kündigungen befanden Gerichte als gesetzeswidrig, die Mitarbeiter:innen durften nach Wochen wieder an ihren Arbeitsplatz zurückkehren.
Von der panischen Starre, die sich in diesen Tagen durch progressive Kreise in US-Großstädten zieht, ist in Samuels Restaurant nichts zu merken. Ihm ist Hegseth egal. „Uns Menschen im Militär interessiert eine Sache. Unter welcher Regierung können wir am besten für unsere Familien sorgen? Bei den Republikanern waren unsere Gehaltschecks immer am dicksten.“ Und dann noch: „Aber wer in diesen Tagen keine Zukunftsängste hat, der spinnt.“
Marvin Samuels, Restaurantbesitzer
Wenn die Regierung tatsächlich die Richtung einschlagen wird, in die sie sich gerade bewegt, könnten viele Militärangehörige ihre Jobs verlieren, glaubt er. In der Stadt herrsche ein Gefühl von Unsicherheit. Obwohl bei den vergangenen drei Wahlen 60 Prozent aller Veteranen und Reservisten für Trump gestimmt haben.
Das Ende von Diversitätsprogrammen beunruhigt Samuels weniger, auch wenn er selbst Diskriminierung in der Armee erfahren hat. Auch unter Schwarzen hätte es Konkurrenzkämpfe gegeben. Trump sei nun mal ein Puppenspieler und sein Kabinett ein Haufen Marionetten. „Wenn sie die Diversität vor ihrer Nase nicht anerkennen wollen, heißt das, sie fürchten sie?“
Dem Militär fehlt es an Nachwuchs
Ende des Zweiten Weltkrieges bestand das US-Militär aus zwölf Millionen Soldaten im aktiven Dienst. Heute sind es 1,3 Millionen, obwohl die Bevölkerung sich seitdem verdoppelt hat und das Militär auch Frauen zulässt. Es fehlt an Nachwuchs. Laut einer Studie des Pentagons haben drei Viertel der jungen Amerikaner:innen zwischen 17 und 24 entweder Übergewicht, schaffen den Eignungstest nicht, würden unter psychischen und physischen Einschränkungen leiden oder seien vorbestraft.
Fragt man Donald Trump oder Pete Hegseth, dann ist es die „woke“ Entwicklung des Militärs, die junge Menschen vom Eintritt in die Armee abhält. Den von Hillary Clinton und Joe Biden viel zitierten Satz „Unsere Vielfalt ist unsere Stärke“ bezeichnete Hegseth als „den dümmsten Satz in der Militärgeschichte“. Gleichstellungsinitiativen würden spaltend wirken und junge christliche Männer abschrecken. Dabei geben die allermeisten von ihnen in Umfragen als Hauptgründe für ihr Desinteresse am Militär die Angst vor dem Tod, Verletzungen und posttraumatischer Belastungsstörung an.
Kampf der „Wokeness“ in der Armee
Trotzdem hat Hegseth der „Wokeness“ den Kampf erklärt. Ein Dekret, um trans* Menschen aus dem Armeedienst zu verbannen, wurde bereits unterschrieben, auch wenn es derzeit per richterlicher Anordnung vorläufig gestoppt ist. Die neue Regierung entließ, kaum im Amt, den Schwarzen Kampfpiloten und Generalstabschef Charles Q. Brown und die Kommandantin der Küstenwache Linda Lee Fagan, die ihre Posten beide jeweils als erster Schwarzer und als erste Frau bekleidet hatten.
Seit dem Signal-Gate, bei dem Trumps Sicherheitsberater einen streng geheimen Militärschlag im Jemen per Signal-Chat diskutierten und ein Journalist die interne Kommunikation mitlesen konnte, sind einige hochrangige Militärvertreter verärgert, berichten Medien. Schließlich war es die Sicherheit der Piloten, die man durch das fahrlässige Verhalten aufs Spiel setzte. „Wir können nicht darauf vertrauen, dass es dem Pentagon wirklich um unsere Sicherheit geht“, sagten sie der New York Times. Dass Pete Hegseth versuchte, die Schwere des Vorfalls herunterzuspielen, statt den eigenen Fehler zuzugeben, machte das Ganze nur noch schlimmer.
Schräg gegenüber von Samuels Restaurant, im Pfandleihhaus für Militärzubehör, kriegt man von den Veränderungen unter der neuen Regierung nur am Rande etwas mit. Alles hier ist wie immer. Die immer gleichen armen Schlucker, die ihre Besitztümer verpfänden. Die Drogenabhängigen in den Straßen Fayettevilles. Die trostlose Langeweile. Hier kaufen und verkaufen sie Militärrucksäcke, Revolver und Jagdgewehre, patriotische Poster mit Szenen aus dem Vietnamkrieg.
In einer Glasvitrine sind gold-glitzernde Eheringe wie traurige Zeugen gescheiterter Ewigkeit aufgereiht. In der Mitte prangt einer mit vergoldetem Hanfblättchen. „Der Mann wird ins Ausland versetzt, die Frau bleibt hier und geht fremd. Dann trennen sie sich und bringen uns den Ring“, erklärt der Angestellte so heiter, als würde er eine Episode aus seiner liebsten Telenovela nacherzählen.
Dass man das Verteidigungsbudget kürzen will, wusste er noch nicht. Aber bei all der Verschwendung und Korruption, die er von plauderfreudigen Kunden aus nächster Nähe mitbekommt, hält er das für eine gute Idee.
Militär ist in Fayetteville omnipräsent
In Fayetteville ist das Militär allgegenwärtig. In der Mall hängen Jeans im Military-Look, Stripclubs locken mit Werbebannern, auf T-Shirts stehen Sprüche wie „Proud Army Mom“. Überall wuseln Menschen in Uniform herum. Aber wer im aktiven Dienst ist, darf keine politischen Aussagen machen und soll nicht mit Medien sprechen. Nur eine Frau mit Pferdeschwanz zieht ihre Augen zu Schlitzen und gibt mit passiv aggressiver Stimme von sich, sehr gut würde es laufen.
Renate trägt keine Uniform mehr, als sie durch die Mall streift. Es ist ihr Geburtstag. Sie hat dickes, blau leuchtendes Make-up aufgetragen, das ihr von den Wimpern tropft. Im Vorbeigehen raunt sie: „Ich bin auch aus Deutschland!“ Renate stammt aus Bamberg. In den Sechzigerjahren verliebte sie sich in einen US-amerikanischen Soldaten, der in Deutschland stationiert war. Die beiden heirateten. Sie zog mit ihm nach Fort Bragg, nahm die US-amerikanische Staatsbürgerschaft an und ging als IT-Frau selbst zum Militär.
Jetzt ist der Mann schon lange tot, die Tochter und der Trump-wählende Schwiegersohn leben in Washington. Renate ist alleine in Fayetteville geblieben und vermisst ihre deutsche Heimat. Alle Nachbarn in ihrer Siedlung seien Veteranen, sagt sie. Und alle seien sie entsetzt über ihr Land. Renate fürchtet, dass man ihr die Krankenversicherung wegnehmen könnte. Dem Schwiegersohn wird man wahrscheinlich seine Versehrtenrente kürzen. Vielleicht wird er dann endlich einsehen, was Trump anrichtet. Sie kann sich ein Grinsen nicht verkneifen.
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